Nach 20 Wochen Pause : Schulstart unter Corona-Bedingungen: Wie gut sind die Länder vorbereitet?

von 30. Juli 2020, 14:46 Uhr

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Wird es nach den Sommerferien wieder einen Regelbetrieb in den Schulen geben?
Wird es nach den Sommerferien wieder einen Regelbetrieb in den Schulen geben?

Nach den Ferien soll in den Schulen in MV wieder im Regelbetrieb unterrichtet werden. Aber geht das so einfach?

Kiel/Hannover/Hamburg/Schwerin/Bremen | Mehr über die Wiedereröffnung der Schulen erfahren Sie im Podcast: nachschlag Das Schuljahr 2020/2021 beginnt in Kürze. Es soll, so zumindest ist es der Wunsch der Politik, wieder in alten Bahnen verlaufen. Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) sprach sich erst kürzlich für einen „weitestgehend normalen“ Schulbetrieb im Herbst aus. Der Staat müsse den Bildungsauftrag wieder komplett erfüllen, Schulen und Kitas die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten. Die Schulen müssten aber ein Hygienekonzept haben und sicherstellen, dass Kontakte etwa nur im Klassenverband bestehen. Doch ist das alles so einfach, wie es klingt? Die Kinder gehen wieder in die Schule und dann geht es einfach weiter nach (Lehr-)Plan? Bildungsschere klafft weiter auseinander Eher nicht, meint zumindest Birgit Leyendecker, Professorin für Psychologie an der Ruhruniversität Bonn. In einem digitalen Kolloquium des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung über die sozialen Auswirkungen der Corona-Krise warnte sie vor deutlichem Bildungsverlust und einer immer weiter auseinanderklaffenden Bildungsschere. Zum einen sei in Studien aus den USA – wo es neun Wochen Sommerferien gibt – nachgewiesen, dass nach einem solchen Pausieren viel Erlerntes von den Schülern wieder verlernt wurde. Zwischen 20 und 24 Wochen kein Regelbetrieb Neun Wochen – die Schulschließungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie haben sogar dazu geführt, dass die Schülerinnen und Schüler im Norden seit Mitte März nicht mehr im Klassenverband unterrichtet wurden. Dass sind zwischen 20 (Mecklenburg-Vorpommern) und fast 24 (Niedersachsen) Wochen, in denen sie ihre Schulen nicht im Regelbetrieb besuchen konnten. Leyendecker befürchtet daher in Bezug auf das Erlernte bei den Kindern und Jugendlichen einen „Corona-Rutsch“, also einen massiven Verlust. Weitere Themen für Ihr XL-Wochenende: Smørrebrød und Fisch: So schmeckt Kopenhagen Fußball-Fan, Anwalt, Vater: Die sieben Leben des Gregor Gysi Zu groß oder zu klein: Wie viele Abgeordnete braucht der Bundestag? Doch damit nicht genug: Die „Heterogenität in den Klassen“ werde sich deutlich verstärken, ist sich die Familienforscherin sicher. Die Schere zwischen den Kindern, die ganz gut allein zurecht kämen und/oder Eltern hätten, die sie gut zu unterstützen vermögen, und jenen, die hierzu nicht in der Lage wären, würde noch viel deutlicher auseinander gehen. Unterschiedliche technische Voraussetzungen Zumal der Lockdown in aller Deutlichkeit vor Augen geführt hat, was es bräuchte um des durch die Schulschließungen hervorgerufenen Lernchaos’ Herr zu werden: eine einheitliche Online-Plattform, Laptops für Lehrer und Schüler, stabiles Internet überall. Denn während die einen den Satz des Pythagoras nun einfach via Video-Konferenz beigebracht bekamen, verpassten die anderen gleich wochenweise Stoff. Etwa weil der Lehrer die Unterlagen zwar auf einer Elternplattform hochlud, die Eltern dies zwischen den vielen Benachrichtigungen aber nicht bemerkten, kein passendes Gerät vorhanden war, das Daten-Volumen nicht ausreichte... Anja Wildemann, Professorin für Grundschul-Pädagogik an der Uni Landau, mahnte bereits zu Beginn des Lockdowns gegenüber dem SWR: „Die problematischsten Punkte sind einerseits die technische Ausstattung. Verfügen alle Familien tatsächlich über die Ausstattung, um digitalisierte Lernangebote oder Aufgaben, die von Schulen bereitgestellt werden, zu bearbeiten. Und zwar nicht nur für ein Kind, sondern auch für mehrere Kinder, umso mehr, wenn Eltern auch im Homeoffice arbeiten müssen.“ Fragen, die auch fast fünf Monate nach dem Lockdown nicht ausreichend beantwortet werden konnten. Ist der Regelbetrieb in Gefahr? Eine Studie aus Südkorea legt zudem nahe, dass Jugendliche das Corona-Virus ähnlich stark verbreiten können wie Erwachsene, während Kinder unter zehn Jahren das Virus nur selten weitergeben, berichtete erst kürzlich die Süddeutsche Zeitung (SZ). Wenn das aber stimmt, bleiben die Risiken einer möglichen Rückkehr zum regulären Schulbetrieb schwer abzusehen. In Israel steht die zweite Infektions-Welle wahrscheinlich in engem Zusammenhang mit der frühen Wiedereröffnung der Schulen im Mai. In Dänemark hingegen hat dies offenbar nicht zu einer stärkeren Verbreitung des Virus geführt. Erklären können sich die Wissenschaftler dies bislang nicht. Sie sprechen im Zusammenhang mit der südkoreanischen Studie aber von „einer der besten Studien, die wir bislang zum Thema hatten“, so Ashish Jha, Direktor des Harvard Global Health Institute, gegenüber der New York Times. Entsprechend forderte Johannes Hübner, stellvertretender Direktor der Kinderklinik der Universität München, in der SZ, dass praktische Leitlinien entwickelt würden, mit denen Schulöffnungen möglich seien, ohne zu große Risiken einzugehen. Corona-Konzepte für die Schulen Norddeutschlands Der Lockdown Mitte März hatte Deutschlands Schulen wie die gesamte Republik kalt erwischt. Doch seitdem sind fast fünf Monate vergangen. Wie ist es also um die Corona-Konzepte für die Schulen zum Schuljahr 20/21 bestellt? Da Schule in Deutschland Ländersache ist, haben wir in den Nordländern nachgefragt. Hier die Recherche-Ergebnisse der Kollegen: Schleswig-Holstein: Mecklenburg-Vorpommern: Hamburg: Niedersachsen: Bremen: Wie kann versäumter Stoff aufgeholt werden? Davon unabhängig müsste das in den vergangenen Monaten nicht Erlernte oder bereits Vergessene dringend aufgeholt werden, um alle Schüler zumindest halbwegs wieder auf einen ihrer Klasse entsprechenden Level zu heben. Die Sommerschule allein dürfte dieses Loch nicht stopfen können. Zumal ein solches Angebot nicht nur nicht in jedem Bundesland, sondern darüber hinaus noch nicht einmal an jeder Schule oder gar im gleichen Umfang angeboten wurde. Unterricht durch Lehramtsstudenten Doch wie soll das gelingen angesichts der ohnehin schon vorhandenen Lehrerknappheit und der sich diesbezüglich durch Corona noch verschärfenden Situation, da Lehrer der Risikogruppen vielleicht erst einmal gar nicht in die Schulgebäude zurückkehren können? Birgit Leyendecker hat da einen interessanten Vorschlag: Ähnlich wie zu Beginn der ersten Welle, als Medizinstudenten zur Unterstützung des medizinischen Personals in die Krankenhäuser geholt wurden, sollten nun Lehramtsstudenten nach ihrem Bachelor unterstützend an Schulen mitunterrichten dürfen. Das würde einerseits die Personalnot abmildern und andererseits den Studenten viel praktische Erfahrung sowie die Absolvierung ohnehin notwendiger Praktika ermöglichen. ...

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