Schauspielerin im Interview : Dennenesch Zoudé: Daran erkennt man den täglichen Rassismus

Dennenesch Zoudé ist als Schauspielerin erfolgreich. Im Interview erzählt sie von Rassismus in ihrer Branche.
Dennenesch Zoudé ist als Schauspielerin erfolgreich. Im Interview erzählt sie von Rassismus in ihrer Branche.

Dennenesch Zoudé ist als Schauspielerin erfolgreich. Im Interview erzählt sie, wie sie Rassismus begegnet.

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13. August 2020, 14:39 Uhr

Berlin | Frau Zoudé, Ihr Vorname bedeutet im Amharischen so viel wie Waldhain, Lichtung, Zufluchtsort. Welche dieser drei Beschreibungen ist Ihnen die liebste?

Der Waldhain, er hat etwas Helles und Geheimnisvolles.

Solche schönen und ausdrucksstarken Vornamen sind im Deutschen die Ausnahme. Ist das Amharische der deutschen Sprache da überlegen?

Ich mag die deutsche Sprache sehr, weil sie so präzise ist, wenn auch nicht so „leicht“ wie das Englische. Das Amharische hat etwas Blumiges, allein schon von der Melodie her, es ist immer umschreibend. Dennenesch ist allerdings auch im Amharischen ein sehr seltener Name, den kennt kaum jemand. Viele Leute verwechseln das mit „Guten Tag“, was sehr ähnlich klingt. Ich muss dann immer sagen: Ich heiße nicht „Guten Tag“ (lacht).

Überlegenheit ist ja das überwiegende Gefühl bei vielen Deutschen, wenn sie über Afrika sprechen. Da denken die meisten erst mal an Kriege, Korruption, Armut, Hunger und Flüchtlinge. Stört Sie das eigentlich?

Natürlich stört mich das. Das ist sehr eindimensional und kurzsichtig gedacht und noch weniger als auf Halbwissen begründet. Die ältesten Kulturen der Menschheit kommen aus Afrika. Und warum geht es dem Kontinent wirtschaftlich schlecht? Das hat mit der langen Ausbeutung und Kolonialzeit zu tun, in der immer behauptet wurde, afrikanische Menschen seien weniger wert.

Nach dem Tod von George Floyd kocht jetzt auch in Deutschland eine Rassismusdebatte hoch. Die richtige Debatte zur richtigen Zeit?

Die Debatte ist längst überfällig. Rassismus gab es immer schon, aber mit dem Tod von George Floyd hat sie ein Ausmaß an Kaltblütigkeit und Kaltschnäuzigkeit erreicht, wie wir es bislang nicht kannten. Er wurde ja quasi live on camera ermordet, und diese schreckliche Tat hat sich durch die Medien rasend schnell in der ganzen Welt verbreitet. Das hat die Bewegung losgetreten, die sagt: Das lassen wir nicht mehr zu!

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picture alliance / Uwe Anspach/dpa

Sie haben kürzlich bei Facebook den Song „Lass mal tauschen“ von Jeff Braun gepostet, in dem er über seine Kindheit als Afro-Deutscher rappt. Dazu schrieben Sie: „Es muss sich was ändern. Jetzt! So kann es nicht weitergehen.“ Was muss sich ändern, was kann so nicht weitergehen?

Dieses Überlegenheitsgefühl. Heute befinden wir uns in der Zeit der Globalisierung, Grenzen sind nicht mehr geschlossen. Wir begegnen uns, wir arbeiten, wir leben zusammen – Jeff Braun hat in seinem Song Situationen beschrieben, die mich sehr berühren und schmerzen, weil ich sie selber erfahren habe. Ich freue mich sehr über die große Solidarität, die wir weltweit durch die „Black lives matter“-Demonstrationen erfahren. Wir befinden uns in einer Phase der Aufklärung und des Umbruchs. Es muss noch viel passieren, und ich hoffe, dass wir dieses Thema gemeinschaftlich angehen.

Die ganze Debatte offenbart ja auch eine große Unsicherheit – auch bei Menschen, die nicht rassistisch sind. Zum Beispiel was die Beschreibung einer anderen Hautfarbe angeht. Wie würden Sie sich selbst beschreiben – als Schwarze, als Farbige, als Afro-Deutsche oder People of Colour, wie es neuerdings immer häufiger heißt?

Ich persönlich bezeichne mich als Schwarze, obwohl es dann ganz oft heißt: Du bist ja nicht wirklich schwarz. Das einzige No-Go ist das N-Wort, das sollte jeder endlich mal begriffen haben.

Empfinden Sie denn den Begriff „farbig“ als beleidigend oder herabwürdigend?

Das nicht, aber ich mag ihn nicht, denn bei „farbig“ muss ich immer an bunt denken, als wäre ich auch grün, gelb und blau. Ich finde es schön, dass Sie danach fragen – denn darum geht es: Wir sollten voneinander lernen, bestenfalls mit einer unvoreingenommenen, offenen Neugierde.

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Da stellt sich die nächste Frage: Manche Schwarze empfinden es als rassistisch und unangemessen, wenn sie nach ihrer Herkunft gefragt werden. Kann das nicht auch durchaus Ausdruck eines zugewandten Interesses sein? Wenn ich nach Äthiopien komme, fragen mich die Leute doch auch nach meiner Herkunft.

Ja, weil Sie nicht Amharisch sprechen. Es gibt aber auch Generationen von Schwarzen, die hier geboren und aufgewachsen sind, die gar nichts anderes können als Deutsch. Denen wird durch diese Frage immer signalisiert: Du bist anders. Und das tut weh. Der Mensch wird nicht erst als Person wahrgenommen, sondern es wird gleich eine Andersartigkeit angesprochen. Das nennt man dann positiven Rassismus. Zum Beispiel der Satz „Sie sprechen aber gut Deutsch“, der wirklich ganz furchtbar ist. Den beantworte ich gerne mit „Sie ja auch“.

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picture alliance / Arne Bänsch/dpa

Können Sie das mit dem positiven Rassismus noch ein bisschen näher erläutern? Das klingt zunächst mal widersprüchlich.

Positiver Rassismus ist, wenn man ungefragt berührt oder angefasst wird. Sei es, weil man die Haut so schön glatt und interessant findet oder die Haare so „lustig“ und kraus sind. Einer schwangeren Frau streicht man auch nicht einfach über den Babybauch. Das sind Grenzüberschreitungen, auch wenn sie nicht böse gemeint sind.

Mittlerweile wird auch darüber diskutiert, ob der Begriff Rasse aus dem Grundgesetz gestrichen werden soll. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde den Begriff Ethnie besser, er beinhaltet für mich so viel mehr, zum Beispiel Abstammung, Sprache, Kultur, Tradition, Geschichte und Religion. Der Begriff Rasse kommt ursprünglich aus dem Tierreich – es gibt Hunderassen, aber keine Menschenrassen.

Sie sind ja hier in Berlin aufgewachsen.

Ja, in Berlin-Spandau (lacht).

Wie sind Sie als Kind, zum Beispiel in der Schule, behandelt worden?

In meiner ersten Grundschule hatte ich eine Lehrerin, die uns noch an den Ohren gezogen und sogar mit einem Lineal gehauen hat. Meine Eltern haben mich aus dieser Schule genommen und auf eine evangelische Privatschule geschickt– da habe ich mich sehr wohlgefühlt.

Foto: Jens Kalaene/zb/dpa
picture alliance/dpa
Foto: Jens Kalaene/zb/dpa

In welchen Situationen haben Sie sonst Erfahrungen mit Ablehnung, Misstrauen oder auch offenem Rassismus gemacht?

Davon gab es einige. Es gibt Beispiele, die vielleicht gar nicht so schlimm klingen, die ich aber als schlimm empfunden habe: Als ich früher zum Friseur ging, wussten sie dort nicht, was sie mit meinen Haaren anfangen sollen. Ich wurde mit großen Augen angeguckt und mit spitzen Fingern angefasst. Und dann hieß es: Ach herrje, was machen wir denn damit? Als Mädchen oder junge Frau möchte man beim Friseur gerne schön gemacht werden, aber ich habe mich jedes Mal gefühlt wie jemand Fremdes.

Wie gehen Sie mit so etwas um?

Ich habe einen hohen Preis gezahlt, denn ich habe Contenance bewahrt. Ich war nie der Troublemaker, aber ich wollte gleichzeitig kein Opfer sein. Ich arbeite seit fast 30 Jahren in diesem Beruf und lebe sehr gut davon.

Hat sich denn auch etwas zum Positiven verändert?

Es war ein langer, stetiger Weg, den ich gegangen bin und den ich auch mit geebnet habe. Ich habe oft mit Redaktionen gesprochen und ihnen gesagt: Wir müssen nicht mehr erklären, warum ich so gut Deutsch spreche und woher ich komme. Wir müssen nicht mehr in drei Sätzen erklären, mein Vater sei damals mit den amerikanischen Truppen hierhergekommen. Menschen wie ich, mit dunkler Hautfarbe, leben hier, sind hier geboren, viele schon in der zweiten oder dritten Generation. Das ist jetzt gesetzt.

Im Zusammenhang mit Rassismus wird auch über die deutsche Polizei diskutiert. Haben Sie damit schlechte Erfahrungen gemacht?

Es gibt solche Vorfälle, ich höre und lese davon, und es schmerzt mich zutiefst. Ist es mir schon passiert? Nein. Ein einziges Mal, und das ist auch schon wahnsinnig lange her, wurde ich am Münchner Flughafen für eine Personenkontrolle rausgefischt. Ich habe dann gesagt: Wollen Sie wirklich meinen Ausweis sehen? Im breitesten Berlinerisch. Das ist meine Haltung – ich will, wie gesagt, kein Opfer sein.

Was kann man tun, um sich selbst vor ungewolltem, aber unbedachtem rassistischen Verhalten zu bewahren?

Es gibt das empfehlenswerte Buch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette, in dem sie sehr gut beschreibt, wo Rassismus anfängt und wie man sich für sein eigenes Verhalten sensibilisiert. Durch solche Coachings und Trainings werden wir alle ein bisschen sensibler.

Gibt es in Ihrer Branche ein „migrantisches Casting“, das immer wieder mal beklagt wird?

Ich höre diesen Begriff zum ersten Mal, aber ich ahne, was damit gemeint ist: Wenn nicht explizit im Drehbuch steht, dass eine Frau oder ein Mann schwarz ist, dann wird danach nicht gesucht, und schwarze Schauspieler*innen werden nicht berücksichtigt. Andererseits habe ich auf der Bühne wiederum deutsche Klassiker wie die Buhlschaft, Kriemhild, Brunhild und Alkmene gespielt. Es geht also.

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imago images/STAR-MEDIA

Seit Februar sind Sie Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie. Spielt das Thema Rassismus da eine Rolle?

Ja, und das will auch die Filmakademie. Wir können und müssen Impulse setzen, dass Statuten und Richtlinien für die Filmlandschaft neu festgelegt werden. Zum Beispiel, dass ein bestimmter Prozentsatz an Diversität in Bezug auf Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Beeinträchtigungen vor und hinter der Kamera festlegt wird. Das hätte eine Signalwirkung. Ganz wichtig finde ich es zu informieren, zu sensibilisieren und sich auszutauschen.

Ist die Debatte so wichtig wie #MeToo?

Absolut.

Dann schließen wir mit einer Berliner Frage: Was halten Sie davon, dass der U-Bahnhof Mohrenstraße nach jahrelanger Diskussion jetzt umbenannt wird?

Na ja, das Wort Mohren leitet sich ja historisch von den Mauren ab. Mein Vater hatte sein Büro in der Mohrenstraße – und ich fand’s schräg (lacht).

Mehr zum Thema: Berliner U-Bahnhof "Mohrenstraße" wird umbenannt

Dennenesch Zoudé

wird am 14. Dezember 1966 in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba als Tochter einer Angestellten und eines Straßenbauingenieurs geboren und entstammt einer alten Aristokratenfamilie. Zusammen mit ihren Eltern zieht sie im Alter von zwei Jahren nach West-Berlin, wo sie zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern aufwächst und ihr Abitur macht. Auf Drängen ihrer Familie absolviert sie eine Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin und arbeitet in einem Berliner Bauunternehmen, bevor sie die Schauspielerei für sich entdeckt. An einer New Yorker Schauspielschule lässt sie sich ausbilden, wird ab 1995 durch die ARD-Serie „Gegen den Wind“ bekannt“ und spielt an verschiedenen Bühnen Theater.
Zahlreiche Filmrollen machen sie zum festen Bestandteil der deutschen TV-Landschaft, aktuell ist sie regelmäßig in der ARD-Reihe „Die Inselärztin“ und als Leipziger Zoodirektorin in der Erfolgsserie „Tierärztin Dr. Mertens“ zu sehen. 2014 veröffentlicht sie ihr Buch „Heute bin ich gut zu mir: Mit Ayurveda und Achtsamkeit zu mehr Gesundheit und Gelassenheit“. Ein Jahr später wird sie Schirmherrin der Stiftung „Fairchance“, die sich die Integration ausländischer und sozial benachteiligter Kinder durch Sprachförderung zum Ziel gesetzt hat. Seit Februar 2020 ist sie Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie.
Nach einer vierjährigen Beziehung mit dem Autor und Moderator Roger Willemsen lernt Dennenesch Zoudé 2001 den Regisseur und Produzenten Carlo Rola kennen, den sie acht Jahre später in New York heiratet. Im März 2016 stirbt ihr Mann am plötzlichen Herztod, fünf Wochen nach dem Tod von Roger Willemsen. Die Schauspielerin lebt in Berlin.
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