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Uni am Bodensee : Anti-Streber-Stipendium erlebt Bewerber-Ansturm

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zeppelin-Uni am Bodensee vergibt Stipendien für Leute mit Brüchen im Lebenslauf. Dahinter steckt die Überzeugung: Jedes Team braucht Menschen, die Widerstand und Scheitern kennen.

„Mit so vielen Bewerbern haben wir wirklich nicht gerechnet“, sagt Tim Göbel. Als Vize-Präsident der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen ist er für das „Diversitäts-Stipendium“ zuständig, wie das in Deutschland einzigartige Förderprogramm offiziell heißt. Durchgesetzt haben sich aber Namen wie „Anti-Streber-Stipendium“ oder „Stipendium fürs Anderssein“. Gesucht werden junge Leute, deren Lebenslauf nicht stromlinienförmig ist: Ausbildungsabbrecher, Sitzenbleiber, Legastheniker, Menschen, die mit einer Geschäftsidee gescheitert sind. Die private Hochschule hatte laut Göbel 50 bis 60 Bewerbungen erwartet. „Geworden sind es dann mehr als 100.“ Zum Start des aktuellen Semesters haben zwölf Stipendiaten ihr Studium aufgenommen.

Eigentlich sind Privat-Universitäten wie die Zeppelin-Uni nicht dafür bekannt, dass sie sich besonders um Menschen bemühen, deren Werdegang nicht eben zielgerichtet ist. Sie hatten bisher kaum die Möglichkeit, an eine Elite-Uni zu gelangen – schon gar nicht als Stipendiaten.

„Aber genau nach solchen Menschen suchen wir“, sagt Tim Göbel, nach den „exzellenten Exoten“. Diese „haben durch ihre Biografie bewiesen, dass sie trotz aller Widerstände die Fähigkeit besitzen, wieder aufzustehen, selbst wenn sie einmal gescheitert sind“. Studien legten nahe, dass eben solche Menschen Teams selbstkritischer und selbstbewusster machten - und damit auch erfolgreicher.

„In der Tat ist es so, dass Vielfalt siegt“, bestätigt auch eine Sprecherin der Unternehmensberatung McKinsey. 2011 stellte McKinsey in einer gleichnamigen Studie fest, dass Unternehmen, in denen das führende Management nicht homogen ist, sich offenbar besser entwickeln und messbar positivere Geschäftszahlen erwirtschaften.

Allerdings: Die Untersuchung konzentriert sich in Sachen Vielfalt lediglich auf Geschlecht und geografische Herkunft als Unterscheidungsmerkmale.

Die Zeppelin-Uni hingegen setzt auf ein viel breiteres Verständnis von Vielfalt. „Wir versprechen uns von den Stipendiaten an der Zeppelin-Universität einen akademischen Mehrwert für Lehrende und Lernende gleichermaßen“, sagt Göbel. Unter den Bewerbern sei etwa ein junger Mann aus einem Berliner Problembezirk, der sich an einer Brennpunktschule trotz eines schweren familiären Umfelds zum Abitur hochgekämpft habe. Eine weitere Bewerberin stamme aus einem ehemaligen Krisengebiet des Balkankrieges und sei ursprünglich als Flüchtling nach Deutschland gekommen.

Die Universität, die in Hochschulvergleichen regelmäßig gut abschneidet, liegt direkt am Ufer des Bodensees. Das Lernumfeld gleicht einem Idyll. Normalerweise muss jeder der rund 1.000 Studenten hier zwischen 3500 und 5000 Euro Studiengebühren pro Semester hinblättern. Das Auswahlverfahren ist aufwendig, besteht aus persönlichen Gesprächen und praktischen Aufgaben - und muss auch von den Bewerbern des Anti-Streber-Stipendiums durchlaufen werden.

Vorwürfe, die Stipendien seien vor allem eine PR-Aktion, weist Göbel von sich: „Wir meinen es ernst und wollen die Stipendien langfristig an der Universität verankern“. Der Anteil der Studenten mit nicht-stromlinienförmigem Lebenslauf soll künftig bei knapp zehn Prozent der Studierenden liegen.

 

 

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erstellt am 15.Jan.2014 | 22:00 Uhr

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