14 Tote und Millionenschäden durch Orkantief "Emma"

von
03. März 2008, 08:19 Uhr

Hamburg - Das Orkantief „Emma“ hat mit gewaltiger Kraft über Deutschland und anderen europäischen Ländern gewütet und mindestens 14 Menschen in den Tod gerissen. Bundesweit starben sechs Menschen. Das Unwetter wehte Dächer weg, entwurzelte Bäume, kippte Fahrzeuge um, zerstörte Stromleitungen und brachte den Reiseverkehr durcheinander. Polizei und Feuerwehr sprachen von Schäden in Millionenhöhe.

Vor allem in Süddeutschland gab es am Samstag, dem meteorologischem Frühlingsanfang, heftige Hagelschauer, Schnee, Gewitter und Überschwemmungen. Viele Menschen wurden verletzt. In Bayern knickte eine Kirchturmspitze ab, in Wien fiel ein Kran auf Bahngleise, an der Nordsee liefen Sturmfluten auf.

In Deutschland forderte das Unwetter Menschenleben in fünf Bundesländern: In Deesen (Rheinland-Pfalz) stürzte ein gläubiger Mann von einem Baum in den Tod. Er hatte den Baum mit Kordel und Draht sichern wollen, damit dieser nicht auf eine in der Nähe stehende Marienstatue kippt. Ebenfalls in Rheinland-Pfalz wurde ein 58- Jähriger in einem Auto im Westerwald von einer Fichte erschlagen. In Bayern erfasste eine Böe einen Motorrollerfahrer (72) und drückte ihn in den Gegenverkehr. In Sachsen kam eine 68-Jährige bei einem Autounfall ums Leben. In Baden-Württemberg starb ein 19-jähriger Autofahrer, als er trotz eines starken Graupelschauers auf eisglatter Fahrbahn überholte und mit einem Transporter zusammenstieß. In Sachsen-Anhalt wurde ein 48-Jähriger mit seinem Kleintransporter in die Mittelleitplanke geweht.

In Norddeutschland hat das Sturmtief dagegen geringere Schäden verursacht als zunächst befürchtet. Dennoch waren die Feuerwehren wegen zahlreicher umgeknickter Bäume, umherfliegender Verkehrsschilder und Bauzäune sowie abgedeckter Dächer in manchen Regionen pausenlos im Einsatz. Allein im Landkreis Stade kippten 40 Bäume um, wie die Polizei mittelte. Mehrere Menschen wurden bei vom Sturm verursachten Unfällen verletzt.

In Hamburg stand der Fischmarkt unter Wasser. Straßen mussten gesperrt werden. Wegen entwurzelter Bäume kam es zu Behinderungen im Bahnverkehr. Auch Fährbetriebe mussten eingestellt werden. In der Nacht zu Sonntag beruhigte sich die Lage.

Am ostfriesischen Festland lief die Flut zwei Meter höher auf als normal. Vor Borkum und Emden kam es sogar zu einer schweren Sturmflut, wie der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz mitteilte. Wo es Dünenabbrüchen gab, werde erst am Montag genau feststehen.

Auf der Bundesstraße 73 zwischen Buxtehude und Neukloster wurden drei Menschen bei einem Unfall verletzt. Ein 15 Meter hoher Baum stürzte auf das Auto einer 53-Jährigen. Die Fahrerin wurde schwer verletzt. Zwei Mitfahrer erlitten leichte Verletzungen. Auf der Autobahn 261 stürzte zwischen Lürade und Tötensen ein entwurzelter Baum auf die Fahrbahn und traf einen Pkw. Die 30-jährige Beifahrerin wurde schwer, der 42-jährige Fahrer leicht verletzt.

In Göttingen warfen am Samstagmorgen heftige Sturmböen auf der A 7 einen leeren Lkw um. Das Gespann kippte nach rechts und lag quer zur Fahrtrichtung. Der Fahrer blieb unverletzt. In Richtung Norden war die Autobahn mehrere Stunden gesperrt. Es entstand ein Schaden von 30 000 Euro. Am frühen Sonntagmorgen kam ein Lkw auf der A 27 zwischen Bremen und Bremerhaven wegen einer Windböe von der Fahrbahn ab und beschädigte 150 Meter Schutzplanke.

Zwischen Bodenfelde und Northeim in Niedersachsen stürzte ein Baum aufs Bahngleis, wie eine Bahnsprecherin sagte. Der Lokführer eines Personenzugs übersah das Hindernis und fuhr dagegen, der Triebzug entgleiste mit einer Achse. Die rund 20 Fahrgäste blieben unverletzt. Auf den Bahnstrecken Osnabrück-Münster und Bremen-Bremerhaven fielen Bäume auf die Oberleitung. Am Sonntag stürzte ein Baum auf die Oberleitung der S-Bahnlinie zwischen Buxtehude und Hamburg-Neugraben. Alle betroffenen Strecken blieben für mehrere Stunden gesperrt.

In Garbsen bei Hannover stürzte ein Baum auf vier vor einer Kirche geparkte Autos, die zu einer Hochzeitsgesellschaft gehörten. Verletzt wurde niemand. In Drage bei Harburg wurde ein Mann mit seinem Pkw auf einer Landzunge vom Hochwasser umschlossen. Die Feuerwehr musste den Mann mit einem Boot retten.

In Hamburg verzeichnete die Feuerwehr am Samstag zwischen 13.00 und 19.00 Uhr über 400 Sturm-Einsätze. Windböen hatten mit Geschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde Dächer abgedeckt und Gerüste aus der Verankerung gerissen.

Am Sonntag beruhigte sich die Lage. Die Aufräumarbeiten waren in vollem Gange. Die Münchener Rück konnte die genaue Höhe der Versicherungsschäden noch nicht schätzen. Am stärksten betroffen war Bayern, wo es am Samstag auf Gleisen und Straßen ein Verkehrschaos gab. Nach Angaben der Deutschen Bahn hat „Emma“ jedoch deutlich weniger angerichtet als der Orkan „Kyrill“ im Januar 2007. „Der Sturm war in Dauer und Intensität nicht vergleichbar“, sagte ein Sprecher. Am Sonntag hieß es auf den meisten Strecken wieder: Freie Fahrt!

Vielerorts erreichte „Emma“ am Samstag Windgeschwindigkeiten von mehr als 120 Kilometern pro Stunde. Den Rekordwert registrierte der Wetterdienst meteomedia mit 222 km/h auf dem 1838 Meter hohen Wendelstein in den Bayerischen Alpen. Örtlich stürzten gewaltige Regenmengen nieder. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wurden zwischen Freitag- und Samstagmorgen in Beerfelden im Odenwald (Hessen) 63,6 Liter pro Quadratmeter gemessen.

Das Geschehen sei teilweise „dramatisch“ gewesen, berichtete meteomedia-Chef Jörg Kachelmann. Doch „Emma“ habe nicht so großflächig gewütet wie „Kyrill“. Der Orkan hatte vor einem Jahr mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 202 Kilometern pro Stunde eine Schneise der Verwüstung durch Europa geschlagen. 47 Menschen starben, 11 davon in Deutschland. Nach Einschätzung von Versicherern hatte „Kyrill“ einen Schaden von mehr als drei Milliarden Euro angerichtet.

„Emma“ wütete auch in den Nachbarländern. Je zwei Tote gab es in Tschechien und Polen, vier in Österreich. Darunter waren nach Angaben der österreichischen Polizei zwei deutsche Urlauber.

In Tirol starb ein 77 Jahre alter deutscher Tourist, als ein Baum auf sein Auto krachte. Ebenfalls in Tirol kam auf einem Campingplatz ein 69-Jähriger aus dem Raum Friedrichshafen ums Leben. Eine Windböe hatte den Urlauber und seine Frau unter dem eigenen Wohnwagen begraben. Die Frau kam ins Krankenhaus. In St. Pölten wurde eine Frau getötet, als ein Baum ihr Cabrio zerschmetterte. Im Bundesland Salzburg wurde ein Urlauber in einem Taxi von einem herabstürzenden Felsbrocken erschlagen.

In Tschechien forderte „Emma“ zwei Menschenleben. Auf einem Friedhof wurde ein Mann von einem herabfallenden Metallstück getötet. Ein elfjähriges Mädchen wurde unter einem umstürzenden Baum begraben. Vier südböhmische Landkreise riefen den Notstand aus, berichtete Radio Prag. Am Sonntagmorgen waren in Ostböhmen noch etwa 100 000 Menschen ohne Strom.

In Polen starb ein 42-jähriger Mann, als ein entwurzelter Baum sein Auto zerdrückte. Ein 28- Jähriger kam ums Leben, weil sich das Dachteil eines vor ihm fahrenden Lasters im Sturm löste und auf sein Auto geweht wurde.

In Wien kippte im Sturm ein Kran auf die Gleise des Südbahnhofe und beschädigte Signale, Strom- und Oberleitungen, Bahnsteigkanten und eine Außenwand. Der Bahnhof bleibt voraussichtlich bis zum Mittwoch geschlossen. In Rumänien führten „Emma“-Ausläufer zu Überschwemmungen, im Norden des Landes mussten mehr als hundert Familien ihre Häuser verlassen.

Auch wichtige Sportveranstaltungen wurden vom Winde verweht. Das für Samstag angesetzte Fußball-Bundesliga-Spiel Energie Cottbus gegen den VfB Stuttgart fiel ebenso aus wie die alpinen Skirennen in Zwiesel im Bayerischen Wald und Weltcup-Wettbewerbe der Skispringer und Nordischen Kombinierer im finnischen Lahti.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen