Weniger Abfall im Norden : So will Kiel Deutschlands erste Zero-Waste-Stadt werden

Kiel will als erste Stadt Deutschlands Zero-Waste-Stadt werden. Dafür ist sie „Zero Waste Europe“ beigetreten.
Kiel will als erste Stadt Deutschlands Zero-Waste-Stadt werden. Dafür ist sie „Zero Waste Europe“ beigetreten.

Weniger Müll, mehr Recycling: Um Deutschlands erste Zero-Waste-Stadt zu werden, hat Kiel ambitionierte Ziele festgelegt. Wie die Landeshauptstadt diese erreichen will und was ihr dabei hilft.

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22. Juli 2021, 14:00 Uhr

Kiel | Der Gestank ist gemein. Kein Wunder, denn in der Halle auf dem Kieler Betriebshof liegt der Müll in großen Haufen: Schmutzige Windeln, vergammelte Wurst, schimmliges Brot. Die Männer, die hier arbeiten, stört der Geruch offenbar wenig. Sie interessieren sich bloß für Abfall, wenn er am falschen Platz liegt: die dreckigen Windeln im Biomüll, die Plastikverpackung im Restmüll.

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Marcus Dewanger

Beim Abfallwirtschaftsbetrieb wird an diesem Juni-Vormittag der Bio- und Restmüll analysiert: Eine Woche lang schauen Mitarbeiter des Hessener Witzenhausen-Instituts, wie die Kieler ihren Müll trennen. Eine Abfalltonne nach der anderen wird – differenziert nach Stadtteil und Bebauung – abgekippt und akribisch durchsortiert.

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Marcus Dewanger

Ein Mitarbeiter schaufelt gerade einen Haufen Gartenabfälle in ein großes Trommelsieb, durch das die kleinsten Teile durchfallen. Die größeren werden händisch auf Fremdstoffe hin sortiert. Am Ende soll eine Analyse zeigen, wie viel und was die Einwohner falsch trennen. Unsere Kollegen vom sh:z haben das Vorgehen in diesem Video festgehalten:

Ambitionierte Ziele, um Zero-Waste-Stadt zu werden

All der Aufwand wird zum einen betrieben, um strengeren Abfallgesetzen gerecht zu werden. Zum anderen ist die Arbeit Puzzlestück eines großen Ziels: Kiel will als erste Stadt Deutschlands Zero-Waste-Stadt werden. Dafür ist sie „Zero Waste Europe“ beigetreten: Dem Netzwerk gehören mehr als 400 europäische Kommunen an, die sich verpflichtet haben, ihren Müll kontinuierlich zu reduzieren.

Die Zero-Waste-Bewegung

Zero Waste (Deutsch: null Abfall oder null Verschwendung) verfolgt das Ziel, möglichst wenig Müll zu produzieren und möglichst viel davon wiederzuverwerten, statt ihn auf Deponien zu entsorgen oder zu verbrennen. Inzwischen gibt es in Städten und Gemeinden auf der ganzen Welt Vereine und Netzwerke, deren Mitglieder etwa Kosmetik und Putzmittel selbst herstellen, Unverpackt-Läden und Reparaturwerkstätten eröffnen und auf politische Umsetzung drängen.
Eine Zero-Waste-Stadt verpflichtet sich anhand konkreter und überprüfbarer Ziele, ihr Abfallaufkommen kontinuierlich zu reduzieren und die Abfalltrennung zu verbessern. San Francisco war die erste Großstadt, die plant, Zero-Waste-City zu werden. In Europa erklärte sich das italienische Capannori 2007 zur ersten Zero-Waste-Stadt. Seitdem haben fast 400 europäische Gemeinden beschlossen, dem Beispiel zu folgen. Im slowenischen Ljubljana ist der Abfall laut „Zero Waste Europe“ um 15 Prozent gesunken, die Menge der auf Deponien verbrachten Abfälle um 95 Prozent.

Derzeit ist Kiel im Prozess der Zertifizierung, darf den Titel also noch nicht tragen. Die Ziele aber stehen: Bis 2035 soll die Gesamtabfallmenge pro Kopf um 15 Prozent gesenkt und die der Restabfälle halbiert werden. Langfristig soll der Restabfall dann nur noch 50 Kilogramm pro Einwohner betragen (2017 lag er bei 170 Kilogramm pro Kopf).

Es geht also um möglichst wenig statt null Abfall – erstmal. Denn bei dem Lebenswandel der Deutschen ist klar, dass zunächst nur eine Annäherung an das Optimum realistisch ist. „Eine Reduktion der Gesamtsiedlungsabfälle um 15 Prozent bis 2035 ist tatsächlich schon eine ganze Menge“, erklärt Projektleiterin Tatjana Allers – in Kiel wären das im Jahr 18.500 Tonnen und pro Kopf 75 Kilogramm weniger Abfall.

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Stadt Kiel

107 Maßnahmen von Trinkbrunnen bis Mehrwegquote

„Die Ziele sind ambitioniert, aber realistisch“, sagt sie; auch die Experten vom Umweltbundesamt begrüßen die Zero-Waste-Bewegung und nennen Kiels Ziele „ambitioniert“. Erreicht werden sollen sie mit 107 Maßnahmen, die in einem Konzept gebündelt sind, das „im Moment einmalig in Deutschland ist“, freut sich Stadträtin Doris Grondke. „Dafür haben wir schon viel Lob bekommen.“ So erhielt das Konzept im Mai den Hans-Sauer-Award 2021, der zukunftsweisende Forschung und Praxis auszeichnet.

Es ist ein großes Bündel an Ideen, das da prämiert wurde: Der Abfall in Behörden soll durch Einwegverbote und das papierlose Büro halbiert werden, Schulen, Kitas und Universitäten sollen mit Hilfe von Becherpfand, abfallfreien Mensen und Trinkbrunnen komplett einwegfrei werden. Auch den Handel möchte man ins Boot holen – Geschäfte könnten etwa eine Mehrwegquote einführen oder ihre Werbeprospekte reduzieren.

imago stock&people

Zero-Waste-Labels werden vorbildliche Schulen und Firmen zieren, und um die Bürger für die Idee zu gewinnen, sind ein Beirat und Wettbewerbe geplant, etwa Haushalts- und Schul-Challenges. Ein Zero-Waste Kulturhaus, das Einrichtungen und Veranstaltungen wie Flohmärkte, Reparaturwerkstätten und Tauschbörsen unter einem Dach vereint, ist ebenso im Gespräch wie eine Zero Waste-Card, mit der es Rabatte auf nachhaltige Produkte gibt.

Werden die Kieler in Zukunft nur für das zahlen, was sie wegwerfen?

Und dann ist da natürlich noch die Abfallwirtschaft: Je sauberer die Bürger trennen, desto mehr Müll kann wiederverwertet werden, statt auf Deponien und Verbrennungsanlagen zu landen. Aber wie gut sind die Kieler darin? Was werfen sie in die falschen Tonnen, und in welchen Stadtteilen tun sie es? „Bevor wir weiterplanen können, müssen wir genau wissen, wie viele und welche Störstoffe da drin sind“, erklärt Andreas Kirchhof vom Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel.

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Marcus Dewanger

Wie viel Grasschnitt, Scherben und braune Bananen landen im Restmüll? Wie viele Plastikverpackungen, Zigarettenstummel und Socken im Biomüll? Die Antworten darauf sollen bei der Suche nach einer entscheidenden Frage helfen: Wie bekommt man die Menschen dazu, besser zu trennen und weniger wegzuwerfen?

Der Müll der Deutschen im Jahr 2018.
Umweltbundesamt
Der Müll der Deutschen im Jahr 2018.

Lösungsansätze gibt es einige: Wertstoffinseln, an denen sie ihre Pappkartons, Gartenabfälle oder Glasflaschen entsorgen können. Störstoffdetektoren am Abfallwagen, die direkt Alarm schlagen, wenn Batterien im Restmüll liegen. Rote Aufkleber, die eine falsche Befüllung bemängeln. Eine Sperrmüllsammlung, bei der die Wiederverwendung im Fokus steht. Die Einführung einer Wertstofftonne für Kunststoffe und Metall. Auf jeden Fall prüfen wird die Stadt das Prinzip „Pay as you throw“, bei dem die Abfallgebühr nach Müllmenge berechnet wird – was allerdings bei Gemeinschaftstonnen Probleme aufwirft.

Das Vorhaben fällt in Kiel auf fruchtbaren Boden

Dass all diese Vorhaben ausgerechnet in Kiel diskutiert werden, ist nicht überraschend. Als Klimaschutzstadt und Mitglied im Klimabündnis tut sich die Fördestadt seit Jahren in Sachen Nachhaltigkeit hervor. 2019 rief sie als erste Landeshauptstadt den Klimanotstand aus, in diesem Jahr wurde sie mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis geehrt. Bei der Kieler Woche 2019 führte sie flächendeckend Mehrwegbecher ein.

Dadurch, dass hier schon viel in Sachen Ressourcenschutz passiert ist, war der Boden vorbereitet. Andreas von der Heydt, Umweltschutzamt

„Das war ein Riesenerfolg, aber nur ein Teil. Das Ziel ist es, alle Großveranstaltungen Zero Waste hinzubekommen“, erklärt der Leiter des Umweltschutzamtes Andreas von der Heydt. Und sollte das funktionieren, könnte es Trends in der Industrie setzen, so die Hoffnung – denn wo Big Player wie die Kieler Woche & Co. auf Nachhaltigkeit setzen, lohnt sich auch ein Umdenken für beteiligte Unternehmen.

Engagierte Landeshauptstadt

„Zero Waste“ ist nicht das erste große Konzept der Landeshauptstadt zu mehr Nachhaltigkeit. 2019 beschloss Kiel als eine der ersten Kommunen in Deutschland mit „Climate Emergency“, dass sie schneller klimaneutral werden will als im Klimaschutzplan 2050 des Bundes vorgegeben. Das Konzept sieht vor, „bei allen Maßnahmen die Auswirkung auf das Klima so gering wie möglich zu halten“ sowie „Maßnahmen mit höherer Klimafreundlichkeit prioritär zu behandeln“. Dabei fasst der „Masterplan 100 % Klimaschutz“ zusammen, wie das gelingen soll.

Und auch die Bürger sind engagiert: Es gibt Tauschbörsen, Reparaturcafés und die „ResteRitter“, die gegen Lebensmittelverschwendung kämpfen. 2014 eröffnete in der Landeshauptstadt der erste „Unverpackt“-Laden Deutschlands, zwei Jahre später wurde der Verein Zero Waste gegründet, der bei der Verwaltung für die Bewerbung um den Zero-Waste-Titel warb.

Bei Müllvermeidungsstrategien haben wir im Moment die Pole Position, und wir versuchen, bei anderen Städten dafür zu werben. Andreas von der Heydt, Leiter Umweltschutzamt

Eine Reise nach San Francisco gab den Ausschlag

„Dadurch, dass hier schon viel in Sachen Ressourcenschutz passiert ist, war der Boden vorbereitet“, berichtet Andreas von der Heydt. Konkret wurde die Idee auf einer Reise des Oberbürgermeisters Ulf Kämpfer nach San Francisco. Die Partnerstadt Kiels war die erste weltweit, die das Ziel ausgab, abfallfrei zu werden. „Das war der Impuls: ,Das machen wir auch'“, berichtet Stadträtin Doris Grondke. Den Beschluss fasste die Ratsversammlung 2018, im Herbst 2019 folgten die Auftaktveranstaltung und eine Reihe von Workshops mit Bürgern.

„Müllvermeidungsstrategien an sich sind nicht Neues, aber in dieser Dimension eben schon. Da haben wir im Moment die Pole Position, und wir versuchen, bei anderen Städten dafür zu werben. Nur wenn man das regional und überregional ausweitet, macht es Sinn“, sagt Andreas von der Heydt.

Auch andere Städte im Land sind aktiv

Weitere Städte in Schleswig-Holstein planen derzeit zwar nicht konkret, sich um den Titel einer Zero-Waste-City zu bewerben. Insgesamt sei aber die Sensibilität gestiegen, berichtet Jörg Bülow vom schleswig-holsteinischen Gemeindetag. „Das Anliegen ist für unsere Gemeinden im Kern nichts Neues. Viele bemühen sich etwa bei Volksfesten, Mehrwegprodukte einzusetzen.“

In Itzehoe macht der sehr aktive Verein „Zero Waste“ Lösungsvorschläge für eine sauberere Stadt, Neumünster wird ein Abfallvermeidungsprogramm erarbeiten. Eckernförde tauschte im Rahmen des Projekts „Statt-Plastik-Becher.de“ die Kunststoffbecher in Kitas gegen Edelstahlbehälter aus und viele Kommunen haben ein Mehrwegbechersystem eingeführt; zudem gibt es immer mehr Unverpackt-Läden in Schleswig-Holstein.

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In Lübeck gibt es die Initiative „Wir für Mehrweg“, und auch im touristischen Entwicklungskonzept und im Masterplan Klimaschutz der Stadt wird die Abfallvermeidung auftauchen. In Flensburg wäre von einem Zero Waste-Projekt „nicht so sehr viel Verbesserung zu erwarten“, glaubt Geoffrey Warlies, Pressesprecher des Technischen Betriebszentrums (TBZ): „Weil wir vieles davon schon machen.“ So hat das TBZ die Kampagnen „Wir für Bio“ und „Wir lieben Recycling“ gestartet, um die Bürger für eine saubere Mülltrennung zu gewinnen, und es arbeitet mit Schulen, Kitas und einem Sozialkaufhaus zusammen, das weggeworfene, aber noch gut erhaltene Möbel bekommt.

In Hamburg ist das Leuchtturm-Projekt „Moringa“ geplant

Bundesweit arbeiten derzeit München, Frankfurt, Berlin und Köln an Zero-Waste-Konzepten, in vielen Städten gibt es Vereine und Bewegungen, die mehr Anstrengungen fordern, ein Vorbild ist das Münchner Oktoberfest. Auch die EU ist aktiv: Vor drei Jahren verschärfte sie die Abfallrahmen-Richtlinie, gerade hat sie diverses Einweg-Plastik verboten.

Forschung und Industrie liefern Ideen, die bei der Müllvermeidung helfen sollen, wie recycelbare Fliesen, Teppiche und Glas, Seegras als Dämmstoff oder kompostierbare Kleidung. In der Hamburger Hafencity ist ein Hochhaus geplant, das unter dem Namen „Moringa“ ein Leuchtturm-Projekt der Nachhaltigkeit werden soll: Verwendet werden nur gesunde Materialien, die sich trennen und wiederverwerten lassen, ohne dass Müll oder giftiger Abfall entstehen.

200.000 Euro für den Anfang

„So unrealistisch es zunächst klingt, null Müll herzustellen, so sehr müssen wir irgendwann eine Kreislaufwirtschaft hinbekommen“, glaubt Andreas von der Heydt. 200.000 Euro stehen für Kiels Zero-Waste-Ziele im ersten Jahr zur Verfügung – und das ist erst der Anfang. „Es läuft jetzt alles an“, berichtet Tatjana Allers. Einzelhändler und Institutionen überzeugen, sich mit Schulen und Firmen austauschen – „für die Umsetzung brauchen wir eine hohe Akzeptanz.“

Zurück auf dem Betriebshof, wo immer noch die Akzeptanz der Mülltrennung untersucht wird. An den Gestank hat man sich inzwischen gewöhnt, die Instituts-Mitarbeiter schaufeln kräftig Müll ins Trommelsieb. Projektleiter Falk Neumann ist zufrieden. „Ich finde, es sieht noch ganz gut aus.“

Falk Neumann.
Marcus Dewanger
Falk Neumann.

Vor allem freut ihn, dass er bislang keine Schadstoffe gefunden hat. „Manche Bürger schmeißen ihren Müll wahllos in irgendeine Tonne, die nehmen überhaupt nicht an der Mülltrennung teil.“ Und wenn dann beutelweise Batterien im Bioabfall liegen, „tut mir das schon ein bisschen weh“. Heute waren es keine Batterien, dafür in Plastik verpackte Grillwürstchen. Die große Hoffnung ist, dass Zero Waste hier etwas verändert.

So vermeiden Sie Müll im Alltag

Orientieren Sie sich an diesen Leitsätzen der Zero-Waste-Community:
1. Refuse/Rethink: Lehnen Sie Produkte ab, die Sie nicht brauchen oder die stark verpackt sind. Denken Sie um.
2. Reduce: Reduzieren Sie Ihren Müll; etwa, indem Sie Dinge weitergeben und weniger kaufen.
3. Reuse/Repair: Nutzen Sie Dinge häufig und reparieren Sie, anstatt wegzuwerfen: Geben Sie Sachen weiter, die Sie nicht mehr brauchen, kaufen Sie Second-Hand-Kleidung oder gebrauchte Möbel und nutzen Sie Mehrwegflaschen, Stoffbeutel und waschbare Tücher statt Einwegflaschen, Plastiktüten und Küchenpapier.
4. Recycle: Recyceln Sie den Rest: Trennen Sie Ihren Müll gewissenhaft.
5. Rot: Kompostieren Sie Lebensmittelreste, zum Beispiel im Garten oder in einer Wurmbox in der Küche.
Tipps zum Selbermachen etwa von Deos, Waschmittel oder Geschenktüten, finden sich im Internet unter www.smarticular.net
Online-Angebote für unverpackte Lebensmittel gibt es hier: „Unverpackt für alle“ oder „Unverpackt Versand“
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