Schwerin : Tüftler im modernen Gewand

Ein Besuch beim Modellbauverein im Stadtteil Görries ist eine Reise durch eine fast 200-jährige bewegte Eisenbahngeschichte.

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14. Juni 2019, 14:24 Uhr

Die Faszination Modellbau hat Ralf Kahnert, Fahrzeugwart bei dem Verein schon früh ergriffen. "Bei mir fing es im Alter von rund sechs Jahren mit einem Starterset an. Seitdem ist mein Interesse daran ungebrochen."

Und so ginge es vielen Eisenbahnfreunden. Lediglich am Ende der 10. Klasse gebe es oftmals einen kleinen Bruch, sagt Kahnert. "Da rücken dann erstmal andere Dinge in den Vordergrund." Dazu gehörten etwa steigende schulische und berufliche Belastungen, Beziehungen sowie später die Gründung von Familien." Die Abstinenz sei in den meisten Fällen allerdings nicht von Dauer: "Mit Mitte 30 sind viele wieder dabei."

Nicht nur im Verborgenen aktiv

Und sie bleiben dem Verein in den allermeisten Fällen treu. "Unser ältestes Mitglied ist 75 Jahre alt", so der Fahrzeugwart. Urgesteine wie Kai Pönisch sind seit nunmehr rund 40 Jahren Teil des Vereins. Der jüngste Teilnehmer ist indes der 22-jährige Marco Sarter, der dem rund 30 Mitglieder zählenden Klub seit März angehört. "Ich war mit Klassenkameraden bei einer Ausstellung des Vereins in der John-Brinkmann-Schule, die mich sehr beeindruckt hat." Zudem gebe es auch Schnittpunkte mit dem Beruf. "Ich arbeite als Automatisierungstechniker, von der daher sind gerade auch die technischen Hintergründe, auf deren Grundlage das Ganze basiert, für mich sehr interessant."

Die zumeist im Berufsleben stehenden Eisenbahnfreunde tüfteln nicht nur im Verborgenen, sondern stellen sich und ihr Hobby immer wieder einer größeren Öffentlichkeit vor. Kahnert: "Wir sind seit 2013 mit einer Ausstellung in der John-Brinkmann-Schule vertreten, präsentieren uns auch in Neustadt-Glewe." Bei der diesjährigen Veranstaltung im Februar habe die 114 Module umfassende Anlage Ausmaße von 18 mal 13,5 Metern gehabt.

Ein solches Projekt zu stemmen, sei auch mit einem erheblichen logistischen Aufwand verbunden. "Wir bauen drei Tage lang auf, präsentieren uns neun Tage und bauen nach der Ausstellung alles in der Nacht von Sonntag auf Montag ab." Früher hatte das Ganze im Marstall stattgefunden, ehe der Auszug des Museums über die Bühne ging.

Ob die Modellbaufreunde sich 2020 wieder dort zeigen, steht aktuell noch nicht fest. Mit einer Entscheidung ist laut Kahnert im September zu rechnen.

Unterstützung durch Stadtwerke

Und eine größere Exkursion gab es vor zwei Jahren ins Bergische Land. "2017 waren wir in der Schweriner Partnerstadt Wuppertal, haben dort eine große Anlage aufgebaut." Dafür habe es auch einen Gegenbesuch aus Nordrhein-Westfalen gegeben, allerdings ohne technisches Equipment im Gepäck. Zustande gekommen sei der Kontakt unter Vermittlung der Stadtwerke der beiden Städte. "Unser Vorsitzender Frank Tille ist bei den Stadtwerken Schwerin beschäftigt, der Wuppertaler Verein ist sogar Bestandteil der dortigen Einrichtung." Die Veranstaltung sei auch von den jeweiligen Trägern der beiden Städte unterstützt worden, etwa durch die Übernahme eines Teill der damit verbundenen Kosten, sagt Kahnert.

Und zudem gebe es regelmäßige Besuche bei Spielzeugmessen, die wertvolle Erkenntnisse mit sich brächten. "Wir sind bei den großen Veranstaltungen,etwa in Leizpig und Berlin." Dabei gebe es neben regionalen Unterschieden, die sich etwa an den Strukturen der jeweiligen Landschaften oder Städte ausrichten, auch länderspezifische Differenzen. "Die Belgier beispielsweise bauen in der Regel eher kleinere, dafür aber unglaublich detailreiche Anlagen." Zudem setzten Eisenbahnfreunde dieser Nation, ähnlich wie auch Dänen oder Niederländer, allgemein mehr auf Landschafts- als auif Wagenbau. Dieses Vorgehen bringe aber auch Nachteile mit sich: "Sie haben starrere Strukturen, können weniger variieren."

Ein wenig mogeln ist erlaubt

Appropos variieren. Ein wenig mogeln müssen die Schienenfreunde schon, um ihre Anlagen zum Laufen zu bringen. So etwa Frank Heinrich, der sich just an einem Flexgleis zu schaffen macht und diesem eine beachtliche Biegung verleiht. "So etwas setzen wir vor allem für längere Strecken ein, um diese dann beweglicher zu machen." Die Flexgleise seien zudem als Lückenfüller sehr gut geeignet, Biegungen wie von Heinrich vorgenommen, in der Realität zumeist nicht umsetzbar.

In technischer Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten indes eine ganze Menge getan. Der gute alte Trafo hat zwar nicht ausgedient, ist heute aber lediglich ein Mittel, um Lokomotiven und Wagen ihre Runden drehen zu lassen. Mitglieder der jüngeren Generation steuern die Anlagen inzwischen auch vom Notebook aus.

Reise durch die Eisenbahngeschichte

Ein Besuch beim Modellbauverein an der Handelsstraße im Stadtteil Görries bedeutet gleichzeitig eine Art Reise durch die mittlerweile fast 200 Jahre währende Eisenbahngeschichte. Von den Anfängen mit Bezug auf die erste, anno 1835 zwischen Nürnberg und Fürth verkehrende Bahn bis in die heutige Zeit. Kontinuitäten spiegeln sich darin ebenso wieder wie die großen Zäsuren, mit denen die einzelnen Epochen ihr Ende fanden. Kahnert erklärt: "Bei uns sind praktisch alle Epochen vertreten. Wir haben hier beispielsweise auch Anlagen aus der Epoche der Dampflokzeit, die in Schwerin im Jahr 1985 zu Ende gegangen ist." Anschließend setzte die Elektrifizierung ein.

Der Modellbauverein trifft sich jeweils dienstags ab 17 Uhr im Vereinsheim an der Handelsstraße. Kontakt: Vorsitzender Frank Tille, Telefon: 0385 / 61 23 02.

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