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Forschungsschiff : Mit intelligenten Drohnen auf Minensuche

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Aus der Onlineredaktion

Nirgendwo ist die Zukunft der Minensuche so früh zu erleben wie auf dem Nato-Forschungsschiff Alliance

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2017 | 16:00 Uhr

Hyères. 43° 04’ 47.3’’Nord 6° 09’ 20.’’ Ost. Francesca Nacini, Pressesprecherin des Nato Centre for Maritime Research and Experimentation (CMRE), wartet am Treffpunkt. Gerade macht das Beiboot fest, mit dem es rausgeht zur Alliance. Helme und Rettungswesten werden die Kaimauer hochgereicht. Marinesoldaten helfen mit den Gurten. Kaum an Bord, sind die Leinen los. Am Molenfeuer dreht der schwere Diesel hoch. Dunkel bleibt der Hafen von Hyères zurück. Weithin liegt die Côte d’Azur schon im Abendschatten.

Die Alliance ist der Stolz des CMRE. Sie ist weltweit eines der größten Forschungsschiffe mit Platz für 44 Mann Besatzung und 25 Wissenschaftler. 93 Meter ist sie lang. Mittschiffs, wo das Fallreep wartet, türmt sich über dem Arbeitsdeck ein dreistöckiges Deckhaus, obenauf die Brücke und Schornsteine mit der Kompassrose der Nato. Zwischen Antennen und Radar weht die Flagge der italienischen Marine. Bis 2015 war es eine deutsche. Von 1988, als die Alliance in Dienst gestellt wurde, ganze 27 Jahre. „Die Nato hat ihre Forschung gerade grundlegend umorganisiert“, erklärt Nacini. „Das hat auch die Schiffsführung betroffen.“

Was die Alliance zu einem besonderen Forschungsschiff macht, sind die auf Gummi gelagerten Motoren und die mit Schallschutz ausgekleideten Bordwände. Dadurch ist sie weltweit eines der leisesten Motorschiffe. Für die Arbeit des CMRE, das seinen Hauptsitz im italienischen La Spezia hat, ist das ausschlaggebend. Das Forschungszentrum hat den Auftrag, die Kommunikation und Ortung mit Wasserschall zu erforschen und für Nutzungen zu erschließen. Dafür müssen immer wieder neue Techniken für die Minensuche, die U-Boot-Jagd oder den Hafenschutz auf See getestet werden. Das geht nur bei absoluter Ruhe.

Ein Verbindungsoffizier der US Navy heißt willkommen. Im Hauptlabor steht die abendliche Lagebesprechung an. In dem grau gefassten, mit Rechnern und Kabeln übervollen Raum warten Wissenschaftler, um das morgige Programm durchzugehen. Viele tragen ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Team MUSCLE“. „Die MUSCLE ist unsere Spitzendrohne für die Minensuche“, so Nacini. „Sie kann in einer Stunde mehr als einen Quadratkilometer Grund mit ihrem Sonar abtasten und wenige Zentimeter große Strukturen erkennen.“

Comandante Giuseppe Rizzi, Kapitän der Alliance, muss das Programm ändern. Eine Kommunikationsboje ist noch auf See. Es war keine Zeit mehr, sie zu bergen. Morgen soll das nachgeholt werden. Rizzi hat einen Lösungsvorschlag mitgebracht. Die Wissenschaftler sind erleichtert. Sie haben für morgen Versuche geplant, in denen sie neue Entwicklungen für die Minensuche mit Drohnenteams testen wollen. Die französische Marine hat hierfür eigens in einem Testgebiet vor Hyères Minenattrappen auf dem Meeresboden versteckt.

„Drohnenteams werden die Minensuche stark beschleunigen“, verspricht Samantha Dugelay. Sie leitet bei der Fahrt der Alliance die wissenschaftlichen Versuche. „Mit autonomen Drohnen ist die Minensuche zwar schon jetzt schneller als mit Schiffen. Der Zeitaufwand bleibt aber enorm. Die Drohnen können nur nacheinander eingesetzt werden, sonst kommen sie sich ins Gehege. Ein Team aus einer MUSCLE, die Minen sucht, und kleineren Drohnen, die gleichzeitig die Minentypen bestimmen, wäre ideal. Das würde Minensucheinsätze erheblich verkürzen.“

Bevor Drohnenteams echte Einsätze fahren können, müssen aber noch technische Hürden genommen werden. Das gilt weniger für die gut ausgereifte Minensuchtechnik. Der größte Entwicklungsbedarf besteht bei der Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit der Drohnen. Hier gibt es noch viel zu tun, damit sie nicht nur ihre Beobachtungen selbst auswerten, sondern sich auch austauschen und gemeinsam Entscheidungen treffen können. Bei den Versuchen morgen sollen hierfür entwickelte Elektronik- und Softwarekomponenten getestet werden.

„Seeminen werden bis heute als Sperrwaffen eingesetzt“, begründet Dugelay den Entwicklungsdrang der Nato. „Sie kosten wenig und lassen sich schnell großflächig ausbringen.“ Die Verminung der kuwaitischen Küste im zweiten Golfkrieg ist ein Beispiel dafür. Der Irak hatte 1990 Kuwait überfallen und vor dessen Küste ein Gebiet so groß wie das Saarland vermint. Er wollte verhindern, dass das von den USA zur Befreiung Kuwaits gebildete Militärbündnis anlandet. Zwei Drittel der Minen konnten nach dem Krieg mit Hilfe von irakischen Skizzen rasch geräumt werden. Das Räumen des Rests dauerte aber noch Monate.

Bei Tagesanbruch wird die MUSCLE startklar gemacht. Die Alliance hat das Testgebiet in der Nacht angefahren. 550 Kilogramm wiegt die Drohne. Einer der großen Kräne hebt sie aufs Wasser. Kurz dümpelt die Drohne noch neben der Bordwand. Dann gibt der Propeller Schub. Die nächsten Stunden wird sie nun in langen Schleifen über dem Meeresboden kurven und nach Minen suchen. Im Hauptlabor kann man die Bahn auf einem Großbildschirm mit Seekarte verfolgen. Dort ruckelt das Symbol der MUSCLE langsam durch das Testgebiet. Ein erster Minenalarm ist auch schon eingetragen.

Ob der Alarm berechtigt ist, kann nur eine der kleinen, 45 Kilogramm schweren Drohnen klären. Für sie ist es weniger gefährlich, sehr nah an eine Mine heranzutauchen. Ihre Instrumente können dadurch mehr Details erkennen und den Minentyp bestimmen. Erst muss die Alliance aber noch die gestern auf See zurückgelassene Boje an Bord holen. „Wir lassen unsere Kommunikationsbojen ungern lange allein draußen“, sagt Dugelay. „Sie sind extrem wichtig für unsere Versuche. Über Wasser können wir die Drohnen mit Funk erreichen. Wenn sie tauchen, brauchen wir aber zusätzlich eine Wasserschallverbindung und die Boje als Schnittstelle.“

Das Deckhaus riecht nach Mittag. Bis zu Tisch sind es noch gut zwei Stunden. Die Boje ruht schon auf dem Vorschiff. Zwei Techniker sind daran, sie zu sichern. „Wären heute Versuche angesetzt gewesen, bei denen die kleinen Drohnen von Anfang an mit im Wasser sein müssen, hätten wir die Boje kaum nebenbei holen können“, erklärt Nacini. „Wenn nur einzelne Komponenten getestet werden, ist das kein Problem. Dann können wir die Drohnen herkömmlich mit den Beobachtungen der MUSCLE füttern und im Beiboot rausbringen.“

Nacini braucht noch Filmmaterial für ihr Pressearchiv, Einstellungen von der Arbeit im Beiboot, Szenen mit Atmosphäre. Lange muss sie nicht warten. Die Wissenschaftler im Bug schwitzen schon bald über ihrer Drohne. Es sind Gäste der Heriot-Watt University aus dem schottischen Edinburgh. Der Propeller macht ihnen Probleme. Dreimal muss die Drohne rein und raus. Endlich springt der Propeller an. Einmal schwenkt Nacinis Kamera noch über die Landzunge vor Hyères. Am Steuerstand quäkt der Funk. Die Alliance meldet, dass unten tatsächlich eine Minenattrappe liegt.

Im Hauptlabor harrt Dugelay weiter vor dem Großbildschirm. Zwar hat die MUSCLE ihre Suche beendet. Bis die kleinen Drohnen fertig sind, wird es aber noch dauern. Dugelay ist zufrieden mit dem Versuchsverlauf. Alle Drohnen haben reichlich Daten geliefert. Ob die getesteten Komponenten die Erwartungen erfüllen, kann sie noch nicht sagen. Die Auswertung der Daten wird erst in einigen Stunden abgeschlossen sein. Das abzuwarten bleibt keine Zeit. Der Abschied steht an. Am Fallreep liegt schon mit laufendem Diesel das Beiboot für die Rückfahrt nach Hyères.










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