Krisensitzungen bei WHO und EU : 17 Tote: Neuartiger Coronavirus breitet sich weiter sprunghaft aus

Im indischen Kolkata werden Einreisende aus China auf Fieber überprüft.
Im indischen Kolkata werden Einreisende aus China auf Fieber überprüft.

Die Gesamtzahl der Erkrankungen wuchs nach Behördenangaben um mehr als 150 neue Fälle auf 473 am Mittwochabend.

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22. Januar 2020, 06:35 Uhr

Die Erkrankungen durch den neuartigen Coronavirus in China haben sich nochmals sprunghaft weiter ausgebreitet. Die Zahl der Toten durch die neue Lungenkrankheit stieg auf 17, berichtete die Regierung der Provinz Hubei in der schwer betroffenen Metropole Wuhan am Mittwoch. Die chinesische Ausgabe der "Global Times" berichtete aus Weibo von 544 nachgewiesenen Fällen. Allein in der Provinz Hubei mit der besonders schwer betroffenen Metropole Wuhan legte die Zahl der Infektionen auf 444 zu, wie die örtliche Regierung berichtete. Auch außerhalb Chinas wurden weitere Infektionen bekannt. Erstmals wurde ein Fall in den USA gemeldet.

Experten sind überzeugt, dass Reisende die neue Lungenkrankheit zumindest vereinzelt auch nach Europa bringen werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO will sich am Mittwoch in einer Krisensitzung mit dem Erreger befassen, der Atemwegserkrankungen verursacht. Auch die EU-Kommission plante zur Bewertung der Risiken durch die neue Lungenkrankheit ein Treffen.

Mutiert das Virus?

Der für Gesundheitspolitik zuständige Vizeminister Li Bin warnte, dass das Virus mutieren und sich weiter ausbreiten könnte. Die Sorgen werden durch den intensiven Reiseverkehr rund um den chinesischen Neujahrstag am kommenden Samstag gesteigert. Rund um das Fest sind jedes Jahr Millionen Chinesen per Zug, Bus oder Flugzeug im Land unterwegs. Nach chinesischen Angaben ist das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar.

Sogenannte Superverbreiter (engl. Superspreader) hatte es auch bei der ebenfalls von China ausgegangenen Sars-Pandemie gegeben, der 2002/2003 rund 800 Menschen zum Opfer fielen. Das neue Virus gehört zur selben Virusart, es ist nur eine andere – nach derzeitigem Stand harmlosere – Variante.

Foto: dpa/CHINATOPIX/AP
picture alliance/dpa
Foto: dpa/CHINATOPIX/AP


In Peking sind inzwischen ungewöhnlich viele Menschen mit Schutzmasken unterwegs. In einigen Geschäften waren diese bereits ausverkauft. Familien diskutierten, ob geplante Reisen über die Feiertage abgesagt werden sollten.

Bisher keine Fälle in Europa bekannt

In Europa gibt es bislang keine Nachweise. Nach Einschätzung der Bundesregierung bedeutet die Ausbreitung der neuen Lungenkrankheit nur ein "sehr geringes" Gesundheitsrisiko für die Menschen in Deutschland. Es gebe keinen Grund, jetzt in Alarmismus zu verfallen, sagte ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Die EU-Kommission versicherte unterdessen, dass sie gegen eine mögliche Ausbreitung des Virus nach Europa gewappnet sei. Die Brüsseler Behörde sei darauf vorbereitet, rasch "potenzielle Gegenmaßnahmen zu unterstützen und zu koordinieren, sollte dies erforderlich sein", sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides der Zeitung "Die Welt".

Deutsche Reiseveranstalter und Lufthansa sind wegen der Ausbreitung der neuen Lungenkrankheit in China im Austausch mit den Behörden. "Die Veranstalter halten engen Kontakt zum Auswärtigen Amt und beobachten die Entwicklung aufmerksam", sagte eine Sprecherin des Branchenverbandes DRV. Die Lufthansa spürt nach Angaben eines Sprechers bislang keine Zurückhaltung der Kunden bei den Buchungen. Man könne jederzeit fertig geplante Notfallmaßnahmen starten, sagte der Sprecher.

Ausgangspunkt des Erregers wohl auf Fischmarkt

Die nationale chinesische Gesundheitsbehörde kündigte verstärkte Desinfizierungen von Flughäfen und Bahnhöfen sowie in Einkaufszentren an. Falls notwendig könnten in Zonen mit dichtem Menschenandrang auch Fiebermessungen vorgenommen werden.

Die meisten der Infizierten leben in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan. Ein dortiger Fisch- und Geflügelmarkt gilt als Ausgangspunkt des Erregers. Die genaue Quelle wurde bislang jedoch nicht identifiziert. Mutmaßlich gingen die Infektionen ursprünglich von einem Tier aus. Demnach gab es zunächst Übertragungen vom Tier zum Menschen, bevor das Virus sich an seinen neuen Wirt anpasste und es zu Übertragungen zwischen Menschen kam.

Verortung der Krankheitsfälle. Grafik: dpa
dpa
Verortung der Krankheitsfälle. Grafik: dpa


Erster Fall in den USA gemeldet

In den USA sei ein Mann erkrankt, der nach einer Reise in die chinesische Stadt Wuhan am 15. Januar in die Westküstenmetropole Seattle zurückgekehrt war, teilte die US-Gesundheitsbehörde CDC am Dienstag (Ortszeit) mit. Der Mann in seinen 30ern habe bei der Rückreise noch keine Symptome bemerkt, sich später aber zur Untersuchung in ein Krankenhaus begeben. Sein Zustand sei gut. Es bestehe nur ein sehr geringes Risiko, dass er weitere Menschen angesteckt haben könnte, hieß es. Die Behörden seien dabei, eine Liste der Menschen zusammenzustellen, mit denen der Mann Kontakt hatte.

Die Krankheit war zuvor bereits in Japan, Südkorea, Taiwan und Thailand nachgewiesen worden – bisher stets bei Menschen, die sich zuvor in China aufgehalten hatten. In Thailand sind mit zwei neuen Fällen inzwischen vier Erkrankte erfasst, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Thailands Behörden haben demnach seit Anfang Januar rund 20.000 Menschen auf mögliche Symptome wie Fieber kontrolliert, die mit Flügen aus Wuhan gekommen waren.

Experten: Kontrollen bei der Einreise taugen wenig

Russland will die Kontrollen an allen Grenzposten verstärken. "Wir wollen so verhindern, dass das Coronavirus in unser Land eingeschleppt wird", sagte Jelena Jeschlowa von der russischen Verbraucherschutzbehörde der Agentur Tass zufolge. Vor allem an der rund 4200 Kilometer langen Grenze zu China sollen Einreisende mit Temperaturmessungen kontrolliert und zusätzlich befragt werden.

Vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin hieß es, es gebe keine wissenschaftlichen Belege für die Wirksamkeit sogenannter Entry Screenings an Flughäfen, also Kontrollen bei der Einreise. Sinnvoll seien Exit Screenings in von einer Erkrankungswelle besonders betroffenen Gebieten. Die am stärksten betroffene Stadt Wuhan hat entsprechende Kontrollen bei der Ausreise bereits eingeführt.

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