Stresshormon Cortisol : Walfang hinterließ Spuren im Ohrenschmalz von Walen

Vor der Küste Ecuadors springt ein Buckelwal aus dem Wasser. /epa efe/Illustration
Vor der Küste Ecuadors springt ein Buckelwal aus dem Wasser. /epa efe/Illustration

Großwale reagieren stark auf Stress. Sie produzieren dann wie Menschen das Stresshormon Cortisol. Gespeichert im Ohrenschmalz der Wale können Forscher damit erkennen, wann besonders viele Artgenossen starben oder wann im Meer sehr viel geschossen wurde.

svz.de von
25. November 2018, 10:07 Uhr

Im Ohrenschmalz bestimmter Großwale lässt sich nach Forscherangaben deren Stresslevel ablesen.

Eine Zeitreihe über rund 150 Jahre hinweg zeige sogar, wann besonders viele dieser Tiere getötet wurden und andere Wale daher besonders viel Stresshormone produzierten, schreibt ein Team um den Biologen Stephen Trumble und den Umweltforscher Sascha Usenko von der Baylor University in Texas im Fachjournal «Nature Communications». Auch im Zweiten Weltkrieg stiegen die Stressanzeichen der Wale.

Die Forscher untersuchten drei Arten von Bartenwalen, die mit kammartig nebeneinander stehende Platten, den Barten, ihre Nahrung aus dem Meer filtern. Über die Lebenszeit eines Bartenwals bildet sich durch Ohrenschmalz nach und nach ein Zapfen, der mehrere Dezimeter lang werden kann und wie ein Baum eine Art Jahresringe besitzt. Das Team analysierte solche Ohrzapfen von 20 Finn-, Buckel- und Blauwalen aus dem Atlantik und dem Pazifik, die eine Zeitspanne von den 1870er Jahren bis 2016 umfassten. Nach Auskunft der Autoren spiegelt sich der industrielle Walfang deutlich durch das im Ohrenschmalz der Tiere enthaltene Stresshormon Cortisol wider: je mehr Walfang, desto höher ihr Stress. Die Wale hatten ein geschätztes Alter von 2 bis 63 Jahren.

Ihre Höhepunkte erreichten sowohl der Stresspegel als auch der industrielle Walfang in den 1960er Jahren. Danach sanken Walfang und Stress deutlich. Neben dem industriellen Walfang hatte der Studie zufolge auch der Zweite Weltkrieg Auswirkungen auf das Befinden der Meeressäuger. Zwar sanken in dieser Zeit die Walfänge, der Stress stieg jedoch leicht an. Die Forscher führen das auf Seeschlachten, vermehrten Schiffsverkehr, Unterwasserdetonationen und U-Boote zurück.

Und auch die Temperaturänderungen der Wasseroberfläche könne ausschlaggebend sein, heißt es in der Studie: So könnten Wale in andere Lebensräume wechseln, wenn sich beispielsweise ihre Beute an anderen Stellen aufhalte. Die seit den 1970er Jahren verstärkt auftretenden Anomalien der Oberflächentemperatur zeigten sich nach Forscherangaben auch im Cortisolgehalt der Ohrzapfen. Diese Anomalien hätten den Walfang als Auslöser von Stress abgelöst, vermuten die Forscher. Weitere mögliche Stressoren wie der Fang riesiger Krillmengen durch den Menschen oder das durch den Klimawandel zurückgehende Meereis müssten untersucht werden.

Das Forscherteam hatte bereits 2013 festgestellt, dass Ohrenschmalz von Walen Auskünfte über die Geschlechtsreife oder die Schadstoffbelastung der Tiere geben kann.

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