Hochrechnungen zu Dunkelziffer : Heinsberg-Studie: Möglicherweise 1,8 Millionen Infizierte in Deutschland

Im besonders vom Coronavirus betroffenen Kreis Heinsberg hat der Virologe Streeck eine Studie durchgeführt, deren Ergebnisse nun komplett vorliegen.
Im besonders vom Coronavirus betroffenen Kreis Heinsberg hat der Virologe Streeck eine Studie durchgeführt, deren Ergebnisse nun komplett vorliegen.

Jede fünfte Infektion verläuft demnach ohne Symptome.

von
04. Mai 2020, 10:34 Uhr

Gangelt/Bonn | Die Zahl der Corona-Infizierten in Deutschland liegt einer Studie zufolge bei schätzungsweise mindestens 1,8 Millionen und damit um das Zehnfache höher als offiziell angegeben. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie im besonders stark von der Corona-Pandemie betroffenen Ort Gangelt in Nordrhein-Westfalen, wie die Universität Bonn am Montag mitteilte. Die Hochrechnung basiert auf Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Sonntag mit rund 162.600 offiziell gemeldeten Infektionen und fast 6700 Todesfällen.

919 Menschen befragt

Das RKI selbst geht davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Die Forscher der Uni Bonn um den Virologen Hendrik Streeck befragten in Gangelt im Kreis Heinsberg insgesamt 919 Menschen in 405 Haushalten, um Rückschlüsse auf das Infektionsgeschehen in Deutschland ziehen zu können. Der Landkreis gehört zu den am frühesten und stärksten von der Corona-Pandemie erfassten Gebieten in Deutschland.

Lesen Sie auch:

In Gangelt wird zudem davon ausgegangen, dass ein Großteil der Infektionen schlagartig über eine Karnevalssitzung erfolgte. Das war andernorts so nicht der Fall, was die Schätzungen für ganz Deutschland schwierig macht. Im Zentrum der Studie stand daher die Ermittlung der Sterblichkeitsrate, also des Anteils der Todesfälle unter den Infizierten.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Die Studie bestätigte das bereits veröffentlichte Zwischenergebnis, wonach 15 Prozent der Bewohner von Gangelt eine Infektion durchgemacht haben. Daraus ermittelten die Forscher die Sterblichkeitsrate, die in Gangelt bei 0,37 Prozent liegt. Mit der Sterblichkeitsrate lässt sich den Forschern zufolge anhand der Zahl der Verstorbenen auch für andere Orte in Deutschland mit anderen Infektionsraten abschätzen, wie viele Menschen dort insgesamt Corona-infiziert sind. Der Abgleich dieser Zahl mit den offiziell gemeldeten Infizierten führt zur sogenannten Dunkelziffer.

Hochrechnung auf Deutschland

Für ganz Deutschland ergibt die Hochrechnung demnach rund 1,8 Millionen Infizierte."Mit unseren Daten kann nun zum ersten Mal sehr gut geschätzt werden, wie viele Menschen nach einem Ausbruchsereignis infiziert wurden", erklärte Studienleiter Streeck. Zudem zeigte sich, dass offenbar etwa jede fünfte Infektion ohne Krankheitssymptome verlaufe. Dies bestätige die Wichtigkeit der Hygiene- und Abstandsregeln.

Kritik an Studie

Die Forscher um den Virologen Hendrik Streeck zogen für ihre Schätzung die Dunkelziffer der Infizierten in der untersuchten Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg und die dort errechnete Sterblichkeitsrate bei einer Corona-Infektion heran. Die Forscher gehen davon aus, dass in Gangelt 0,37 Prozent der Infizierten gestorben sind. Allerdings flossen in die Berechnung der Sterblichkeitsrate nur sieben Todesfälle ein.

Aus diesen Daten errechneten sie eine theoretische Zahl für Deutschland. Das funktioniert im Prinzip so: Die Forscher gehen davon aus, dass in ganz Deutschland die Sterblichkeit in etwa gleich ist. Wenn also bekannt ist, wieviele Infizierte auf einen Toten kommen, kann man von der Zahl der Verstorbenen, die das RKI mit mehr als 6500 angibt, auf die Zahl der tatsächlich Infizierten – auch der nicht erfassten – schließen.

"Das muss man natürlich immer ein bisschen mit Vorsicht genießen, es ist eine Schätzung", sagte Streeck dazu der Deutschen Presse-Agentur. Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, warnte in einer Videokonferenz mit Journalisten davor, die Zahlen aus Gangelt auf ganz Deutschland zu übertragen. "Ich bin da doch eher zurückhaltend", sagte er.

Darum geht's im MEDIENPROJEKT von SVZ und NNN

Etwa 65.000 Schüler und Lehrer allein in unserem Verbreitungsgebiet erhalten in einem gemeinsamen Projekt der Zeitungsverlage und des MV-Bildungsministeriums bis zum Jahresende kostenlosen Zugang zu den Newsportalen. Fragen Sie an den Einrichtungen ihrer Kinder nach den Bedingungen und Login-Daten, die Sie auch in der Familie nutzen können.
Was bewegt die Schüler ab Klasse 5 bis hinauf in die Gymnasien und Berufsschulen unseres Landes? Was passiert in ihrem Umfeld, in Deutschland und der Welt? Wie können seriöse Nachrichten von Fake News unterschieden werden?
Die Schweriner Volkszeitung und die Norddeutschen Neuesten Nachrichten bieten den Schülern die aktuellsten Berichte, liefern in einem speziellen Dossierbereich "Diskussionsstoff" für den Unterricht und möchten mit ihnen in Austausch kommen.
 
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen