Onlineflirts und Masken-Küsse : So verändert Corona das Dating-Verhalten im Norden

von 30. Dezember 2020, 14:12 Uhr

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In 2020 daten und verlieben wir uns anders. Aber wie?
In 2020 daten und verlieben wir uns anders. Aber wie?

Dating im Jahr 2020 bedeutet: Wir lernen uns per Video kennen, verzichten auf Treffen und küssen weniger.

Schwerin/ Rostock/ Flensburg | „Lust auf einen Chai Latte, sobald Corona sich beruhigt hat?“, fragt Lena* in ihrem Tinder-Profil. Mit einem Wisch nach rechts, und etwas Glück, matchen wir. Und dann geht es los: Das große Spiel der Liebe, des Flirtens, des Onlinedatings. Onlinedating an sich ist nicht neu: Die Plattformen heißen Tinder, Lovoo, ElitePartner, Bumble, Parship oder OKCupid. Sie versprechen die große Liebe, den intensiven Flirt, vielleicht auch den schnellen Sex. Aber auch in diesem Jahr? Wie wir Datingapps benutzen, hat sich – und zwar massiv. Wir sind neu auf Tinder Angefangen hat es mit dem plötzlichen Lockdown: mitten in den Frühlingsgefühlen und der Lust, sich zu verlieben. Die Clubs und Bars, in denen sich zuvor Menschen kennenlernten, waren geschlossen. Unseren Arbeitsplatz verlegten wir nach Hause und unsere sozialen Kontakte reduzierten wir. Statt auf Partys, am Arbeitsplatz oder über Freunde uns zu verlieben, blieb nur eins: Onlinedating. Und das macht sich auf den Plattformen bemerkbar. Mehr Menschen daten online – und melden sich an. 37.000 Suchenende meldeten sich 2019 wöchentlich auf Parship an. Diese Zahl hat sich mit dem Lockdown in 2020 nochmal gesteigert. „Wir haben einen Anstieg der Neuregistrierungen festgestellt und lagen im Zeitraum von Mitte März bis Anfang Juni knapp ein Zehntel über dem Niveau des Vorjahres“, so Pressesprecherin Nora Liedtke. Gut 68.000 Singles verliebten sich 2019 über Parship – wie viele es wohl in diesem Jahr sind? Weitere Themen des XL-Jahresrückblicks: Corona als Umwelt-Retter? So sauber war unsere Luft 2020 wirklich Quiz: Wie gut kennen Sie die Corona-Fakten des Jahres 2020? Wer auf Tinder nach aktiven Nutzern sucht, findet vor allem junge Männer und Frauen, die sich gerade erst neu angemeldet haben – die teilweise ohne die Pandemie nicht auf der Plattform wären. Sie heißen Toby, Conni oder Pauline, seit meist in ihren Zwanzigern, und erst seit Kurzem (wieder) auf Tinder. So wie Toby aus Rostock: Ich dachte mir, man kann es ja mal versuchen, da es durch Corona aktuell sowieso schwieriger ist, jemanden kennenzulernen. Zuvor habe ich neue Leute kennengelernt, wenn man sich zufällig über den Weg gelaufen ist oder durch neue Bekanntschaften im Studium. Lara aus Rostock war dagegen schon vor Corona zeitweise auf Tinder. Allerdings nutzt sie es jetzt häufiger als vorher. Seit den Einschränkungen ist es noch komplizierter geworden, jemanden kennenzulernen, da die üblichen Bars, Clubs, etc. schließen mussten. In meinem Freundeskreis haben sich mittlerweile viele hier angemeldet, die Tinder vorher nicht genutzt haben. Und auch Constanze Köpp aus Hamburg versuchte, über die Plattform neue Kontakte zu finden: Ich war für drei Monate bei Tinder. Man kann ja mal jemanden kennenlernen für die Zeit nach der Pandemie. Es ist ein intensiveres Kennenlernen. Weil man weiß, man kann woanders kaum jemanden kennenlernen. Auch im zweiten Lockdown, dem Lockdown Light seit November, sind manche Singles weiter auf der Partnersuche. 18 Prozent suchen nun vermehrt online nach einem Partner, so eine bundesweite Parship-Umfrage. Nahezu jeder vierte Single-Mann ist jetzt online auf der Suche. Bei Frauen sind es 14 Prozent. Wir swipen mehr Mit steigenden Nutzerzahlen, steigen auch die Interaktionen. Gespräche werden häufiger und länger. Wir swipen und matchen mehr. Das berichtet auch Niklas* aus Schwerin. Mir ist aufgefallen, dass die Zahl der Nutzer scheinbar gestiegen ist. Zumindest habe ich den Eindruck, eine höhere Match-Zahl zu haben. In manchen Städten Norddeutschlands sind die Matches bei der Datingapp OKCupid innerhalb eines Jahres um über 80 Prozent gestiegen, wie diese Karte zeigt: HTML Block Wir schreiben anders Onlinedating hat sich in diesem Jahr emanzipiert und intensiviert. Potenzielle Partner werden eher angeschrieben, die Chats sind häufiger und ausführlicher und die Gespräche dadurch tiefer und intensiver. So beschreiben es Single-Frauen und -Männer, die im Juli von der Partnervermittlung Parship befragt wurden. Auch bei Tinder gibt es offenbar mehr und auch längere Unterhaltungen, wie diese Umfragedaten zeigen: Auch die Profile auf Tinder haben sich verändert. Statt Hobbies oder Interessen schreiben Tinder-Nutzer jetzt auch witzige Sprüche mit Corona-Bezug in ihre sogenannten „Bios“. Dabei handelt es sich um Profiltexte, mit denen die Nutzer sich selbst beschreiben. Tinder hat die Top 20 Bios des Jahres 2020 zusammengestellt. Der Bezug zur Corona-Pandemie ist deutlich: Related content Wir verzichten auf echte Dates Eine bundesweite Umfrage der Dating-Plattform Parship zeigt aber auch, dass 22 Prozent der Singles im derzeitigen Lockdown Light telefonieren, chatten oder videotelefonieren, anstatt auf echte Dates zu gehen. Jeder zweite Single verzichtet aktuell auf echte Dates – aus Sorge, sich anzustecken. Frauen verzichten noch eher als Männer. 57 Prozent sagen, sie daten jetzt vorsichtiger und achten auf Abstandsregeln. Fragt man auf Tinder, halten sich die meisten mit Dates zurück. Mary aus Hamburg etwa war vor Corona eine aktive Daterin: Zwischen September und bis zum Anfang der Pandemie traf sich gut 15 verschiedene Date-Partner. Jetzt ist es anders. Im Sommer, als sich die Lage etwas entspannt hatte, habe ich wieder ein bisschen gedatet. Jetzt, wo die Lage wieder kritischer ist, verzichte ich zum Schutz meiner Familie darauf. Max aus Schwerin berichtet: Corona ändert definitiv etwas. Vorher habe ich Leute auf Partys oder Geburtstagen kennengelernt. Jetzt kann ich mich kaum noch mit Leuten treffen. Einen trinken gehen, feiern gehen, geht alles nicht. Wir daten per Video Corona ist nicht nur eine Revolution für das Dating per se. Es ist auch eine Revolution für das Online-Dating. Denn obwohl virtuelles Kennenlernen bereits das Konzept von Tinder, Lovoo und Co ist, sehen wir in diesem Jahr: Es geht noch digitaler. Viele Plattformen ermöglichen in diesem Jahr ihren Nutzern Video-Chats und ergänzen ihre Apps um neue Funktionen. Bei Tinder können Matches seit Oktober jetzt direkt videotelefonieren, Lovoo schaltet Livestream-Matches und Onlinespiele frei, ElitePartner führt ein eigenes Tool ein. Die Nutzerzahlen sprechen für sich: Videochats seien ein guter Einstieg vor dem ersten richtigen Date, finden die Lovoo-Mitglieder. 92 Prozent der Lovoo-Nutzer reden einfach gemütlich bei ihren Video-Dates miteinander. Auch Lara* aus Rostock hatte bereits ein Skype-Date. Sie findet aber: Das war echt komisch und gar nicht meins. Ich treffe mich lieber mit den Leuten draußen zum Spazieren gehen. Wir suchen nicht nur Liebe Wir chatten generell mehr – auch mit Personen, die wir im echten Leben gar nicht treffen wollen. Für einige Nutzer sind Online-Dating-Plattformen ein Fenster zur Welt. Sie suchen nicht nur die große Liebe oder den schnellen Flirt, sondern auch Freundschaften, Bekanntschaften, soziale Kontakte. Auf Tinder begegnen uns Frauen, die neu in eine fremde Stadt gezogen sind und ankommen wollen. Männer, die in ihren Status „Keine Dates“ schreiben – oder wie Tim: „Ich bin für vieles offen, Freundschaft+, Beziehung oder einfach nur chatten.“ Und da ist Tim nicht allein. Auch Marie* sucht etwas anderes als die große Liebe: Ich suche eher Unterhaltung und sozialen Kontakt. Ohne Corona denke ich nicht, dass ich auf Tinder wäre. Aber der Mangel an sozialen Kontakten führen auf Dauer zu Langeweile. Pauline hat sich erst kürzlich bei Tinder angemeldet: Ich bin in eine neue Stadt gezogen und da ja alle Freizeitangebote zu haben, wollte ich hier neue Leute kennenlernen. Treffen würde ich mich aber erst nach dem Lockdown. Dann erstmal sowas wie Kaffee trinken oder spazieren gehen. Und Lukas sieht Tinder als Zeitvertreib: Man schreibt mit einigen, aber mehr wird dann nicht daraus. Die Nutzung von Tinder ist für jemanden, der eher ländlich wohnt, immer schwierig. Dates hatte ich keine. Wir daten woanders Zwei von drei Parship-Mitgliedern wollten im Sommer sich zum Spazierengehen oder Picknicken verabreden. Gut jeder Zehnte plante aber auch, sein Date in die eigenen vier Wände einzuladen oder zu besuchen. Dabei waren Männer (14 bzw. 15 Prozent) gewillter, sich im Privaten zu treffen als Frauen (jeweils vier Prozent). Alternativ setzten 45 Prozent auf Restaurants oder Bars. Unter den Tinder-Nutzern gibt es einige, die sich auch aktuell treffen würden. So wie Marvin: Meistens treffen wir uns auf neutralem Boden. Wenn man weiter weg wohnt, dann in einer Stadt, die beide nicht wirklich kennen. Dann kann man zusammen die Stadt erkunden, was essen gehen (wenn etwas auf hat). Lisa* beschreibt ihre Treffen so: Wir gehen zum Beispiel spazieren. Zu einem nach Hause zu gehen ist im Moment schwierig und Körperkontakt muss ziemlich eingeschränkt werden. Es ist schon anders als vor Corona. Constanze Köpp hat sich in ihrer kurzen Zeit auf Tinder mit zwei Männern getroffen: Mit einem war ich essen, als das Infektionsgeschehen es zugelassen hat. Beim zweiten Date hat es gleich gefunkt und danach haben wir uns natürlich öfter getroffen. Trotzdem fühlt sich das Daten seit Corona anders an. Die Leichtigkeit gehe verloren, sagt Lara* aus Rostock. „Man überlegt sich zweimal, ob man jemanden umarmt oder nicht.“ Das liegt wohl oder übel auch an einem kleinen aber kaum übersehbaren Accessoire unserer Zeit: Unsere Maske. Wir daten ohne Maske Aber tragen wir überhaupt eine Maske beim Daten? Nein, sagen 69 Prozent der Parship-Mitglieder noch im Juli. Man sieht den Gegenüber nur halb, Gespräche werden weniger verständlich und Dates unpersönlich. Jeden zweiten Mann stört es zudem, dass er nicht küssen kann. Bei Frauen sind es 29 Prozent. Sich körperlich näher kommen wollten Parship-Mitglieder im Sommer dennoch: Das sagten 29 Prozent der befragten Männer und 15 Prozent der Frauen. Überraschenderweise sehnen sich die meisten aber gar nicht nach Sex, sondern viel mehr nach Umarmungen und Zärtlichkeiten, wie eine Umfrage der Dating-App Lovoo verrät. Dennoch sind Sex und One-Night-Stands auf Datingplattformen wie Tinder ein Thema. Manche, wie Goerge aus Rostock, nutzen die App bewusst, um One-Night-Stands zu finden – auch während Corona. Ich suche hier nach Spaß, Frauen sagen mir direkt, ob sie in One-Night-Stands interessiert sind oder nicht. Seit Corona habe ich vier bis fünf getroffen. Das waren mehr Frauen als zuvor. Wenn die Frau in einem überfüllten Ort arbeitet, zögere ich. Aber wenn sie einen Bürojob hat, nehme ich das Risiko in Kauf. Marie* aus Mestlin findet hingegen, dass viel zu viele auf schnellen Geschlechtsverkehr spekulieren. Sie fragen offen nach Treffen und ob man Interesse an einem ONS hat. Selbst wenn ich meine Homosexualität ins Profil setze, kommen sie immer wieder an. Aber auch Frauen sind so drauf. Mary aus Hamburg hat ebenfalls beobachtet, dass viele den Corona-Lockdown ignorierten: Auf meine Corona-Anmerkung reagierten viele mit Antworten wie ‚Ach kommt schon, ich bin gesund, verspreche ich‘. Draußen auf Abstand spazieren gehen wollten sie dann aber auch nicht. 2020 hat das Onlinedating noch virtueller gemacht, aber auch kreativer, unterhaltsamer und facettenreicher. Wir daten anders und doch gleich: Wer schnellen Sex sucht, der findet. Wer die große Liebe sucht, der braucht etwas mehr Glück. Und wer einfach nur spaßige Unterhaltungen sucht, kommt in diesem Jahr aus dem Chatten gar nicht mehr heraus. *Namen von der Redaktion geändert ...

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