Antworten von Experten : Hitze, Gewitter, Temperaturstürze: Was hilft? Der Faktencheck

Sollten auch bei Hitze alle Fenster offen stehen? Das jedenfalls empfiehlt Wetterexperte Jörg Kachelmann.
Sollten auch bei Hitze alle Fenster offen stehen? Das jedenfalls empfiehlt Wetterexperte Jörg Kachelmann.

Erst Hitze, dann Unwetter. Was hilft wann am besten? Jörg Kachelmann und andere Experten zu bekannten Wettermythen.

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15. August 2020, 19:30 Uhr

Berlin | Es ist Sommer. Da scheint die Sonne, die Temperaturen steigen – wie in (fast) jedem Jahr. Und mit den sommerlichen Hitzewellen kommen zuverlässig wieder dieselben Fragen auf: Was bringt Abkühlung? Wie kann man sich schützen? Und was ist, wenn die Hitze geht – Gewitter aufziehen, und es danach schlagartig wieder abkühlt?

Ein Faktencheck:

"Mittags ist es am heißesten."

Bewertung: Falsch.

Fakten: Die Sonne steht um die Mittagszeit zwar am höchsten und gibt die stärkste Strahlung ab. Die Lufttemperatur erreicht ihr Maximum aber erst mit einigen Stunden Verzögerung. Erst wenn die Erdoberfläche soweit aufgeheizt ist, dass auch Straßen, Dächer und andere Objekte wieder Wärme abgeben, entstehen nach Aussage von Wetterexperten wie Jörg Kachelman die Höchstwerte des Tages.

Hinzu kommt, dass der Höchststand der Sonne in Deutschland nicht um 12 Uhr mittags erreicht wird, sondern wegen der Sommerzeit nicht vor 13 Uhr. So ist es beispielsweise in Görlitz, am östlichsten Zipfel Deutschlands. Die Stadt liegt genau auf dem 15. Längengrad, sie ist deshalb idealtypisch für die Berechnung der "Normalzeit" in Deutschland. In Aachen an der Westgrenze erreicht die Sonne Ende Juni erst mehr als eine halbe Stunde später, also gegen 13.40 Uhr, ihren Höchststand.

Je nach Umgebung wird die höchste Temperatur deshalb erst am späteren Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr gemessen.

"Geschlossene Fenster sind besser als Durchzug."

Bewertung: Kommt darauf an.

Fakten: Dass Durchzug schädlich ist, glauben nur Deutsche, sagt Kachelmann. Tatsächlich sei es sinnvoller, alle Fenster und Türen zu öffnen, um so für möglichst viel Durchzug zu sorgen – zumindest dann, wenn man sich auch im Raum aufhält.

Wer morgens seine Wohnung verlässt, kann tagsüber problemlos Fenster und Rollos geschlossen halten. Bei geschlossenen Fenstern in einem Raum voller Menschen wird die Luft dagegen immer feuchter und so mit Kohlendioxid vermischt, dass es zu ernsten Gesundheitsbeeinträchtigungen kommen kann. Und je kleiner der Raum ist, desto schneller wird die Luft schlecht. Insbesondere für alte Menschen ist das gefährlich, sagt Kachelmann. Deswegen: Durchzug und Ventilatoren an, sobald es unangenehm wird. Gefährlich sei schließlich nicht die Temperatur, sondern vielmehr eine hohe Luftfeuchtigkeit gepaart mit Sauerstoffarmut.

"Bei Sommerhitze können Ventilatoren Abkühlung schaffen."

Bewertung: Ungewiss.

Fakten: Ventilatoren bringen die Luft in ihrer Umgebung in Bewegung. Wer sich in diesem Luftzug befindet, spürt eine Abkühlung, wenn Schweiß auf der Haut verdunstet. Die Raumtemperatur sinkt durch den künstlich erzeugten Wind aber nicht.

Eine Studie von 2016 zu den Wirkungen von Ventilatoren konnte deren positive Effekte 2016 nicht belegen. Bei Temperaturen über 35 Grad könnte der allzu warme Luftstrom sogar zu einer Überhitzung und Dehydrierung des Körpers führen, heißt es. Jörg Kachelmann ist dennoch überzeugt: "Mit einem anständigen, Wind machenden Propeller hält man fast jede Temperatur aus."

"Bei Temperaturen über 35 Grad gibt es hitzefrei."

Bewertung: Falsch.

Fakten: Es gibt kein "Hitzefrei-Gesetz", das eine Höchsttemperatur im Klassenzimmer oder am Arbeitsplatz vorschreiben würde.

Die meisten Bundesländer haben die Entscheidung darüber, wann der Unterricht im Klassenzimmer nicht mehr zumutbar ist, an die einzelnen Schulen delegiert. Dort wird aber auch organisiert, dass Schüler und Lehrer gemeinsam an kühlere Orte wie Parks wechseln können oder zum Beispiel Hausaufgaben entfallen. Die Kinder einfach nach Hause schicken geht ohnehin nicht: Die Schulen sind zur Aufsicht verpflichtet.

Im Beruf stehen die Chance auf hitzefrei noch schlechter. Zwar muss der Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Mitarbeiter im Job vor Gesundheitsgefahren geschützt sind. In den "Technischen Regeln für Arbeitsstätten" wird zum Thema Raumtemperatur aber keine absolute Höchstgrenze genannt. Büros seien ab 35 Grad nicht als Arbeitsräume geeignet. Das gelte aber nur, wenn keine Kühlmaßnahmen ergriffen werden.

Die Lufttemperatur in Arbeitsräumen "soll +26 °C nicht überschreiten", geben die Experten im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums vor. Wenn es draußen noch wärmer wird, müssten Schutzmaßnahmen ergriffen werden – etwa mit Sonnenschutz-Systemen, einer Lockerung von Kleidungsvorschriften, Gleitzeitregelungen oder der Bereitstellung von Trinkwasser.

"Beduinen schützen sich mit dunkler Kleidung gegen Hitze."

Bewertung: Richtig, aber entscheidend ist eher der Schnitt als die Farbe der Kleidung.

Fakten: Weiße Kleidung wirft das Sonnenlicht zurück, schwarze dagegen saugt es auf. Dennoch bevorzugen viele Wüstenbewohner in Nordafrika und dem Nahen Osten dunkle Gewänder. Israelische Forscher haben das schon 1980 genauer untersucht und Vergleichsmessungen mit Beduinen in der Negev-Wüste vorgenommen.

Das Ergebnis: Die Farbe der Gewänder machte kaum einen Unterschied, wohl aber der Schnitt. Denn die Beduinen tragen ihre Roben locker um den Körper – so kann zwischen den Lagen Luft hindurchströmen, die die Wärme abtransportiert und die Haut so kühlt. Probanden in eng sitzenden hellbraunen Uniformen oder kurzen Hosen wiesen dagegen höhere Hauttemperaturen auf.

"Eine kalte Dusche stoppt die Schweißproduktion."

Bewertung: Falsch.

Fakten: Durch das kalte Wasser geht die Körpertemperatur erstmal runter, das Gehirn bekommt ein Kältesignal. Die unter der Oberfläche gelegenen Blutgefäße ziehen sich zusammen, um Wärmeverlust zu verhindern. Nach der Dusche muss sich der Körper dann wieder auf die heiße Außentemperatur einstellen - die Gefäße reagieren mit verstärkter Schweißproduktion.

Experten raten deshalb dazu, im Hochsommer nicht unter Körpertemperatur zu duschen.

"Warmer Tee kann bei Hitze mehr erfrischen als eine eiskalte Limonade."

Bewertung: Richtig

Fakten: Wie bei kalten Duschen wird mit Kaltgetränken der Stoffwechsel angeregt, der Körper reagiert auf den Kälteimpuls mit Wärmeproduktion. Am Ende fließt sogar mehr Schweiß, der Körper verliert die dringend benötigte Flüssigkeit, man hat mehr Durst – ein gefährlicher Kreislauf.

Der menschliche Körper ist darauf eingerichtet, alle Speisen und Getränke an die etwa 36,7 Grad Körpertemperatur anzugleichen. Kaltes wird erwärmt, Heißes gekühlt – beides ist mit kleinen Anstrengungen verbunden.

Hitzeprofis bevorzugen deshalb warme Getränke. Das zusätzliche Wärmesignal sorgt dafür, dass sie ständig – aber nur leicht – schwitzen, was zu Verdunstungskühle führt. Der in Nordafrika besonders beliebte Pfefferminztee hat zudem eine kühlende Wirkung.

"Radfahrer sind bei Gewitter gefährdeter als Fußgänger."

Bewertung: Richtig.

Fakten: Die Reifen eines Fahrrades sind zwar gummiert, bieten deswegen aber keine ausreichende Isolierung gegen einen Blitzeinschlag. Fahrräder ziehen Blitze zwar auch nicht unbedingt an, aber sie leiten. Deshalb sollten Radfahrende, die von einem Gewitter überrascht werden, absteigen und das Gefährt nicht festhalten, sondern Abstand halten, rät der Allgemeine Deutscher Fahrrad-Club (ADFC). Denn auch auf dem Fahrrad ist man gefährdeter als Fußgänger, da man in der Regel etwas höher ist. Am sichersten ist man bei einem Gewitter allerdings im Auto – da es als Faradayscher Käfig wirkt.

"Das Wetter hat einen Einfluss auf die Gesundheit."

Bewertung: Falsch.

Fakten: Der Mediziner und Physiker Jürgen Kleinschmidt ist der Meinung, dass weniger das Wetter, sondern eher die persönliche Verfassung das Wohlbefinden beeinflussen. Zwar reagiert jeder Mensch auf das Wetter – etwa bei Hitze mit schwitzen oder bei Kälte mit frieren, damit der Körper konstant auf einer Temperatur von 37 Grad Celsius gehalten wird. Einen Einfluss auf die Gesundheit hat das Wetter jedoch nicht.

Problematisch könne es nur dann werden, wenn bereits Erkrankungen vorliegen oder der Blutdruck besonders hoch oder ungewöhnlich niedrig ist. Dann kann auch das Wetter einen Einfluss auf das Wohlbefinden machen – allerdings wohl bei jedem Menschen individuell verschieden.

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