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Interview :  „Schlechte Medien“ gab es schon immer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der ständige Blick aufs Smartphone – führt er zur allgemeinen Vereinsamung? Ulrike Wagner, Direktorin des Instituts für Medienpädagogik, gibt Antworten.

Der Videoclip „Look up“ hat im Netz eine Debatte über die „Generation Kopf unten“ ausgelöst. Der ständige Blick aufs Smartphone – führt er zur allgemeinen Vereinsamung? Mit Ulrike Wagner, Direktorin des Instituts für Medienpädagogik in München, sprach Christoph Driessen.

 

Wie finden Sie das Video?

Wagner: Es ist ein sehr professionell gemachtes Video, das auf Emotion pur setzt, Alltagssituationen geschickt inszeniert und dadurch seine Wirkung entfaltet. Gleichzeitig wird in einem sehr schlichten Entweder-Oder argumentiert: Direkte soziale Kontakte sind den medialen vorzuziehen und früher ist alles besser gewesen.

Ist es denn wirklich so wie hier geschildert? Verkümmern die direkten Kontakte, weil alle nur noch virtuell kommunizieren?

Man kann eine lange Liste mit Gegenargumenten dazu anlegen: Es ist einfacher, seine Verabredungen zu organisieren; man kann alte Freundschaften pflegen, auch wenn man an unterschiedlichen Orten lebt. Und auch familiäre Kontakte auf Distanz werden erleichtert über Smartphone, Skype oder ähnliche Kommunikationskanäle. Etc., etc. ...

Sie sind also nicht überzeugt?

Ein schlichtes „Früher-war-alles-besser“ verklärt den Blick und lässt außer Acht, welche Potenziale diese neuen Medien mit sich bringen. Das wird deutlich in der Verfügbarkeit von Informationen über Repression und Machtausübung in weniger demokratischen Staaten.

Ist dieses Phänomen denn wirklich neu? In den 1970er-Jahren hat man zum Beispiel oft gehört: „Die Kinder hängen nur noch vor der Glotze, spielen gar nicht mehr mit den anderen draußen.“

Die Beispiele der „schlechten Medien“ kann man noch weiter zurückverfolgen. So waren auch Bücher nicht zu jeder Zeit ein Bildungsgut, sondern oft auch umstritten. Die Debatten über Medien sind zumeist ein Aushandlungsprozess zwischen den Jüngeren und den Älteren. Bei Eltern überwiegt häufig die Sorge über ein Zuviel an Medien, da sie mit den neuen Medien weniger anfangen können.

Also nichts Neues unter der Sonne?

Ein Aspekt wäre mir schon noch sehr wichtig: Für den Chef jederzeit erreichbar zu sein, ist heute für viele ein Muss und auf Dienstreisen online zu arbeiten eine Selbstverständlichkeit. Es prägen also auch wirtschaftliche Zwänge unsere sozialen Beziehungen, und das halte ich für entscheidend. Wir müssen alle lernen, diese digitalen Kommunikationsangebote in unser Leben so zu integrieren, dass sie es bereichern und damit auch das soziale Miteinander befördern und nicht isolieren.

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