Hormonelle Verhütung : Warum es noch keine "Pille für den Mann" gibt

Die Pille für den Mann wird bereits seit Jahrzehnten diskutiert. Foto: dpa/Franziska Gabbert
Die Pille für den Mann wird bereits seit Jahrzehnten diskutiert. Foto: dpa/Franziska Gabbert

Es werden diverse Verhütungsmethoden für den Mann erforscht. Warum hat noch kein Mittel den Durchbruch geschafft?

svz.de von
10. Oktober 2018, 15:28 Uhr

Hamburg | Verhütung ist in Deutschland meist Frauensache. 53 Prozent der sexuell aktiven Deutschen entscheidet sich für die Pille als Mittel der Wahl. Das ergab eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2011. Auf Platz zwei der beliebtesten Verhütungsmittel steht mit 37 Prozent das Kondom, welches außerhalb fester Partnerschaften oft gemeinsam mit der Pille angewendet wird. Andere Methoden zur Empfängnisverhütung, die in der Studie erfasst wurden: Spirale, Vaginalring, Dreimonatsspritze, Temperaturmethode oder Sterilisation. Bis auf die Sterilisation liegen alle Verhütungsmittel ausschließlich in der Verantwortung der Frau. Der Pillenreport der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2015 spricht bei den 19-jährigen Frauen sogar von 70 Prozent, die die Pille nehmen.

Weiterlesen: Frauen verwenden die Pille danach immer öfter – warum?

Doch warum stehen bei diesem Thema weiterhin zumeist die Frauen in der Verantwortung? Bereits seit Jahren gibt es immer wieder Meldungen über hormonelle Verhütungsmittel für den Mann, doch bis in die Apotheke hat es bisher keines dieser Mittel geschafft. Gerade die "Pille für den Mann" wurde heiß diskutiert. Doch obwohl erste Tests einzelner Präparate überzeugend ausfielen, stocken die Forschungen seit längerem. Dabei wurden sowohl Pillen als auch Hormonspritzen mit Erfolg getestet.

2016 veröffentlichte ein Team aus internationalen Forschern seine Ergebnisse einer umfangreichen Studie zu Verhütungsspritzen für den Mann. Die Sicherheit des Mittels stuften die Wissenschaftler zwar als überzeugend ein, die Versuchsreihe wurde trotzdem bereits 2011 abgebrochen, da die Nebenwirkungen des Hormoncocktails als zu schwerwiegend eingestuft wurden. Viele der Probanden litten an Akne oder Kopfschmerzen. Außerdem klagten sie über Gewichtszunahme und eine gesteigerte oder verminderte Libido. Auch fühlte sich ein Teil der Männer emotional beeinträchtigt.

Für Frauen okay, für Männer unzumutbar?

All diese Nebenwirkungen sind auch von der Pille bekannt, zusätzlich erhöht die Einnahme das Risiko für Thrombosen, Lungenembolien oder Schlaganfälle. Es stellte sich die Frage, warum diese Beeinträchtigungen für Millionen von Frauen akzeptabel sind, für Männer jedoch als unzumutbar eingestuft werden. Ein Großteil der an der Studie beteiligten Männer hätte die Hormonbehandlung übrigens gerne fortgesetzt, wie einer der an der Untersuchung beteiligten Wissenschaftler, der Biochemiker Doug S. Colvard aus Virginia, gegenüber dem "Spiegel" zu Protokoll gab.

Inzwischen werden neben der Pille oder Hormonspritzen weitere Verhütungsmittel für den Mann erforscht. Vielversprechend erscheint das Vasalgel, ein hormonfreies Verhütungsmittel. Es wird in den Samenleiter des Mannes gespritzt und bildet eine Art Schranke. Bei einer Ejakulation wird der Großteil der Samenflüssigkeit durchgelassen, nur der Samen an sich nicht. Das Präparat wurde in den vergangenen Jahren mit großem Erfolg an Affen und Kaninchen getestet. Schwangerschaften blieben aus und auch die Nebenwirkungen hielten sich laut der Forscher in Grenzen. Nach der Entfernung des Gels waren die Affen sofort wieder fähig, Nachwuchs zu zeugen. Tests an Menschen sollen in den USA angeblich bereits begonnen haben.

Pharmaunternehmen mit nur wenig Interesse

Im April 2018 veröffentlichten Forscher vom Oregon National Primate Research Centre eine Studie zu einer Pille für den Mann, die ebenfalls ohne Hormone auskommt. Das Medikament EP055 zerstört ein Protein auf der Oberfläche der Spermien, was ihre Fähigkeit zu schwimmen beeinträchtigt. Auch dieses Mittel wurde erfolgreich an Affen getestet.

Doch wann eine dieser Möglichkeiten wirklich in den Handel gelangt, ist schwer vorherzusehen. Ein Grund, warum die Entwicklung eines Verhütungsmittels für den Mann so lange dauert, ist das geringe Interesse der Pharmaunternehmen an der Forschung: Sie verdienen mit den vorhandenen Methoden schließlich noch immer sehr viel Geld.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen