Forschungsprojekt : Was hören Pinguine unter Wasser?

23-109086645.JPG

Schadet ihnen der Lärm von Schiffen oder Bauarbeiten? Ein Forschungsprojekt will das klären.

von
25. Mai 2019, 16:00 Uhr

Seit langem ist bekannt, dass Tiere wie der Schweinswal vom zunehmenden Lärm im Meer erheblich gestört werden. Das Rammen der Fundamente von Offshore-Anlagen, seismische Messungen oder die Motorengeräusche von Schiffen erzeugen unter Wasser einen Schalldruck, der die Orientierung der Meeressäuger beeinträchtigen und sogar zu lebensbedrohlichen Verletzungen führen kann. Doch welche Bedeutung hat die vom Menschen verursachte Geräuschkulisse für tauchende Vögel? Können sie unter Wasser überhaupt hören? Das Projekt Hearing in Penguins des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund beschäftigt sich mit diesen Fragen.

Wenn Jenny Byl morgens an Seehunden und Seelöwen vorbei in das hinterste Gehege des Marine Science Centers geht, sind „ihre Jungs“ schon ganz aufgeregt. „Tipp-tapp, tipp-tapp“ macht es auf den schwimmenden Kunststoff-Pontons, Herrmann und Otto, Jimmy und Fritz kommen herbeigeeilt und begrüßen ihre Trainerin mit liebevollem Anschmiegen und zärtlichen Bissen. Und mit einem neugierigen Blick in den Edelstahleimer, der voll schnabelgerechter Fische ist. Denn die vier Jungs sind Humboldt-Pinguine, gerade einmal einen halben Meter groß, die vor wenigen Monaten vom Stralsunder Meeresmuseum zum Projektpartner hier in Warnemünde kamen, um an einer wissenschaftlichen Untersuchung teilzunehmen. Sie sind Probanden einer der ersten Studien weltweit, die die auditiven Fähigkeiten von tauchenden Vögeln erforscht – eine Kooperation des Meeresmuseums mit dem Marine Science Center der Universität Rostock in Warnemünde und der Universität Süddänemark in Odense.

Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Methoden, die auditiven Fähigkeiten von Tieren zu erfassen. Beide haben Vor- und Nachteile. Zum einen kann im Rahmen einer Hirnstammaudiometrie die Aktivität der Hörnerven über am Kopf platzierte Elektroden abgeleitet und sichtbar gemacht werden. Das Verfahren ist unschädlich und wird in der Humanmedizin auch an Säuglingen angewandt, die zu einem normalen Hörtest noch nicht in der Lage sind, da sie ihre Hörwahrnehmung nicht anzeigen oder verbalisieren können. Die Durchführung braucht nicht viel Zeit, bei Vögeln etwa eine Stunde, und ist nach der neuesten Weiterentwicklung der Methodik auch im freien Feld an eingefangenen Wildvögeln möglich. Allerdings müssen die Tiere für die Untersuchung sediert werden, sodass die Anwendbarkeit unter Wasser entfällt.

Die zweite Möglichkeit, Erkenntnisse über den Gehörsinn zu erhalten, bietet die Verhaltensforschung – übertragen auf den Menschen ist das der klassische Hörtest. Da Tiere nicht so einfach zu erkennen geben, was sie hören, müssen sie über lange Zeit darauf trainiert werden. Somit kommen für diese psychoakustische Methode nur Vögel in Gefangenschaft infrage, die nicht in ihrem natürlichen Habitat leben.

„Das größte Manko beider Methoden ist jedoch, dass sie in vergleichenden Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen“, so Projektkoordinator Dr. Michaël Beaulieu. Nach der Hirnstammaudiometrie sind die Vögel stets etwas schwerhöriger als im verhaltensbiologischen Experiment. „Deshalb wird es wichtig sein, ausreichend viele Individuen zu testen, um beide, sich gegenseitig ergänzenden Ansätze aufeinander kalibrieren zu können.“

In Stralsund und Odense lernen die Pinguine als erstes, ihren Kopf abzulegen, mit dem Schnabel ein Symbol zu fixieren und für eine Weile so zu verharren (Foto rechts). Später erhalten sie gezielte, in Tonhöhe und Schalldruck variierende akustische Reize und sollen mit dem Schnabel an einer Schaltfläche anzeigen, wenn sie etwas hören. Ein ganz anderer Ansatz wird in Warnemünde erprobt, wo unter Wasser geforscht wird: Hier werden die Vögel zunächst darauf trainiert, auf Kommando eine gerade Strecke von A nach B tauchend zurückzulegen. „Wenn sie das gelernt haben, wollen wir ihnen von der Seite einen Referenzton vorspielen“, so Jenny Byl, die über die auditiven Fähigkeiten beim Seehund promoviert hat, „und die Pinguine sollen ihr Hörvermögen beweisen, indem sie in Richtung des Lautsprechers abbiegen.“

Ziel des Projektes ist es herauszufinden, in welchem Frequenzbereich und ab welcher Lautstärke die Pinguine Schall wahrnehmen und ob sie die Richtung ermitteln können, aus der unter Wasser ein Geräusch kommt – eine Fähigkeit, die wir Menschen nicht besitzen, die für die Tiere aber wichtig sein könnte, um beispielsweise vor angreifenden Fressfeinden zu fliehen. Schließlich geht es auch darum, auf die zunehmende Beeinträchtigung der Tiere durch Unterwasser-Lärm hinzuweisen.

„Von Menschen gemachte, laute Geräusche sind nicht so augenscheinlich wie Plastikmüll im Meer“, so Dr. Harald Benke, Direktor des Deutschen Meeresmuseums. „Das Problem hat für die Tiere in den Ozeanen aber ähnliche Brisanz, es ist in der Öffentlichkeit nur weniger bekannt.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen