Tierisch intelligent : Ameisen als Faulpelze

Insekt und Mensch meistern dieselben Probleme. Mit einem Unterschied: Ameisen diskutieren nicht.  Fotos: getty images, David Burder / WeltN24, Chris Garythen / PA-Bildagentur-o
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Insekt und Mensch meistern dieselben Probleme. Mit einem Unterschied: Ameisen diskutieren nicht. Fotos: getty images, David Burder / WeltN24, Chris Garythen / PA-Bildagentur-o

Ein Ameisen-Volk trieb in den Fluten von Texas, verhakt, als Rettungsfloß. Studien zeigen: Die Tiere sind erfinderisch, solidarisch, fleißig – aber ebenso auch faul.

svz.de von
23. September 2017, 16:00 Uhr

Dieses Foto vom Hurrikan „Harvey“ hat die USA, die ganze Welt mehr beschäftigt als alle anderen Katastrophenbilder von weinenden Amerikanern, zerstörten Existenzen, besorgten Politikern. Das Bild zeigt Ameisen. Ein lebender Klumpen, mit der Königin in der Mitte und halb toten Arbeitertieren unter der Wasseroberfläche. Ineinander verhakt, aneinander geklammert treibt ein Volk in der Strömung, ein rotes Rettungsfloß. Es ist die beste, die einzige Überlebenstaktik – und ein neuer, überraschender Höhepunkt für Biologen, Psychologen, Ingenieure. Für alle, die Logik, Funktion und Stärken von Ameisenstaaten ergründen.

Viele dumme Ameisen ergeben einen schlauen Haufen. Ein Haufen schlauer Menschen dagegen kann ein ziemliches Chaos anrichten.

Vielleicht ist das der Grund, warum wir Menschen uns so sehr für Ameisen interessieren, warum Wissenschaftler nicht müde werden, das Wesen ihrer Staaten und Bauten zu ergründen. Das Faszinierende daran ist: Insekt und Mensch meistern dieselben Probleme. Oft gleichen sich sogar die Lösungen und die Methoden. Mit einem Unterschied: Ameisen diskutieren nicht, sie gehorchen. Nicht ihrem Chef, sondern etwas anderem. Was genau das ist, hat auch die Wissenschaft noch nicht abschließend verstanden.

Die bestorganisierten Gemeinschaften

Instinkt? Duftstoffe? Erbgut? Eine Mischung aus allem? Fest steht: Tun und Lassen, Mentalität und Motivation, alles folgt bei Ameisen einer übergeordneten Macht. Und so leben sie in den bestorganisierten Gemeinschaften der Welt. Mit Armeen, die bereit sind, für die Gemeinschaft zu sterben. Mit Baumeistern, mit Arbeitern, die bis zum Umfallen schuften. Mit dem Willen, andere Völker zu versklaven, und mit Soldaten, die nicht zögern, sogar Menschen anzugreifen. So was haben Diktatoren schon immer gefordert. Keiner fragt, keiner muckt, niemand kommt auf die Idee, einen Putsch oder ein Attentat anzuzetteln. Als staatstragende Tugenden sind hochzuhalten: Gehorsam, Fleiß, Opferbereitschaft, Anspruchslosigkeit.

Mit Staaten und Ameisenvölkern ohne Raum hat die Berliner Biologin Christina Grätz einige Erfahrung. Sie organisiert die Umzüge von Ameisenkolonien, zuletzt 200 Völker im Süden von Berlin. Die Kahlrückige Waldameise (Formica polyctena) ist geschützt, der Ausbau der A10 am Berliner Ring und der Auftritt von Naturschützern bescherten ihr zuletzt intensive Wochen. Mit einigem Erkenntnisgewinn: „Die Evolution hat Ameisen darauf getrimmt, noch im größten Chaos einen sinnvollen Weg zu finden“, sagt die Biologin. Wie sie sich organisieren, wie das Leben seine Logik hat unter Abertausenden – es begeistert Grätz, obwohl die Naturwissenschaftlerin es bis heute nicht ganz versteht.

Auch Grätz hat ihre Ameisen in einem texanischen Moment erlebt, hat ihre organisierte Flucht vor einer Sturzflut beobachtet. „Wir wollten 13 Nester umsiedeln und wurden vom großen Regen überrascht“, sagt sie, „innerhalb von Minuten stieg das Wasser in einem Graben, der normalerweise trocken liegt, zwölf der riesigen Hügel waren ausgerechnet genau hineingebaut“. Und die Ameisen? „Als wir die Nester vor den Fluten evakuieren wollten, kamen wir zu spät“, sagt sie, „die Ameisen waren längst geflüchtet und hatten sich in dem einzigen höher gelegenen Bau versammelt und schon zu einem Klumpen verhakt, 800 Königinnen im Zentrum, bereit dazu loszuschwimmen“, sagt Grätz.

Über Monate kann so ein Ameisenfloß auf dem Wasser dümpeln, das wissen Forscher inzwischen. Weshalb die Knäuel nicht untergehen – diese Erkenntnis fällt ebenfalls unter die jüngeren Errungenschaften der Zoologie. Die Tiere halten sich mit Kiefern und Füßen verhakt, mit Luftblasen erhöhen sie zusätzlich den Auftrieb. Physikalisch betrachtet ähnele der Klumpen einem Tropfen einer Flüssigkeit aus „Ameisenmolekülen“, sagen Forscher: Er breitet sich auf der Wasseroberfläche aus und flacht dabei unten ab, behält darüber jedoch die Form eines Hügels.

„Sieht man von seiner winzigen Größe und den Defiziten in seifigem Wasser ab, hat das Ameisenfloß attraktive Eigenschaften“, witzeln die Wissenschaftler im Resümee ihrer Studie: Es biete seinen Passagieren gleichzeitig Stabilität, Auftrieb, lasse das Wasser abperlen und könne zudem schnell und ohne zusätzliche Ausrüstung aufgebaut werden. Außerdem könne es Tausende bis Millionen von Passagieren unterbringen, ohne dass es Tote gebe.

Die erfinderische Seite seiner Blattschneiderkolonie hat auch ein Ameisenbesitzer im Rheinland kennengelernt. Der Mann wollte grenzenlos glückliche Ameisen und hat sie frei laufen lassen. Drei Minuten. So lange dauerte es, bis die Armee sich durch einen Ausgang den Weg in den Garten gebahnt hat, um Blätter zu ernten. Die Rosen vom Nachbarn fanden sie interessanter als die vom heimischen Garten. Das gab Ärger jenseits des Zauns. Die wissenschaftliche Sicht auf die Begebenheit reduziert sich auf eine zentrale Frage: Wie kam es zum gemeinschaftlichen Urteil der Armee von Blattschneideameisen, dass die Rosen in Nachbars Garten besser sind als die im eigenen? Wo genau sitzt die treibende Kraft im Kollektiv? Wer gab den Marschbefehl?

Drei Viertel der Genossen machen Pause

Wer das verstehen will, reist am besten nach Süddeutschland. Am Max-Planck-Institut in Konstanz leitet der Brite Iain Couzin die Abteilung für „Kollektives Verhalten“. Couzin hat Ameisenschwärme beobachtet und aufgrund ihrer Biologie ein Rechenmodell entwickelt. Ameisen, so seine Erkenntnis, verständigen sich durch Düfte und Berührungen. Insekten, die den Bau verlassen haben, riechen anders als jene, die draußen waren. Der Duft heimkehrender Außendienstler veranlasst die Zurückgebliebenen, ebenfalls nach draußen zu marschieren. Bringen sie Futter mit, riechen sie intensiver und signalisieren den anderen, dass sie Verstärkung brauchen.

Die Theorie von den Ameisendüften ist umstritten. Biologin Christina Grätz überzeugt sie nicht. Zu oft ist sie von den spontanen Entscheidungen aus dem wimmelnden Gewusel heraus überrascht worden. Zu oft ist es ihr bei den Umsiedlungen passiert, dass ein Ameisenvolk die ihnen zugedachte neue Heimat ablehnte und sich – gerade angekommen – sofort wieder auf die Reise machte, um fünf Meter weiter seinen Bau anzulegen. „Es entscheidet sich meist in den ersten fünf Minuten, ob ein Staat sein neues Zuhause akzeptiert oder nicht“, sagt Grätz. Im letzteren Fall formiert sich rasch eine breite Karawane. „Dass einzelne Tiere die Vorhut machen“, sagt Grätz, „habe ich nie beobachtet. Die Entscheidung fällt immer spontan und aus der Gemeinschaft heraus.“

Organisierter Massenmarsch. Dass der gefährlich sein kann, hat der Berliner Ameisenzüchter Martin Sebesta erlebt, als er seine Lieblingsameisen am Amazonas besuchte. Army-Ants oder Heeresameisen sind für ihre Raubzüge berühmt. Die Soldaten vernichten alles, was ihnen im Weg steht, Insekten, Mäuse, sogar kleine Affen. „Ich trat versehentlich auf einen Ast, der bis unter das Nest reichte – und ein wütender Ameisenteppich bewegte sich in meine Richtung“, sagt Sebesta. Er konnte flüchten. Doch Ameisen arbeiten nicht nur als schlaues Kollektiv.

Das zeigt eine Studie, die in der jüngsten Ameisenforschung fast untergegangen wäre. Das könnte daran liegen, dass sie ein bisschen peinlich ist. Die Ameise als rühmliches Vorbild in Sachen Sekundärtugenden – so ganz kann das nicht stimmen. Die Wahrheit ist: Es soll auch faule Ameisen geben. Die Forscher hatten Arbeiterinnen markiert, dann über lange Zeit mit Kameras verfolgt. Was sie dabei entdeckten, stürzte ihre hohe Ameisenmeinung vom Sockel. Wissenschaft kann unbequem sein, sogar hart. In diesem Fall zwang sie zur schmerzhaften Einsicht, dass nur eine Minderheit im Ameisenhügel unermüdlich dabei ist, Nahrung zu sammeln, den Bau zu reparieren, den Nachwuchs zu füttern. Die übrigen Volksgenossen, immerhin fast drei Viertel im Bau, ließen es dagegen erstaunlich ruhig angehen, machten Pause, hockten faul herum und sahen den anderen beim Arbeiten zu.

Was das für die Schwarmintelligenz bedeutet? Dass es eine noch viel größere Schwarmfaulheit gibt. Was dann aber klar Schwarmschwachsinn benannt werden muss. Das Schönste an der Studie aber kommt überraschend ganz zum Schluss, ein Nackenschlag von Wissenschaftler zu Wissenschaftler. Es ist nur ein Satz. Aber er legt doch sehr nahe, dass die Schwarmintelligenz, die Faulheit und der Schwarmschwachsinn in der Wissenschaft ähnlich verteilt sind wie im Ameisenhügel: „Unsere Arbeit betont die Bedeutung von Inaktivität als Verhaltenszustand und verdeutlicht, wie nötig weitere Studien sind.“

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