„Die Prinzen“ mit neuem Album : Sebastian Krumbiegel: „Ich habe einmal um mein Leben gefürchtet“

Markanter Kopf im Pop-Business: Sebastian Krumbiegel, Sänger der Band 'Die Prinzen'.
Markanter Kopf im Pop-Business: Sebastian Krumbiegel, Sänger der Band "Die Prinzen".

Sebastian Krumbiegel von der Band „Die Prinzen“ gehört zu den markantesten Köpfen im deutschen Pop-Business – nicht nur wegen seines seit 30 Jahren unveränderten Aussehens.

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10. Juni 2021, 14:28 Uhr

Leipzig | Sebastian Krumbiegel (55), Mastermind der Band „Die Prinzen“, spricht im Interview über neuen Elan und alte Kamellen.

Sebastian, wenn man sich Fotos von dir im Laufe der Jahre anschaut, könnten man meinen, du bist deinem Friseur immer treu geblieben.

(lacht) Ich bin mein eigener Friseur. Markenzeichen: Haare stehen nach oben.

Sebastian Krumbiegel im Jahr 2003.
dpa/Jens_Kalaene
Sebastian Krumbiegel im Jahr 2003.

Eine Reminiszenz an den Punk?

Nein. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mit einem Seitenscheitel durch die Gegend zu laufen. Auf die rote Färbung verzichte ich allerdings: Als 54-jähriger Mann könnte man schnell zur Karikatur seiner selbst werden. Die Frisur ist extrem pflegeleicht. Dafür brauche ich auch kein Haarspray. Ein bisschen Haarwachs reicht, dann rubbele ich das ordentlich durcheinander und sehe sofort nach dem Aufstehen bühnentauglich aus (lacht). Aber um auf die Frage zurückzukommen…

Gern.

Wir haben zwar hier und da mit Punk-Attitüden gespielt, waren aber nie Punks, sondern sind im besten Sinne bildungsbürgerlich aufgewachsen – mit viel Kultur und Bach. Ich habe Punkrock damals nicht mal verstanden. Mittlerweile bin ich ein echter Fan, mag die Haltung, den Zorn und Lärm – und die Schlichtheit, mit drei Harmonien etwas rauszuhauen und zu erzählen.

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Jetzt habt ihr mit „Dürfen darf man alles“ auf jeden Fall mal wieder eine starke Single rausgehauen. Was darf sich Sebastian Krumbiegel im Jahr 2021 erlauben zu sagen?

Gegenfrage: Was darf er nicht? Es ist ein großes Missverständnis, dass viele Leute glauben, nichts mehr sagen zu dürfen oder sich davor hüten zu müssen, ihre Meinung zu sagen. Man darf alles öffentlich sagen, solange man nicht Gesetze verletzt und menschenverachtenden, volksverhetzenden oder antisemitischen Unsinn propagiert. Natürlich muss man immer mit Gegenwind rechnen.

Leidet denn nicht die Meinungsfreiheit unter der Pandemie?

Die Tatsache, dass wir uns nicht mehr in Präsenz treffen können, sondern nur noch virtuell sehen, und auch allgemein die heutige Internetkultur ist diesem Gedanken nicht besonders zuträglich. Es bilden sich zunehmend polarisierende Lager: Entweder bist du dafür oder dagegen, Daumen hoch oder runter, Hetze oder Likes, links oder rechts. Das ist alles undifferenziert, und es findet keine sachliche Debatte mehr statt.

Trifft das auch auf die Aktion #allesdichtmachen zu?

Die Aktion hat ja eine riesige Aufmerksamkeit bekommen und einen Diskurs angeschoben, den wir, ob wir wollen oder nicht, führen sollten. Ich habe einige Beiträge als befremdlich und unglücklich empfunden. Aber was eben auch kontraproduktiv war, war dieser komplexe, nationale Aufschrei, das Geschimpfe und sogar die Forderungen nach Berufsverbot für einige Schauspieler. Das ist nicht konstruktiv und zeigt, wie extrem dünnhäutig wir in der Pandemie geworden sind. Selbst wir in der Band haben dazu unterschiedliche Meinungen.

Gab es Streit?

Klar gab es Streit, aber wir können darüber mit dem nötigen Respekt diskutieren, ohne uns zu beleidigen. Sicher, einige Beiträge von #allesdichtmachen wirkten zynisch vor dem Hintergrund, dass Menschen gerade ihre Angehörigen auf den Intensivstationen verloren haben. Aber die Reaktion darauf war oft eben unverhältnismäßig. Wir sollten alle mal den Ball flach halten, empathischer und respektvoller miteinander umgehen.

'Die Prinzen'
dpa/Sebastian Willnow
"Die Prinzen"

Gilt das auch für Corona-Querdenker und AfD-Sympathisanten?

Nein, das sind gefährliche Strömungen: Viele sogenannte Querdenker gehen verantwortungslos mit der Pandemie um. Und im rechten Flügel der AfD werden gruselige Dinge gesagt und getan. Das schlägt sich auf die Gesellschaft nieder in dem Sinne, dass antisemitische Anschläge zunehmen – siehe Hanau, Halle und NSU. Diesen Leuten müssen wir mit aller Entschiedenheit die Grenzen aufzeigen und dafür die Kraft des Gesetzes ausnutzen.

Ist es nicht schon so, dass diejenigen, die Kritik etwa an Corona-Maßnahmen äußern, Gefahr laufen, als Querdenker abgestempelt zu werden?

Das sehe ich auch so, und ist wirklich befremdlich. Natürlich haben wir alle nicht verstanden, warum Leute nach Mallorca fliegen konnten, aber die Friseure nicht öffnen durften. Auch eine nächtliche Ausgangsbeschränkung halte ich für problematisch. Aber ich finde, wir haben das Recht, das alles zu kritisieren, und müssen diejenigen, die so etwas sachlich äußern, respektvoll behandeln. Am Ende geht es immer um den Ton, der die Musik macht.

Hatten „Die Prinzen“ jemals Probleme damit, dass Texte falsch verstanden wurden?

Auf jeden Fall, am stärksten bei dem Lied „Deutschland“. Wir haben Reaktionen von DJs bekommen, die uns sagten: ‚Wir haben eure Lieder ja immer gerne gespielt, aber jetzt kommen plötzlich irgendwelche Nazis an und wünschen sich euer Lied‘. Uns war natürlich klar, dass wir mit dem Song provozieren würden, aber wir wollten auch einen Diskurs darüber führen. Wer sich den Text genau anhört, wird merken, dass es kein patriotisch-nationalistisches Lied ist, sondern genau das Gegenteil: Wir spielen hier mit Ironie. Genauso wie in unserer aktuellen Single, wenn wir ironisch fragen, ob ‚mann‘ einer Frau noch Komplimente machen darf.

Die neue Single der Prinzen "Dürfen darf man alles".

Ihr scheint die Auszeit optimal genutzt zu haben, am 28. Mai veröffentlicht ihr euer neues Album „Krone der Schöpfung“.

Das stimmt. Ich war lange nicht mehr so ein Fan von unserer eigenen Musik, finde mich zu hundert Prozent in den Songs wieder und lechze danach, sie live vor einem Publikum zu spielen. Wir haben eine völlig neue Crew, ein neues Management, neue Plattenfirma und neue Studio-Produzenten. Außerdem hat uns unsere Plattenfirma dazu überredet, mit Songwritern außerhalb der Band zusammenzuarbeiten. Am Anfang war ich dagegen, beharrte darauf, es aus eigener Kraft zu schaffen. Nach dem Motto: Wir sind doch keine Interpreten, sondern kreative Menschen. Ich habe mich dann aber überzeugen lassen – das war die beste Entscheidung. Wenn du solange wie wir durch die Gegend ziehst, ist irgendwann alles erzählt. Die Unterstützung von außen war wie ein Jungbrunnen. Ich hätte niemals allein oder mit den anderen von uns diese Songs schreiben können.

30 Jahre „Die Prinzen“: Erobert ihr schon die Kinder eurer Fans?

(lacht) Das ist ja das Schöne. Wir kriegen Videos von fünf-, sechsjährigen Kindern, die „Alles nur geklaut“, „Millionär“ oder „Schwein sein“ singen. So etwas kann man nicht planen. Wir hatten auch viel Glück und das richtige Händchen, zum Beispiel Anfang der Neunzigerjahre in der Zusammenarbeit mit Annette Humpe. Ihr Credo lautete: Es darf nicht uncharmant sein. Ein sehr kluger Spruch. Wir als 20-Jährige hätten sonst bestimmt einige Textzeilen veröffentlicht, über die wir uns im Nachhinein geärgert hätten.

"Alles nur geklaut" ist der erfolgreichste Song der Prinzen:

Was bedeuten dir die drei Jahrzehnte?

Wir kennen uns ja nicht nur 30 Jahre, sondern schon viel länger. Vier von uns waren seit Mitte der Siebzigerjahre zusammen im Thomanerchor in Leipzig.

Ist das vergleichbar mit einer Ehe oder Familie?

Kann man so sagen, auf jeden Fall ist es mehr als eine Firma, weil es eben emotional zugeht. Es gibt einen Song auf der neuen Platte, in dem wir biografisch singen: „Wir sind auch schon falsch abgebogen, haben uns gestritten, uns belogen, uns verziehen, wir haben gedacht, wir können fliegen, wenn wir uns heulend in den Armen liegen.“ So geht es tatsächlich zu bei uns. Das wichtigste ist, miteinander zu reden, sich auszutauschen, auch wenn wir uns teilweise in andere Richtungen entwickelt haben. Mit 15 oder 20 bist du ein anderer Mensch als mit Mitte 50. Es kommt darauf an, die Andersartigkeit als etwas Positives, Befruchtendes, Kreatives zu sehen. Das ist eine große Wahrheit. Das betrifft uns ja alle als Menschen, gerade in einer Welt, die sich mehr und mehr globalisiert.

Wenn man so wie du in der ersten Reihe steht und sich für Projekte engagiert, die Toleranz fördern und Rassismus bekämpfen, erhält man dann nicht jede Menge Drohungen? Haben Sie mal um Ihr Leben gefürchtet?

Ich habe einmal tatsächlich um mein Leben gefürchtet, als ich 2003 in Leipzig von zwei Nazis überfallen worden bin. Die Täter wurden gefasst, es kam zum Prozess. Ich hatte wirklich in dem Moment gedacht, die hauen mich tot. Aber entweder zerbrichst du an so etwas, oder du versuchst, das umzudrehen. Das soll nicht larmoyant klingen, ich bin kein Opfer. Ich mache mein Ding, was mir auch nicht immer gelingt. Ich bin manchmal auch unfair zu manchen Leuten, aber wer ist das nicht. Ich bin aber auch Shitstorm-erprobt. Wenn mich irgendwelche Mistfinken beleidigen, dann ist das eben so. Mit denen habe ich nichts gemeinsam. Zu einem radikalen Nazi könnte ich niemals sagen: Ich verstehe deine Meinung. Nein, die verstehe ich eben nicht.

Sebastian Krumbiegel setzt sich gegen Rassismus ein.
dpa/Peter Endig
Sebastian Krumbiegel setzt sich gegen Rassismus ein.

Wie auf eurer Webseite nachzulesen ist, sind Sie damals kurz vor dem Abi aus „disziplinarischen Maßnahmen“ aus dem Thomanerchor geflogen. Was war da los?

Man ist ja von der vierten Klasse bis zum Abi dabei. Am Anfang fand ich alles cool und habe mich auch wirklich wohl gefühlt. Aber natürlich funktioniert so ein Chor, ein Haufen von 90 Jungen im Alter zwischen neun und 18 Jahren, nur mit einer Art von Unterordnung und Strenge. Ich war nie ein Freund davon und habe Autoritäten immer infrage gestellt. Das haben mir meine Eltern so mitgegeben. Irgendwann ist es das Fass übergelaufen. Auf einer Sommerreise bin ich nach Hause geschickt worden. Ich fand das im ersten Moment überhaupt nicht lustig, aber meine Eltern hatten schon damit gerechnet.

War damals Missbrauch ein Thema?

Nein. Ich habe davon nichts mitgekriegt. Ich weiß natürlich, dass bei Knabenchören, vor allem katholischen, viel im Argen lag und liegt.

Zur Person

Sebastian Krumbiegel

Sebastian Krumbiegel wird am 5. Juni 1966 als Sohn der Direktorin des Bach-Museums Cornelia Krumbiegel und des Chemikers Peter Krumbiegel in Leipzig geboren. Er wächst dort mit seinen Geschwistern Martin und Susanne auf. Von 1976 bis 1985 besucht Krumbiegel den Thomanerchor und die Thomasschule, wo er das Abitur absolviert. Anschließend studiert Krumbiegel von 1987 bis 1991 Schlagzeug und Gesang an der Leipziger Musikhochschule. In dieser Zeit legt er mit der Gründung der Band „Die Herzbuben“ den Grundstein für eine erfolgreiche Musikkarriere. Die Band benennt sich 1991 in „Die Prinzen“ um. Ihre ersten Singles „Millionär“ und „Küssen verboten“ machten sie in ganz Deutschland bekannt. Ihre größten Hits haben die Musiker mit „Alles nur geklaut“ und „Du musst ein Schwein sein“. 2021 erscheint ihr zwölftes Album.

Ihr wart oft im Westen unterwegs. Wurden Sie darum beneidet von Mitschülern oder Freunden?

Auf jeden Fall, sogar zuhause. Mein älterer Bruder und ich waren beide im Chor, meine jüngere Schwester nicht, weil sie ein Mädchen war. Sie hat uns irgendwann später gebeichtet, wie hart das für sie war. Wir waren immer drei Kinder. Erst war mein Bruder weg, was dazu führte, dass meine Schwester und ich ein Herz und eine Seele waren. Dann war ich auch im Chor und meine Schwester von heute auf morgen ein Einzelkind. Wenn wir von einer Auslandsreise von Japan oder Italien heimkamen, was ja eine völlige Utopie für jeden DDR-Bürger war, standen wir im Mittelpunkt und mussten jedem davon erzählen. Meine Schwester war entsprechend traurig. Klar, gab es bei dem einen oder anderen auch Neid und Missgunst, aber viele haben es uns auch einfach gegönnt.

Gab es nie die Überlegung, abzuhauen?

Doch. Wir sind ja regelmäßig kurz vor Weihnachten nach Westberlin gefahren. Ein Extrem: Du kommst aus dem extrem dreckigen, zerfallenen Leipzig über die Autobahn erstmal nach Ostberlin, und fährst über den Checkpoint Charlie in den Westen, quasi vom Dunkel ins Licht. Auf dem Ku’damm siehst du den Glitzer, Reichtum und die andere Welt. Ich weiß noch genau, wie ich damals als 18-Jähriger im Dezember 1984 neben meinem Freund am Hinterausgang der Philharmonie stand und geraucht habe. Es wären nur 100 Meter zur nächsten Polizeistation gewesen. Wir haben es nicht getan.

Warum?

Am Ende kann man jetzt sagen, weil der Leidensdruck nicht hoch genug war. Dabei möchte ich niemandem zu nahetreten, der wirklich unter der Stasi und anderem Mist gelitten hat. Manchmal wird mir die Frage „Warum bist du damals nicht geflohen“ wie ein Vorwurf entgegengeschleudert. Ich möchte nicht die DDR schönreden und bin weit entfernt davon, ein komischer, ostalgischer Vogel zu sein, aber die meisten hatten sich damit mehr oder weniger gut eingerichtet. Meine Geschwister und ich hatten jedenfalls eine erfüllte Kindheit. Viele im Westen denken immer noch in Kategorien, dass alles ganz fürchterlich trist und grau war, und wir den ganzen Tag Russisch gesprochen, nie gelacht, getanzt und gesungen haben. Natürlich ist das Quatsch. Es gab auch viel Solidarität, man hat sich untereinander geholfen. Ich wünsche mir die DDR deswegen ja nicht zurück.

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