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Wirtschaft

24. Oktober 2017 | 02:22 Uhr

Windräder für alle

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Holthusen steigt ins Stromgeschäft ein – und hofft auf Einnahmen für die Dorfkasse

svz.de von
erstellt am 28.Jan.2014 | 00:34 Uhr

Margit Uffmann macht daraus keinen Hehl: „Schön sind die Windräder nicht, wenn sie in der Landschaft stehen“, meint die 53-Jährige. Blinklichter in der Nacht, rotierende Flügel am Horizont, mächtige Stahltürme auf den Feldern, die Einwände seien verständlich. Nur: „Atommeiler und Kohlekraftwerke wollen wir auch nicht. Welche Alternativen gibt es dann noch“, fragt sich die Bürgermeisterin der Gemeinde Holthusen nahe Schwerin. Für sie ist die Antwort klar: Wind und Sonne, meint Margit Uffmann, und wirbt für ein im Nordosten nahezu einmaliges Projekt. Holthusen, Sülstorf, Bandenitz, Neu Zachun: In dem Gebiet zwischen Schwerin und Hagenow soll eines der ersten Bürgerkraftwerke im Norden gebaut werden – von Kommunen, privaten Investoren, Land und Bürgern gemeinsam. Windräder für alle.

Im Pachtrausch auf dem Windfeld: Mit dem Wind lasse sich Geld verdienen – selbst bei der von Schwarz-Rot jetzt beschlossenen Kürzung der Öko-Strom-Zuschüsse, sind sich Experten sicher. Die Klinke hätten sie sich in die Hand gegeben, die Investoren, die mit Grundstückseigentümern für Standorte in künftigen Windeignungsgebieten Vorverträge abschließen wollten, erzählt die Bürgermeisterin: Seit im Nordostenangekündigt wurde, neue Standorte für Windkraftanlagen auszuweisen, um die Fläche für die Öko-Kraftwerke zu verdoppeln, hat das große Rennen der Projektentwickler begonnen. „Eine Handvoll war hier unterwegs“, erinnert sich Uffmann – um das Geschäft mit dem Öko-Strom für sich zu sichern. Wie schon Jahre zuvor auch. Bislang stellten kapitalkräftige Investoren den Einwohnern die Windräder vor die Nase, kassierten die Gewinne, während Kommunen und Einwohner vor Ort weitgehend leer ausgingen, die Auswirkungen aber ertragen mussten.

In Holthusen, Bandenitz, Sülstorf und Neu Zachun wird daraus nichts mehr: Die Energiewende soll in der Region ab kommendem Jahr die Gemeindekassen klingen lassen. Der regionale Energieversorger Wemag, der Windparkentwickler Naturwind, die Landgesellschaft und die vier Kommunen wollen gemeinsam noch in diesem Jahr 19 Windräder in der Region aufbauen und betreiben – mit einer gemeinsamen Gesellschaft, jeder zu 25 Prozent beteiligt: ein Windrad in der Sülstorfer Region, drei Mühlen in Holthusen, sechs in Alt Zachun, neun in Bandenitz – 170 Meter hoch, mindestens 1000 Meter vom Dorfrand entfernt.

Ein dicker Brocken: Holthusen könnte etwa sechs Prozent der Anteile erwerben – nach derzeitigem Stand mit 750 000 Euro aus der Dorfkasse. „Das muss gestemmt werden“, weiß die Bürgermeisterin und verweist auf einen einstimmigen Beschluss der Gemeindevertreter. Noch prüfe die Kommunalaufsicht – damit sich die Gemeinden finanziell nicht übernehmen. Doch: Gerade habe Holthusen kommunale Wohnungen verkauft – zur Schuldentilgung, erklärt die Bürgermeisterin: „Das schafft finanziellen Spielraum.“

Der Aufwand lohnt, ist Margit Uffmann überzeugt. Die Beteiligung an dem Windpark lasse die Gemeinde in den kommenden Jahren auf regelmäßige Einnahmen hoffen – 40 000 bis 50 000 Euro Pacht für ein Windrad auf kommunalem Land, vor allem aber regelmäßige Erlöse aus dem Stromverkauf. „Eine Chance, von der Öko-Stromumlage wieder Geld zurückzubekommen“, wirbt sie. Die Kommunen haben es nötig: Bis auf einige Einnahmen aus der Gewerbesteuer gebe es kaum Finanzquellen für die kommunalen Haushalte, meint Bürgermeisterin Uffmann. Doch die Ausgaben bleiben: Holthusen wolle beispielsweise den kommunalen Kindergarten in dem 100jährigen Gebäude mitten im Dorf auf jeden Fall erhalten: „Ein Zuschussgeschäft, das finanziert werden muss.“ Oder auch das kulturelle Angebot im Dorf, das Sportfest mit dem Dorfplatzgrillen, der Jugendclub, die jährlichen Bustouren für die Einwohner im Ort oder die erst vor zwei Jahren neu eröffnete Mehrzweckhalle: „Wir wollen unser Dorfleben erhalten. Das ist für alle selbstverständlich, kostet aber alles Geld“ – und könnte mit den Einnahmen aus dem Windgeschäft finanziert werden.

Das überzeugt – zumindest einige im Dorf. Keine schlechte Idee, unterstützt beispielsweise Burkhard Stein den kommunalen Windpark: „Von irgendetwas muss die Gemeinde ja leben.“ Nicht nur die: An dem Windpark könnten sich Bürger auch direkt beteiligen – mit einem Bürgersparmodell oder dem Einstieg in eine Energiegenossenschaft. Und: Die Einwohner können zudem auf niedrigere Stromtarife hoffen. So habe der regionale Energieversorger Wemag zugesagt, eigenen Kunden im Dorf Strom für fünf Cent unter dem üblichen Tarif anzubieten, erklärt Uffmann.


Land bringt Bürgerbeteiligungsgesetz auf den Weg


Bedenken bleiben trotzdem: Öko- statt Atomstrom, mehr Geld für die Gemeindekasse, niedrigere Stromtarife für Kunden im Ort – die Vorteile wiegen nicht für alle die Nachteile auf. Strom aus Atom- oder Kohlekraftwerken wolle man zwar auch nicht, aber ein Windpark in der Region – nein, das zerstöre nur die Natur, lehnt diese Frau, die anonym bleiben will, ab, bevor sie mit ihrem Mann und dem Hund im Holthusener Buchholzer Weg zum Mittagsspaziergang aufbricht: „Überall Windräder, was bleibt denn da von der Natur noch übrig?“ Widerstand auch im nahen Sülstorf: Nein, man sei nicht generell gegen den Windpark – nur nicht direkt vor der Haustür, lehnt Holger Rex, einer von drei Mitstreitern in der Bürgerinitiative gegen den Windpark westlich von Sülstorf, ab. Nach den bisherigen Bauplänen würde ein schützenswertes Biotop in Dorfnähe leiden. Und die Zufahrtsstraße zum Windpark, mitten durch den Ort werde sie geführt, kritisiert Rex und lässt die finanziellen Vorteile für die Gemeindekasse kaum gelten. Die Sülstorfer sind gewarnt. Im nahen Lübesse sind die Sünden der Vergangenheit sichtbar – ein ganzer Windpark in unmittelbarer Dorfnähe. Das sorgt für Angst. Rex: „Wenn schon ein Windpark, dann muss der Abstand der Anlagen zum Dorf mindestens das sieben- bis zehnfache der Turmhöhe entsprechen.“ Widerstand – auch in anderen Regionen.

Die Akzeptanzprobleme zwingen Investoren über Beteiligungsmodelle nachzudenken. Es gebe inzwischen Bereiche im Land, die von Windparks besonders betroffen seien, beobachtet Energieminister von Mecklenburg-Vorpommern,Christian Pegel (SPD). Umso mehr erhöhe eine stärkere Teilhabe für Bürger und Kommunen die Akzeptanz der Windparks. Pegel: „Die Energiewende kann nicht gelingen, wenn es keine Akzeptanz gibt.“

Die Politik reagiert: Noch in diesem Jahr soll im Nordosten ein neues Beteiligungsgesetz auf den Weg bringen, das Bürger und Kommunen an den im Land neu errichteten Windparks mitverdienen lassen soll. Danach sollen Investoren verpflichtet werden, bis zu 20 Prozent der Anteile Kommunen oder zahlungskräftigen Bürgern vor Ort zu überlassen.

Die Gemeinden entdecken neue Finanzquellen: Derzeit seien 38 Projekte mit kommunalen Beteiligungsmodellen in der Planung, erklärte Arp Fittschen, Chef der kommunalen Beratungsstelle Energiewende beim Städte- und Gemeindetag gestern. Investitionsvolumen: drei Milliarden Euro. Nach Holthusen, Bandenitz, Sülstorf und Alt-Zachun könnten zwei oder drei andere Projekte in diesem Jahr noch folgen. Allerdings: Ausgerechnet das jetzt vorgelegte Eckpunktepapier für die Reform der Ökostromförderung des sozialdemokratischen Bundeswirtschaftsministers Siegmar Gabriel könnte den Gemeinden einen Strich durch die Rechnung machen. Kommunale Beteiligungsmodelle würden damit erheblich erschwert, kritisiert Fittschen: „Wer es ernst meint mit Bürgerbeteiligung an der Energiewende, der muss das Eckpunktepapier ändern.“

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