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Wissenschaft

22. November 2017 | 17:48 Uhr

Voyager : Botschaft für Aliens

vom
Aus der Onlineredaktion

Seit 40 Jahren jagen die Nasa-Sonden „Voyager 1“ und „Voyager 2“ durchs All. Sie sollen auch fremden Zivilisationen von der Menschheit erzählen

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2017 | 20:55 Uhr

Nach dem Knopfdruck müsste der Kontakt rasend schnell hergestellt sein. Eigentlich. Schließlich sind die Funksignale zur Raumsonde „Voyager 1“ mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Sie legen jede Sekunde 300  000 Kilometer im intergalaktischen Nichts zurück. Das sind pro Stunde 1,08 Milliarden Kilometer.

Dennoch, sobald ein Mitarbeiter in der Nasa-Einsatzzentrale im kalifornischen Pasadena die Befehlstaste seines Computers drückt, dauert es eine halbe Ewigkeit, bis die Verbindung aufgebaut ist. Erst nach mehr als 20 Stunden registriert der Bordrechner des irdischen Pfadfinders den Eingang des Signals der Bodenkontrolle.

Grund ist die Entfernung. „Voyager 1“ und „Voyager 2“, die noch immer funktionierenden spinnenartigen Zwillingsspäher der Menschheit, jagen seit genau vier Jahrzehnten durchs All. Im August und September 1977 wurden sie nacheinander an der Spitze je einer Titan-Centaur-Rakete von Cape Canaveral in die Unendlichkeit geschossen. Seither fliegt die eine Sonde aus Erdsicht nach Norden, die andere nach Süden. Beide legen jeden Tag 1,4 Millionen Kilometer zurück. Die Sonde „Voyager 1“ ist inzwischen mehr als 20,7 Milliarden Kilometer von ihrer Startbasis in Florida entfernt. Kein von Menschen gemachtes Gerät im All hat mehr Strecke gemacht.

Zwei lahme Enten für All-Verhältnisse

Sein baugleicher Bruder hingegen ist wegen eines anderen Bahnverlaufs erst bei etwas mehr als 17 Milliarden Kilometer Entfernung angelangt. Verglichen damit sind alle anderen Weltraummissionen nur Kurztrips. So beeindruckend die erreichten Entfernungen nach menschlichem Ermessen auch sein mögen; nimmt man die Unendlichkeit des Weltraums als Maßstab, sind beide Kundschafter gerade mal im Vorgarten der Erde angekommen. Und obendrein sind sie trotz ihres irrwitzig erscheinenden Tempos von 60  000 Kilometer pro Stunde in Wahrheit lahme Enten. Rein rechnerisch könnte man mit dem Tempo in weniger als einer Minute von Hamburg nach München rasen. Um die unvorstellbar großen Distanzen im All halbwegs zügig zurückzulegen, müssten sie aber so schnell sein wie Funksignale. Doch das ist illusorisch.

Die Aufgabe der irdischen Doppelflaschenpost im Kosmos bestand zunächst darin, die vier gewaltigen äußeren Planeten unseres Sonnensystems zu erkunden – Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Ausgestattet sind die Schwestersonden unter anderem je mit einer Parabolantenne für den Kontakt zur Heimat, einer Radioisotopenbatterie zur Stromerzeugung, einem Tank mit Hydrazin als Treibstoff für die Schub- und Steuerdüsen, Messinstrumenten und mit einer Spezialkamera.

Bereits in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wussten die Astronomen der Nasa, dass diese Planeten nur alle 175 Jahre in einer derart günstigen Position zueinander stehen, dass ein Raumschiff sie unter Ausnutzung der Planetenanziehungskräfte nacheinander anfliegen kann. Und so wurde der Spätsommer 1977 als idealer Startzeitraum berechnet. Manche Wissenschaftler waren jedoch skeptisch, ob eine Sonde das tatsächlich schaffen kann. Was, wenn sie ausfällt und weder Signale noch Bilder zur Erde funkt? Also baute man sicherheitshalber Zwillinge, jeder 825 Kilogramm schwer, und schoss sie nacheinander ins All.

Ihre Aufgaben haben sie mit Bravour gemeistert. Die Mission wurde als das erfolgreichste Raumfahrtunternehmen aller Zeiten bezeichnet. Die jeweils elf Instrumente an Bord der Sonden funkten gestochen scharfe Bilder und Milliarden von Messdaten zu Erde. Von den Ringen des Saturn, den Monden des Uranus oder der stürmischen Oberfläche des Jupiter.

Seitdem rauschen die kosmischen Pfadfinder auf Nimmerwiedersehen durch den interstellaren Bereich. Ob und wann „Voyager 1“ in den nächsten 1000 Jahren in die Nähe eines anderen Planeten oder einer anderen Sonne kommen wird, ist nicht ausgemacht. „Voyager 2“ hingegen wird auf seiner Bahn am Stern Ross 248 vorbeikommen – wenngleich in großer Entfernung und auch erst im Erdenjahr 40155. Beim Datenaustausch haben die Wissenschaftler festgestellt, dass an den Sonden etwa alle halbe Milliarde Kilometer ein Bauteil bockt, der Bordcomputer hakt, die Sensoren versteifen oder dass die Kameras erblindet sind.


Der Bordcomputer hat einen Arbeitsspeicher von lächerlichen 64 Kilobyte. Kein Smartphone würde damit funktionieren.

Das kann nicht verwundern, denn die Technik ist, gerechnet von der Konstruktion der Sonden, deutlich älter als 40 Jahre. So hat der Bordcomputer etwa den Standard des ersten Apple-Rechners und einen Arbeitsspeicher von lächerlichen 64 Kilobyte. Kein Smartphone würde damit funktionieren. Wer den „Voyager“-Sonden Befehle erteilen will, muss die Programmiersprachen Fortan und Assembler beherrschen, die aus der Computersteinzeit stammen. Der Letzte aus der alten „Voyager“-Garde, der das konnte, war Larry Zottarelli. Ende 2015 ist er mit 80 Jahren in den Ruhestand gegangen. Die Hauptaufgabe seines Nachfolgers ist es, die Geräte an Bord der beiden Satelliten nach und nach bis zum Jahr 2025 abzuschalten.

Stumm, blind und taub unterwegs

So wurde etwa dem Magnetband-Speichersystem längst der Saft abgedreht. Dabei handelt es sich um eine vor Jahrzehnten übliche Technik, ähnlich einem Kassettenrekorder, mit der die gesammelten Daten vor dem Senden zur Erde zwischengespeichert wurden. Das Abschalten spart Strom. Auch die Lageregelung wurde deaktiviert. Betroffen davon sind zwölf Schub- und Steuerdüsen. Und das schrittweise Deaktivieren der Instrumente, 14 sind an Bord, ist bereits im Gang.

Die irdischen Kundschafter werden also stumm, blind und taub weiterfliegen, verbunden mit der Hoffnung, dass sie eines Tages auf eine andere Zivilisation treffen. Dann werden sie zu Botschaftern. Und wenn die fremden Wesen mindestens so schlau wie wir sein sollten, werden sie verstehen, wie die kupfernen und mit Gold belegten Langspielplatten zu bedienen sind, von der jede Sonde eine mitführt. Zu hören und zu sehen darauf ist die Erde.

Gespeichert sind Grußbotschaften in 55 Sprachen, 27 Musikstücke von Bach bis zu den Beatles sowie menschliches Gelächter, Hundegebell und auch das sanfte Geräusch eines Kusses. Zudem atemberaubende Bilder von unserem blauen Planeten. Bisher hatte nur der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter eine Kopie davon geschenkt bekommen. Jetzt, zum 40. Jubiläum, gibt’s diese einmalige Zusammenstellung irdischer Botschaften für jedermann: Das Technikportal BoingBoing vertreibt für knapp 100 Dollar eine Box mit drei goldfarbenen Vinylschallplatten und den Originalinhalten. Dazu gehört ein Buch mit Bildern der „Voyager“-Mission.

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