zur Navigation springen

Soziales Netzwerk : Wie zehn Jahre Facebook die Welt verändert haben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am 4. Februar 2014 feiert das Soziale Netzwerk runden Geburtstag – wir sprachen mit einer Medienpädagogin über die ständige Suche nach Identität, Freundschaft und Cybermobbing

svz.de von
erstellt am 25.Jan.2014 | 15:30 Uhr

Wie haben zehn Jahre Facebook und mittlerweile mehr als eine Milliarde Nutzer unsere Gesellschaft verändert?

Man muss sich immer den Kontext anschauen. Die Gesellschaft und die Anforderungen an uns haben sich so sehr gewandelt, dass heutzutage Individualisierung unglaublich wichtig ist. Wir müssen uns unseren Lebenslauf selbst entwickeln. Wir können nicht mehr sagen: Meine Familie/mein Dorf/meine Partei/meine Kirche will von mir, dass … Man muss immer wieder überlegen: Wer bin ich eigentlich? Welche Optionen möchte ich nutzen? Die Gesellschaft wird immer flexibler. Die Nutzung von Facebook ist nicht ohne den gesellschaftlichen Wandel vorstellbar.

Und wie hat sich Facebook selbst verändert?

Facebook hat sich sehr stark entwickelt. Dabei orientiert sich das Unternehmen an der Art und Weise der Nutzung. Ein Beispiel: Mittlerweile kann man sehr stark Gruppen definieren, man hat nicht nur eine Liste von Freunden, sondern kann diese kategorisieren in „enge Freunde“, „Bekannte“ oder sie einer selbst benannten Gruppe zuordnen. Das ist mit der Zeit erst entstanden. Am Anfang war es relativ unstrukturiert. Mit der Zeit ist immer mehr Ordnung reingekommen.

Fotos von Reisen, mit dem Partner, oder von Mädchen im Spiegel. Statusmeldungen über das Feierabendbier oder bestandene Herausforderungen. Die Profilseite hat ganz viel mit Selbstdarstellung zu tun. Was steckt psychologisch dahinter?

Wenn man sich die öffentliche Diskussion anhört, dann klingt es immer so, als würden wir uns oftmals besser darstellen als wir sind. Tatsächlich wissen wir aber alle nicht so genau, wer wir sind. Jugendliche noch weniger als Erwachsene. Wir sind ständig auf der Suche nach unserer Identität. Wer bin ich? Zu welchen Gruppen gehöre ich? Auch Facebook nutzen wir dazu, das herauszufinden. Es fängt damit an, dass man ein Profil generiert, ein Bild von sich hochlädt. Am nächsten Tag guckt man sich das an und denkt: „ja, geht“ oder „nein, geht nicht“. Jugendliche laden häufig Bilder von sich hoch und testen, wie andere darauf reagieren. Es ist also mehr ein Spiegel, durch den ich mich immer wieder selbst erkenne. Dieser Prozess ist besonders für Jugendliche sehr wichtig. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund nutzen mehrere soziale Netzwerke um herauszufinden, zu welcher Gruppe sie eigentlich gehören und welche Stellung sie in Gruppen haben. Das ist nicht negativ – es gehört zu unserer Entwicklung dazu.

Im Zusammenhang mit Facebook und Jugendlichen taucht immer wieder das Thema Cybermobbing auf.Bedarf es Ihrer Meinung noch mehr Medienerziehung, bei der auch der Umgang mit sozialen Netzwerken thematisiert wird?

Kinder und Jugendliche haben durchaus Vorschläge dafür, wie man Konflikte im Netz regelt – das zeigen Studien. Es kommt aber immer öfter vor, dass Konflikte im Netz auch Konflikte auf dem Schulhof herbeiführen. Wichtig ist es, diese Situationen in der Klasse oder mit den Eltern zu besprechen. Wenn zum Beispiel erotische Fotos von jungen Mädchen, die sie ihrem Freund im vermeintlichen Vertrauen geschickt haben, über ein Netzwerk verbreitet werden, dann wird oftmals dieses Mädchen schlecht gemacht. Die Frage aber ist doch: Was ist denn hier eigentlich das asoziale Verhalten? Es ist nicht, dass sie ihrem Freund in vollem Vertrauen dieses Bild geschickt hat, sondern dass es weiter kursiert. Das kann man natürlich nicht einfach so geschehen lassen nach dem Motto: Das ist ein virtueller Raum – egal, was da passiert. Natürlich gibt es Rechte, Pflichten und verantwortliches Handeln auch im Netz. Und das muss immer wieder thematisiert werden. Übrigens auch seitens der Netzwerke selbst: Viele der sozialen Netzwerke kommen ihren Verpflichtungen bei den Themen Datenschutz und dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht nach – was auch jugendliche Nutzer kritisch diskutieren. Datenschutzrichtlinien, Abkommen und Vereinbarungen wie Safe Harbor werden regelmäßig nicht eingehalten.

Sind Jugendliche heute automatisch Außenseiter, wenn sie nicht bei Facebook sind?

Das ist tatsächlich ein Problem, dass es keine individuelle Entscheidung mehr ist, es zu nutzen oder nicht zu nutzen. Es kann durchaus sein, dass Jugendliche, die als einzige in der Klasse nicht bei Facebook angemeldet sind, Dinge nicht mehr mitbekommen – zum Beispiel die Organisation von Treffen. Man ist dann nicht nur isoliert, weil man bei Facebook nicht dabei ist, sondern auch in der realen Welt.


„Freundschaft ist ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander“, sagt der Duden. Hat sich diese Definition durch Facebook verändert?

Wenn man Kinder und Jugendliche fragt, was Freunde sind, dann erklären sie das nicht in der Facebook-Weise. Facebook hat nicht die Macht, einen neuen Freundschaftsbegriff zu definieren. Kinder und Jugendliche sagen auch, dass sie viel weniger Freunde haben, als es auf Facebook der Fall ist. Sie können also durchaus differenzieren. Ich halte es außerdem nicht nur für negativ, 500 Freunde bei Facebook zu haben. Der Soziologe Mark Granovetter hat analysiert, dass es starke und schwache Bindungen gibt – beide haben ihre Vorteile. Das Konzept ist schon alt, lässt sich aber auf soziale Netzwerke anwenden. Starke Bindungen sind emotionsstark, schwache sind informationsstark. Es ist durchaus sinnvoll, mit Leuten in Kontakt zu stehen, mit denen man nicht sein ganzes Freud und Leid im Sinne einer klassischen Freundschaft teilt, aber andere Informationen. Diese schwachen Bindungen sind heute unglaublich wichtig, zum Beispiel für die berufliche Weiterentwicklung. Durch diese Kontakte erfährt man vielleicht Dinge, die einem sonst verborgen geblieben wären. Andererseits werden Informationen durch die Netzwerke gefiltert. Filtermechanismen sind sehr mächtig im Netz und intervenieren in unsere Informationssuche. Diese sollte man sich als Nutzer immer wieder bewusst machen. Medienkompetenz hieße dann auch, selbst auch aktiv nach alternativen und vielfältigen Perspektiven zu suchen, u. a. in klassischen Medien wie renommierten Tageszeitungen, deren Glaubwürdigkeit und Recherche als hochwertig eingeschätzt wird.

Eine Studie hat jüngst gezeigt, dass das Medium in den USA einen starken Aderlass bei jungen Mitgliedern verzeichnet und gleichzeitig immer mehr Senioren das Netzwerk für sich entdecken. Bekommt Facebook langsam Falten?

Tatsächlich nutzen immer mehr Erwachsene im mittleren und höheren Alter das Netzwerk. Mittlerweile melden sich auch Eltern an, bevor ihre Kinder ins Facebook-Alter kommen – damit sie schon mal da sind, wo ihre Kinder demnächst aufschlage, und den Ort abzusichern. Andererseits haben Jugendliche einfach das Bedürfnis, Räume zu erkunden, in denen sie von den Eltern nicht beobachtet werden, in denen sie auch rebellieren können. Wenn sich also Eltern auf Facebook anmelden, finden deren Kinder andere Wege. Man kann beobachten, dass Kinder und Jugendliche mittlerweile andere Netzwerke für sich entdecken, zum Beispiel Snapchat, Twitter oder Instagram.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen