Belastete Zahnpasta und Körperlotion : Früher in die Pubertät: Kosmetik der Mutter beeinflusst Nachwuchs

Für die Studie nahmen die Forscher von jeder schwangeren Frau zwei Urinproben. Später auch von ihren Kindern.
Für die Studie nahmen die Forscher von jeder schwangeren Frau zwei Urinproben. Später auch von ihren Kindern.

Seit Jahren setzt die Pubertät bei Jugendlichen immer früher ein. Eine Langzeitstudie liefert nun einen Zusammenhang.

svz.de von
04. Dezember 2018, 18:18 Uhr

Berkeley/Berlin | Substanzen in Körperpflegemitteln, die Frauen während der Schwangerschaft verwenden, können einer Studie zufolge den Pubertätsbeginn ihrer Kinder beeinflussen. Eine Langzeituntersuchung fand einen solchen Zusammenhang insbesondere zwischen den Stoffen Diethylphthalat sowie Triclosan und einem teils mehrere Monate früheren Einsetzen der Pubertät bei Mädchen. Das berichtet eine Gruppe um Kim Harley von der University of California in Berkeley in der Fachzeitschrift "Human Reproduction".

"Das ist wichtig, weil wir wissen, dass die Pubertät bei Mädchen seit einigen Jahrzehnten immer früher beginnt", wird die Epidemiologin in einer Mitteilung der Zeitschrift zitiert. Ein früheres Einsetzen der Pubertät erhöhe bei Mädchen nicht nur die Anfälligkeit für psychische Probleme, sondern auch das langfristige Risiko für Brust- und Eierstockkrebs, betont Harley unter Verweis auf frühere Untersuchungen.

Probandinnen vor allem aus der Landwirtschaft

Die aktuellen Ergebnisse beruhen auf einer Studie, die 1999 startete und die Folgen von Schädlingsbekämpfungsmitteln für Schwangere und ihren Nachwuchs prüfte – vor allem an Arbeiterinnen in der Landwirtschaft. Zudem untersuchten die Forscher die Langzeitwirkung von Phthalaten, Parabenen und Phenolen. Diese stehen im Verdacht, das Hormonsystem vor allem von Frauen zu beeinflussen.

Insgesamt nahmen die Forscher von jeder schwangeren Frau zwei Urinproben. Auch von den 338 Kindern wurde im Alter von neun Jahren eine Urinprobe analysiert. In den folgenden vier Jahren untersuchten die Forscher alle Kinder dann mit einem Standardtest auf das Einsetzen der Pubertät.

Pubertät bei Mädchen mehrere Monate früher ein

Die Resultate: Enthielten Mütter besonders viel Monoethylphthalat, eine Vorläufersubstanz von Diethylphthalat, so begann die Schamhaarentwicklung der Töchter durchschnittlich etwa sechs Monate früher, wie die Forscher berichten. Und eine besonders hohe Konzentration von Triclosan im Urin der Mutter war demnach verbunden mit einer um knapp fünf Monate früheren ersten Menstruation.

Zusammenhänge fanden die Wissenschaftler auch zwischen der Belastung von Kindern und dem Einsetzen der Pubertät: So gingen sehr hohe Konzentrationen von Methylparaben im Urin der Mädchen mit einer früheren Entwicklung der Brustdrüsen und einer frühen ersten Menstruation einher. Gleiches galt für Propylparaben und die Entwicklung der Schambehaarung. Bei sehr hohen Werten dieser Substanzen begannen die Entwicklungen im Mittel etwa vier bis sieben Monate früher. Bei Jungen fanden die Forscher eine deutliche Verbindung nur für Propylparaben: Eine sehr hohe Konzentration der Substanz ging mit einer früheren Reifung der Geschlechtsorgane einher.

Neue Erkenntnis: Einzelne Substanzen haben bereits Effekt

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, Josef Köhrle, sieht in der Studie eine Bestätigung bisheriger Erkenntnisse aus Versuchen an Mäusen und Ratten. "Beachtenswert sind jedoch die Hinweise auf die mögliche Rolle einzelner Substanzen bereits in niedrigen Konzentrationen bei der Beeinflussung der Pubertät", sagt der Mediziner der Berliner Charité. Denn in der Regel verursachten mehrere Stoffe gemeinsam in Gemischen derartige Wirkungen.

Wichtig ist für ihn auch der Hinweis, dass die untersuchten Mütter aus einkommensschwachen Bevölkerungsschichten kamen und deshalb kaum auf bessere Körperpflegeprodukte ausweichen konnten, die etwa weniger Zusatzstoffe enthielten.

Bestimmte Zahncremes und Kosmetika meiden

Das zu den Phenolen zählende Triclosan sowie Parabene werden in Kosmetika und Körperpflegeprodukten als Mittel gegen Mikroorganismen und als Konservierungsmittel eingesetzt. Diethylphthalat hingegen fixiert Duftstoffe.

Triclosan darf nur noch in Körperpflegeprodukten verwendet werden, die nicht großflächig aufgetragen oder schnell wieder abgespült werden. Es ist enthalten in vielen Zahnpasten, Mundwasser, Körperseife, Duschgel, nicht sprühbaren Deos, Gesichtspuder sowie andere Schminke. Eine Liste von der Umweltorganisation Greenpeace zeigt, welche Zahncremes Triclosan enthalten, darunter sind bekannte Marken wie "Colgate" und "blend-a-med".

Parabene sind chemische Verbindungen, die in ihrer Struktur dem weiblichen Sexualhormon Östrogen ähneln. Sie können somit den Hormonhaushalt stören. In der Liste der Inhaltsstoffe enden diese Substanzen mit -parabene. Der Hersteller Nivea zum Beispiel, verteidigt den Gebrauch von Parabenen, sie seien verträglich und wirkungsvoll und nach eigenen Angaben in etwa 30 Prozent der Nivea-Produkte enthalten.

Wer Produkte mit Triclosan oder Parabenen meiden möchte, sollte auf Naturkosmetik ausweichen, rät die Verbraucherzentrale. Sie weist auch darauf hin, dass teure Produkte genau so mit den riskanten Substanzen belastet sein können wie günstige. Triclosan sei zum Beispiel auch in einigen Designer-Deos in der Inhaltsstoffliste.

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