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Odense : In Nordeuropas Tal der Roboter

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im dänischen Odense ist rund um die Süddänische Universität ein skandinavisches Hightech-Cluster mit 60 Firmen und 2000 Mitarbeitern entstanden

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2015 | 16:00 Uhr

Zwischen Idee und Realisierung liegen in Odense kaum zehn Kilometer. So groß beziehungsweise klein nämlich ist die Entfernung zwischen der Süddänischen Universität und dem neuen Firmensitz von Universal Robots in der mit 200  000 Einwohnern drittgrößten Metropole Dänemarks. Vor genau zehn Jahren gründete Esben H. Østergaard den führenden Roboterhersteller des Landes gemeinsam mit zwei befreundeten Forschern, die der promovierte Doktor der Robotertechnologie an der dänisch Syddansk Universitet genannten Hochschule auf Fünen kennengelernt hatte.

Die jungen Technikfans analysierten anfangs besonders die besonderen Anforderungen an Roboter in der Lebensmittelindustrie. Ihre Idee war nicht weniger als die Neuerfindung des bisherigen Industrieroboters: Leichte und flexible Roboter, die eigentlich nur Roboterarme sind und die Produktion in allen Bereichen der Industrie erleichtern können. Erklärtes Ziel war, die bis dahin komplexe Robotertechnik auch kleinen und mittelgroßen Unternehmen zugänglich zu machen. „Das Ergebnis war 2009 unser UR5“, sagt Dieter Pletscher, der bei Universal Robots für die deutschsprachigen Märkte zuständig ist: „Ein sogenannter Knickarmroboter mit sechs Gelenken, der sich in alle Richtungen bewegen kann.“ Mit seiner Tragkraft von fünf Kilogramm und einer Bewegungsfreiheit von 85 Zentimetern lässt sich der „Urvater“ der heute drei Modelle von Universal Robots als eine Art dritter Arm in allen Branchen einsetzen, in denen Menschen an ihrem Arbeitsplatz für ständig wiederkehrende Abläufe sinnvoll direkte Unterstützung durch einen kollaborierenden, also mitarbeitenden Roboter erhalten können.“ Branchen, die besonders davon profitieren, seien Metall- oder Werkzeugindustrie, Lebensmittel- oder Landwirtschaftbranche, Möbelproduktion, Pharma- und Chemieindustrie, Kunststoffverarbeitung und andere.

Mit den nur zehn Kilogramm leichten und vor allem leicht programmierbaren Robotern fand Esben Østergaard, der heute CTO (Chief Technology Officer) und kreativer Kopf des mehrfach für seine Innovationen ausgezeichneten IT-Unternehmens ist, eine echte Nische. „Während heute die ganze Roboterbranche über kollaborierende Roboter spricht, die nach gründlicher Risikoanalyse ohne oder mit nur minimaler Schutzvorrichtung sicher mit Menschen zusammenarbeiten, waren wir Trendsetter“, sagt Dieter Pletscher. Mit rund 30 Patenten rund um Robotertechnologie sieht sich Universal Robots technologisch als die Nummer eins weltweit. Der Erfolg gibt den Dänen recht: Verließen im ersten Jahr nur wenige Dutzend Roboter das kleine Werk in der Heimatstadt von Märchendichter Hans Christian Andersen, waren es 2011 schon 400, 2012 weltweit bereits 1600 der mit 16  000 bis 30  000 Euro vergleichsweise preiswerten Helfer aus den Modellreihen UR5 und UR10 (bis 10 kg Tragkraft) im Einsatz.

Im März dieses Jahres folgte nicht mit der Vorstellung des UR3 (bis drei Kilogramm Tragkraft) nicht nur der mit einer 360 Grad Rotation an allen Drehgelenken weltweit flexibelste und leichteste Tischroboter für die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine – mit rund 18  000 Exemplaren, die die neu bezogene und 160 000 Quadratmeter große Firmenzentrale in Odense verließen, erzielte Universal Robots auch einen neuen Produktionsrekord. Gleichzeitig wuchs der Umsatz von 2013 auf 2014 um 70 Prozent auf umgerechnet rund 29 Millionen Euro.

Heute arbeiten rund 150 Mitarbeiter bei Universal Robots. Davon etwa 50 in der Entwicklungsabteilung, in der mehr als ein Dutzend Nationalitäten eine internationale Sprachenkombination aus Englisch und Dänisch spricht. Auch wenn das Aktienunternehmen Universal Robots im Frühjahr dieses Jahres für 1,9 Milliarden DKK oder umgerechnet 255 Mio. Euro an den US-amerikanischen Investor Teradyne Inc. verkauft wurde, bleiben Produkte, Know-how und Weiterentwicklung auch in Zukunft in fest in dänischer Hand. Und das bei einer geplanten Verdoppelung von Produktion und Umsatz für die kommenden Geschäftsjahre.
Damit bleibt das dänische Vorzeigeunternehmen auch einer der innovativen Player in Nordeuropas „Robotic Valley“, zu dem sich Fünen im letzten Vierteljahrhundert entwickelt hat. Die Erfolgsgeschichte hat praktische Ursprünge: Auf der Suche nach Schweiß- und Lackierrobotern startete die inzwischen nicht mehr bestehende Lindø-Werft eine Entwicklungskooperation mit der Syddansk Universitet. „Heute arbeiten und forschen bereits rund 2000 Menschen in und um Odense im Roboterbereich“, sagt Søren Peter Johansen. Der Leiter des Forschungslabors für Robotertechnologie des dänischen Teknologisk Institut, dem dänischen Pendant zum deutschen Fraunhofer Institut, im Forscherpark in Odense untersucht mit seinem Team Roboter-Einsatzfelder von Industrie bis Haushalt, von Gesundheit bis Landwirtschaft. Vor allem bei kleinen Firmen und Mittelständlern sieht der Wissenschaftlern noch Potenzial: „Unseren Untersuchungen nach erfolgen Arbeitsprozesse beispielsweise bei dänischen Firmen mit weniger als zehn Angestellten heute zu 30 Prozent automatisiert, aber noch zu 70 Prozent in Handarbeit – angesichts der hohen Löhne in Dänemark wird und muss sich hier noch viel tun.“ Dies gelte ähnlich für alle lohnintensiven Industrienationen.
Dabei werden neben der Uni auch die mehr als 60 kleinen und großen Roboter-Spezialisten in Odense entscheidenden Anteil haben. Allerdings stehen die in einem Cluster zusammengeschlossenen dänischen Hightech-Unternehmen schon jetzt vor einem großen Problem: Qualifizierte Arbeitskräfte zu finden wird nicht nur in Skandinavien, sondern weltweit immer schwieriger.

In und um Odense auf Fünen arbeiten im nordischen „Robotic Valley“ in rund 60 Spezialfirmen derzeit rund 2000 Menschen im Roboterbereich. 2016 ist Odense Gastgeber der Konferenz Robobusiness Europa, zu der 1000 Fachleute erwartet werden.

Hintergrund:
Universal Robots A/S wurde 2005 in Odense gegründet mit dem Ziel, leichte und flexible Roboter für Einsatzfelder in der Mensch-Maschine-Kooperation zu bauen. Die drei Modelle von Universal Robots gelten als benutzerfreundlich. Sie lassen sich in nur einem Tag aufbauen und programmieren. Die durchschnittliche Amortisationszeit liegt bei lediglich 195 Tagen. Universal Robots hat seinen Hauptsitz in Dänemark und Niederlassungen in New York, Schanghai, Singapur und Barcelona. Das weltweite Distributoren-Netzwerk besteht aus 200 Vertriebspartnern in 50 Ländern. Im Geschäftsjahr 2014 lag der Gewinn bei 4,1 Mio. Euro. Derzeit sind rund 150 Mitarbeiter bei Universal Robots beschäftigt.
www.universal-robots.dk

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