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Air Berlin Pleite : Zerschlagung im Eiltempo?

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Aus der Onlineredaktion

Verhandlungspoker im Gläubigerausschuss zu Air Berlin. Übernahme als Ganzes kommt nicht in Frage

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erstellt am 23.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Eigentlich sollte es jetzt ganz schnell gehen. „Tempo, Tempo, Tempo“, hatte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) verlangt. Auch wenn die Gespräche hinter den Kulissen bereits weit fortgeschritten sein sollen: Gestern beim offiziellen Start des Ringens um die Zerschlagung von Air Berlin gab es keine Vorentscheidung.

Hinter verschlossenen Türen kam der Gläubigerausschuss zu seiner ersten Sitzung zusammen. In dem Gremium soll letztlich die Entscheidung über eine Veräußerung von Slots und Maschinen fallen. Mit am Verhandlungstisch ist für die Kreditgeber die Commerzbank, die Bundesagentur für Arbeit, die den Mitarbeitern der Fluglinie drei Monate Insolvenzgeld zahlt, und auch ein Vertreter der Lufthansa-Tochter Eurowings, die 38 Jets jeweils mit Crew von Air Berlin gemietet hat.

Zunächst ging es gestern um Formales: Um grünes Licht für die Fortsetzung des Flugbetriebes, um den Zeitplan für die nächsten Schritte. Entscheidungen? Fehlanzeige. Aber Lufthansa konkretisierte die eigene Offerte. Man biete für die Air-Berlin-Touristiksparte Niki und weitere Teile der Gesellschaft, nicht aber für das gesamte Unternehmen, heißt es in Kreisen von Lufthansa.

Die österreichische Fluglinie, gegründet von Ex-Formel-1-Weltmeister Niki Lauda und schließlich an Air Berlin veräußert, ist wegen seiner Start- und Landerechte in Berlin und Düsseldorf für die Kranich-Airline besonders interessant. Angeblich ist die Lufthansa dafür auch bereit, einen entsprechend hohen Preis zu zahlen. Nach Medienberichten soll der Konzern die Übernahme von 90 der 140 Air-Berlin-Maschinen planen. Niki gilt auch wegen seiner niedrigen Kosten und modernen Jets als „Filetstück“ von Air Berlin.

Offiziell hält sich die Bundesregierung aus dem Poker heraus. Geht es nach Verkehrs- und Wirtschaftsministerium, soll Lufthansa den größten Teil von Air Berlin übernehmen können. „Wir brauchen einen deutschen Champion im internationalen Luftverkehr“, hatte sich Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) weit aus dem Fenster gelehnt. Eine Äußerung, mit der nicht jeder in der Bundesregierung uneingeschränkt glücklich ist.

Der Zeitdruck für die Verhandlungen ist immens: Einerseits, weil Air Berlin trotz 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes das Geld auszugehen droht. Das insolvente Unternehmen soll keinen Zugriff mehr auf die Umsätze für Vorausbuchungen haben. Zudem würden Lieferanten und Flughäfen inzwischen Vorkasse verlangen, heißt es. Andererseits sind noch rechtliche Hürden zu überwinden. Dazu gehört unter anderem, dass Lufthansa bei einer Übernahme nachweisen müsste, den Marktpreis gezahlt zu haben. Interessenten, die das Verfahren stören wollten, könnten den Deal durchkreuzen, indem sie einen höheren Preis bieten. Nicht zu unterschätzen sind auch kartellrechtliche Probleme.

Der Bund hat klargestellt, dass eine Übernahme von Air Berlin als Ganzes nicht in Frage kommt. Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl, der die Fluggesellschaft vollständig erhalten will, kann sich deshalb kaum Hoffnungen machen, zum Zuge zu kommen. Als weitere Interessenten für Teile der Jets und Start- und Landerechte von Air Berlin gelten Easyjet und die Thomas-Cook-Tochter Condor. Viel Zeit bleibt nicht mehr für die Entscheidung im Gläubigerausschuss.

Kommentar: "Schlechter Deal"

 Die Bundesregierung  legt sich gewaltig ins Zeug, um Lufthansa als nationalen Champion zu stärken. Doch wäre es fatal für Beschäftigte und Reisende, wenn die Kranich-Airline die Bedingungen des Deals bis ins Detail hinein diktieren könnte. Weniger Wettbewerb, höhere Ticketpreise  – unrealistisch ist dieses Szenario nicht. Die Beschäftigten von Air Berlin  bekommen  bereits neue Verträge angeboten – zu deutlich schlechteren Konditionen. Und je länger der Verhandlungspoker dauert, desto stärker wächst die Gefahr, dass die Steuerzahler belastet werden und der 150-Millionen-Euro-Kredit niemals zurückgezahlt wird.
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