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Wissenschaft

21. November 2017 | 07:34 Uhr

Krabbeltiere : Appetit auf Papier

vom
Aus der Onlineredaktion

Invasive Fischchen-Arten richten in Museen und Archiven großen Schaden an.

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2017 | 09:00 Uhr

Wann und von wo sie gekommen sind, weiß niemand so genau. Doch irgendwie muss alles recht schnell gegangen sein. Vor zehn Jahren wurden Papierfischchen zum ersten Mal in Deutschland entdeckt. Heute findet man die circa einen Zentimeter großen Krabbeltiere bereits an allen möglichen Orten. Selbst in der Geschirrabteilung von Karstadt wurde schon ein Exemplar gesichtet, erzählt Bill Landsberger.

Landsberger arbeitet für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ist schon von Berufs wegen ein Experte für Papierfischchen. Denn die Tierchen mögen bei Karstadt ein unappetitlicher Anblick sein, im Museum oder im Archiv können sie zum echten Problem werden. Eine Bleistiftzeichnung? Eine alte Handschrift? Nicht unbedingt ein Leckerbissen für die Fischchen, aber wenn sie hungrig sind und im Museum gerade keinen Hafer oder andere stärke- und zuckerhaltige Lieblingsspeisen finden, dann machen sie sich ohne Umschweife auch über diese Dinge her.

Denn „Ctenolepisma longicaudata“ – wie die Tiere wissenschaftlich korrekt heißen – kann als eines der wenigen Lebewesen Zellulose in Zucker aufspalten. Und da ist es ihnen vollkommen egal, ob das die Zeitung der letzten Woche ist, ein Familienfoto oder ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert.

Bisher sind die durch Papierfischchen verursachten Museumsschäden in Deutschland zwar noch unbedeutend. Doch aus anderen Ländern weiß man, dass sich das schnell ändern kann. Bill Landsberger schult daher auch Restauratoren und Mitarbeiter anderer Museen und Archive im Schädlingsmanagement und im richtigen Umgang mit den neuen Museumsbewohnern. Oft bekommt er im Anschluss auch Rückmeldung, wenn irgendwo Papierfischchen entdeckt wurden. Daher weiß Landsberger: „Sie sind viel weiter verbreitet, als viele denken.“

Dass viele Papierfischchen unentdeckt bleiben, liegt auch daran, dass sie gar nicht unbedingt erkannt werden. Denn mit ihrem sieben bis 15 Millimeter großen, grau geschuppten Körper, der vorn zwei Antennen, hinten drei lange Schwanzfäden hat, sind sie sehr leicht zu verwechseln mit einem häufigen Gast in hiesigen Badezimmern: den Silberfischchen. Auch Silberfischchen ernähren sich im Notfall von Papier, aber im Gegensatz zu ihren etwas größeren Artgenossen mögen sie es gerne feucht und kühler. Das macht es sehr viel einfacher sie – außerhalb des Badezimmers – mit einem trockenen Raumklima zu bekämpfen.

„Wenn in Museen oder Archiven Silberfischchen vorkommen, dann ist das eigentlich fast immer auf ein falsches Raumklima und schlechte Hygiene zurückzuführen“, sagt Landsberger. Das ist bei Papierfischchen nicht der Fall. Um die zu bekämpfen, muss man schon höheren Aufwand betreiben.

Das wissen nicht zuletzt die Niederländer. In unserem Nachbarland wurden bereits 1989 die ersten Papierfischchen gesichtet. Mittlerweile kämpfen nicht mehr nur Museen und Bibliotheken mit den Schädlingen, sondern teilweise auch private Hausbesitzer, deren Erinnerungsfotos und -dokumente durch Papierfischchen zerstört wurden.

Wenn solche Schäden entdeckt werden, haben die Tiere oft schon lange Zeit ihr Unwesen getrieben. Denn die Krabbeltiere leben im Verborgenen. Sie suchen zwar mit Vorliebe menschliche Behausungen auf, doch fühlen sie sich dort am wohlsten, wo man sie in Ruhe lässt – also in warmen Kellern und Dachböden, in Archiven und Depots. Dort ziehen sie sich dann in Kartons, Papierstapel oder Buchdeckel zurück, suchen Ritzen und Spalten auf. Und sie sind dabei nicht einmal auf ständige Nahrungszufuhr angewiesen. Bis zu 300 Tage können sie ohne Essen überleben, wie niederländische Insektenforscher schreiben. Die Papierfischchen ausfindig zu machen, ist daher gar nicht so einfach. Man muss sie schon gezielt suchen. „Wir stellen Fallen auf, in denen wir sie dann wiederfinden“, erzählt Bill Landsberger. Auch einige andere Museen tun das mittlerweile, so dass sich zwar noch kein genaues Bild ergibt, aber immerhin feststeht: Die Papierfischchen sind in Deutschland auf dem Vormarsch.

Richtung Norden, berichtet Landsberger, würden die Funde allerdings seltener. Auch in den Gottorfer Landesmuseen und der Kieler Universitätsbibliothek ist man bisher von Papierfischchen verschont geblieben – oder genauer gesagt: Sie wurden dort bisher nicht entdeckt.

Bill Landsberger ist bundesweit der einzige Museumsbiologe, der allein für das Schädlingsmanagement in den Berliner Museen zuständig ist. Andernorts müssen Restauratoren oder weiteres Personal diese Aufgabe nebenbei übernehmen. Nicht immer ist dann die Zeit da, um zwischen alten Papieren, Büchern und Werken auf die Suche nach kleinen, schnell weghuschenden Fischchen zu gehen, Fallen aufzustellen und die Tiere unter dem Mikroskop genau zu bestimmen.

Mit etwas Pech allerdings kann sich das irgendwann rächen. Denn invasive Arten wie die Papierfischchen können sich sehr schnell vermehren, wenn sie ideale Bedingungen vorfinden und kaum Fressfeinde haben. Am Ende reichen dann einige Tierchen an der falschen Stelle, die in einigen Monaten unersetzliche Dokumente oder Kunstwerke zerstören können. „Man sollte das Thema nicht außer Acht lassen, aber auch nicht überdramatisieren“, meint Landsberger, der ja alle seine Pappenheimer vom Brotkäfer bis zur Kleidermotte im Blick behalten muss. Letztlich könnte eine ganz gewöhnliche Maus über Nacht in einem Museum viel mehr Schaden anrichten als 1000 Papierfischchen in einem Jahr. Doch der Biologe ist sich sicher, dass das Thema Schädlinge in Museen und Archiven zukünftig immer wichtiger werden wird. „Durch den zunehmenden globalen Warenverkehr werden sich neue und vorher unbekannte Schädlinge immer schneller ausbreiten können.“

Jüngstes Beispiel dafür ist das so genannte Geisterfischchen, das im April dieses Jahres in Chemnitz entdeckt wurde. Das ist eine neu eingeschleppte, hier bisher unbekannte Fischchen-Art, die das Potenzial zum Schädling hat. In wie vielen Museen und Archiven diese Spezies bereits herumgeistert, ist noch völlig unklar.

 

„Papierfischchen“

Wissenschaftlicher Name: Ctenolepisma longicaudata
Überklasse: Sechsfüßer(Hexapoda)
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Fischchen (Zygentoma)
Familie: Lepismatidae
Gattung: Ctenolepisma
Art: Papierfischchen
Körperlänge: (ohne Anhänge) 11 bis 15, meist 13 Millimeter
Entdecker: Karl Escherich, 1905
 

 

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