Walther Parson : Ein Quantum Spionage

Der Schädel, den man lange für jenen von Friedrich Schiller hielt, stammt gar nicht von dem großen Dichter, zeigte Walther Parson.
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Der Schädel, den man lange für jenen von Friedrich Schiller hielt, stammt gar nicht von dem großen Dichter, zeigte Walther Parson.

Das FBI fliegt ihn als Berater ein, als „Schiller-Killer“ wurde er berühmt: Walther Parson überführt Mörder per DNA-Analyse.

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29. April 2018, 05:00 Uhr

Walther Parson ist Frühaufsteher. Bereits um sechs Uhr betritt er allmorgendlich sein 30 Quadratmeter großes Büro im zweiten Stock des Instituts für Gerichtliche Medizin in Innsbruck. Auf dem halbmondförmigen Schreibtisch des Molekularbiologen landen die schwierigsten Kriminalfälle aus der ganzen Welt.

Auch wenn nur winzigste Spuren von DNA, also menschlichem Erbgut, zur Verfügung stehen, gelingt es Parson in aller Regel, verwertbare Informationen zu gewinnen – selbst dann, wenn das empfindliche Biomaterial durch Feuer oder die Einwirkung von Wasser beschädigt worden ist.

Professor Parson ist ein Star unter den DNA-Forensikern. Im Laufe der Jahre hat er sich den Ruf erarbeitet, auch scheinbar aussichtslose Fälle lösen zu können. Und so erreichen ihn mittlerweile Aufträge aus aller Welt – wenn Analysen besonders schwierig oder brisant sind. Die Suche nach den vermissten Kindern der russischen Zarenfamilie der Romanows gehörte ebenso dazu wie die Identifizierung von mexikanischen Studenten, die 2014 entführt und verbrannt worden sind. Parson analysierte auch das Erbgut der berühmten Eismumie Ötzi und konnte nachweisen, dass es noch heute „Ötzi-Gene“ im Erbgut der Tiroler gibt. Und er musste sich die Bezeichnung „Schiller-Killer“ gefallen lassen, weil er durch DNA-Untersuchungen zweifelsfrei nachweisen konnte, dass ein Schädel, den man Friedrich Schiller zugeordnet hatte, nicht von diesem großen Schriftsteller stammen konnte. In Weimar war nicht jeder über diese Erkenntnis glücklich.

Parsons erster Fall, der weit über Österreich hinaus Beachtung fand, war jedoch die erfolgreiche Identifizierung von Opfern der Tsunami-Katastrophe in Indonesien im Jahr 2004. Es gelang ihm, allen DNA-Proben ein auswertbares Profil zuzuordnen – obwohl sich das Erbgut aufgrund des heiß-feuchten Klimas in einem ziemlich schlechten Zustand befand.

Heute ist sein Expertenwissen so begehrt, dass er beispielsweise jährlich in die USA eingeladen wird, um die Experten beim FBI in Sachen DNA-Forensik zu beraten. Auch als Dozent ist Parson gefragt. Neben seiner Professur an der Medizinischen Universität Innsbruck hat er Lehraufträge am amerikanischen Penn State Eberly College of Science in Pennsylvania, in Singapur und Rio de Janeiro.

FBI-Berater Walther Parson.
w. Parson
FBI-Berater Walther Parson.

„Das alles schaffe ich natürlich nur mithilfe von Tele-Learning und Videokonferenzen“, sagt Parson, der 1966 bei Innsbruck geboren wurde und bis heute eng mit seiner Heimat verbunden ist. Abgesehen von seinen zahlreichen Dienstreisen hat er die Region Innsbruck praktisch nie verlassen. Er wuchs in Innsbruck auf, studierte dort und lebt mit seiner Frau und drei Töchtern in einem kleinen, 900 Meter hoch gelegenen Dorf in der Nähe der Stadt.

Parsons Karriere begann unspektakulär. Bereits in der Schule hatte es ihm die Biologie angetan. So studierte er dieses Fach und erhielt das Diplom im Jahre 1993. Anschließend ergab sich die Möglichkeit zu einem zunächst halbjährigen Forschungsprojekt am Institut für Gerichtliche Medizin. „Dort hat mich sofort fasziniert, dass sich mit wissenschaftlichen Methoden Erkenntnisse gewinnen lassen, die tatsächlich von großer gesellschaftlicher Relevanz sind“, erinnert sich Parson. Der Nutzen von Wissenschaft sei bei dieser Tätigkeit offensichtlich und direkt erfahrbar. Mörder können überführt, Vaterschaften geklärt und Identitäten von Todesopfern ermittelt werden. Mittlerweile arbeitet er seit 25 Jahren in diesem Institut.

Dass DNA-Proben eindeutig Personen identifizieren können, gehört heute zum Allgemeinwissen. In nahezu jedem „Tatort“ werden „genetische Fingerabdrücke“ ausgewertet. Es handelt sich dabei längst um eine Methode, die aufgrund ihrer hohen Aussagekraft dem klassischen Fingerabdruck den Rang abgelaufen hat. Parson und sein Team bearbeiten auch Routinefälle. Das Innsbrucker Institut erfüllt in Österreich mit seiner DNA-Datenbank die gleichen Aufgaben, wie in Deutschland das BKA, dem Bundeskriminalamt in Deutschland, vergleichbar.

Absolute Diskretion sei eine zentrale Voraussetzung für seine Arbeit, betont Parson. So dürften Details, die später noch vor Gericht verwertet werden sollen, auf gar keinen Fall vorab an die Öffentlichkeit gelangen. Doch zum Glück gibt es auch jene Fälle, über die Parson reden darf, bei denen es nicht um schuldig oder nicht schuldig, sondern zum Beispiel um heilig oder scheinheilig geht.

Im Erbgut eines Menschen sind auch Informationen über die Farbe von Haaren, Haut und Augen enthalten.

So erhielt Parson von der Marienwallfahrtsstätte Medjugorje in Bosnien-Herzegowina ein Taschentuch mit einem roten Fleck. Dieser soll entstanden sein, nachdem tags zuvor Weihwasser auf die Stelle geträufelt worden war. Hatte sich, so die Hoffnung der Geistlichen, ein Wunder ereignet? War aus dem geweihten Wasser etwa Blut der Mutter Gottes geworden? Parson fand, dass es sich um menschliches Blut handelte. Das freute seinen Auftraggeber. Doch die zweite Erkenntnis aus dem DNA-Labor gefiel dem Geistlichen nicht so sehr und machte eine wohl insgeheim gehegte Hoffnung zunichte. Das Blut stammte von einer männlichen Person. Keine Maria.

Die Bestimmung des Geschlechts anhand einer DNA-Probe ist für forensische Analytiker eine leichte Übung. Hat ein Krimineller am Tatort DNA-Material hinterlassen, so lässt sich mit 100-prozentiger Sicherheit ermitteln, ob es von einer Frau oder einem Mann stammt. Doch die DNA-Spur eines unbekannten Täters kann viel mehr verraten als nur sein Geschlecht. Im Erbgut eines Menschen sind auch Informationen über die Farbe von Haaren, Haut und Augen enthalten. Sogar das Alter und die geografische Herkunft lassen sich eingrenzen.

Das sogenannte DNA-Profiling ist zu einem politischen Thema geworden. Es wird darüber gestritten, welche Informationen aus dem Erbgut ausgelesen werden dürfen und welche nicht. Von Land zu Land sind die rechtlichen Rahmenbedingungen recht unterschiedlich.

Es gibt ein europäisches Projekt namens „Visage“ (VISible Attributes Through GEnomics), bei dem Forscher klären wollen, welche sichtbaren Personenmerkmale sich aus einer DNA-Probe ableiten lassen. Wie der Projektname andeutet, steht am Ende die Vision, dass sich allein aus einer DNA-Spur das Phantombild eines Straftäters erstellen lässt. Doch während etwa der für seinen Optimismus bekannte US-Genforscher und Biotechunternehmer Craig Venter ein DNA-Phantombild schon für die nahe Zukunft in Aussicht stellt, zeigt sich da Parson, der selber intensiv bei Visage mitarbeitet, sehr viel zurückhaltender. Das sei noch in weiter Ferne: „Vielleicht werden wir es auch nie schaffen, brauchbare Phantombilder auf der Basis von DNA zu erstellen.“

Doch was ist eigentlich das Geheimnis von Parsons Erfolg? Was kann er, was andere nicht können? Im Prinzip nichts. Er war einfach schneller und hat an vorderster Front den Stand der Technik vorangetrieben. Permanent optimierte er jeden einzelnen der vielen Arbeitsschritte und nutzte konsequent Innovationen aus der biotechnischen Industrie. So konnte er sich immer wieder einen Wissensvorsprung sichern. „Alle Verbesserungen der Methode habe ich stets publiziert“, sagt Parson. Sein neues Wissen hat er also stets mit der Community geteilt und keine Patente angemeldet. „Ich hatte einfach unglaublich viel Glück“, bilanziert der Mann, der von sich sagt, er führe ein einfaches, natürliches Leben.

Parson kennt sein Erbgut. Jeder Mitarbeiter in einem forensischen Labor muss die eigene DNA analysieren lassen. Nur so kann eine mögliche Verunreinigung von Proben mit der DNA eines Laborangestellten auch als solche erkannt werden. Und was leitet Parson aus seinem Erbgut ab? Er blickt auf das an der Wand hängende, selber geschossene Foto des 8163 Meter hohen Manaslu-Gipfels im Himalaja und sagt: „Ich bin ein ganz normaler Durchschnittsmensch. Meine Vorfahren kamen nach der letzten großen Eiszeit nach Europa.“

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