Tierwohl : Wie viel Platz braucht das Schwein?

Fühlt sich die Sau wohl? Durch das freiwillige staatliche Tierwohllabel sollen Schweine mehr Platz bekommen.
Fühlt sich die Sau wohl? Durch das freiwillige staatliche Tierwohllabel sollen Schweine mehr Platz bekommen.

Diskussion um staatliche Tierwohlkennzeichnung. Grüne fordern 45 Prozent mehr

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20. Juli 2018, 20:45 Uhr

Berlin | Das richtige Halten von Tieren ist so kompliziert wie der Name der Verordnung, die das regelt: Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Sie schreibt vor, dass dem Schwein kurz vor der Schlachtung mindestens 0,75 Quadratmeter Platz zur Verfügung stehen muss. Das ist der gesetzliche Mindeststandard. Das geplante staatliche Tierwohl-Label der Bundesregierung soll darüber hinausgehen. Bei einem Treffen von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), Tierschützern und Branchenvertretern kamen jetzt erstmals konkrete Vorschläge auf den Tisch: In der Gewichtsklasse bis 110 Kilo sollen die Label-Schweine 13 Prozent mehr Platz haben oder anders gesagt: etwa eine DIN-A4-Seite mehr.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium wollte den Vorschlag zunächst nicht kommentieren. Er werde derzeit diskutiert. „Dieser Prozess wird vorangetrieben, bedarf jedoch der notwendigen Gründlichkeit“, hieß es auf Anfrage aus Berlin.

Eingebracht hatten ihn Vertreter der sogenannten Initiative Tierwohl (ITW) – eines Zusammenschlusses von Handel, Fleischproduzenten und Landwirtschaft. Bei der Initiative werden Bauern für bessere Haltungsbedingungen in ihren Ställen aus einem Fonds entlohnt, in den der Handel einzahlt. Jedes fünfte Schwein in Deutschland profitiert nach Angaben der Initiative. Das Mindestplatzangebot in den teilnehmenden Betrieben liegt dabei über dem gesetzlichen Mindeststandard, aber unter dem jetzt präsentierten DIN-A4-Vorschlag.

Damit würde der Anspruch von Klöckner erfüllt, das staatliche Label müsse mehr bieten als die ITW. Renate Künast, tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, warnte die CDU-Politikerin aber davor, den Vorschlag anzunehmen. Klöckner würde damit das Vertrauen in eine staatliche Tierwohl-Kennzeichnung verspielen. „Die Verbraucher erwarten nicht nur etwas mehr Platz in viel zu engen Ställen, sondern deutliche Verbesserungen“, so Künast. Sie spricht von einem „Absatzprogramm für die Agrar-Industrie bei gleichzeitiger Verbrauchertäuschung“ und fordert: mindestens 45 Prozent mehr Platz für die Schweine. Das hieße kurz vor der Schlachtung mehr als ein Quadratmeter pro Tier.

Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands bewertet die Sache anders. Geschäftsführer Thorsten Staack nennt den DIN-A4-Vorschlag „schon recht sportlich“. Er betont: „Bereits die jetzt diskutierten Kriterien sorgen für Mehrkosten von über zehn Euro je Schwein.“ Der Gewinn pro Tier habe in diesem Jahr aber vielfach unter zehn Euro gelegen. Staack mahnt an, dass es sich die Schweinehalter leisten können müssten, beim Label mitzumachen. Die Vergütung des Mehraufwandes müsse sichergestellt werden.

Sein Wort hat im Diskussionsprozess Gewicht, denn ohne Schweinehalter ist kein Label zu machen. Klöckner hat als Zielmarke ausgegeben, dass jede fünfte Packung mit unverarbeitetem Schweinefleisch künftig mit dem staatlichen Label versehen sein soll. Bei einem sind sich alle einig: Der Erfolg steht und fällt mit den Kriterien, an denen derzeit hinter verschlossenen Türen gearbeitet wird. Sophie Herr vom Bundesverband der Verbraucherzentralen mahnt: „Die Glaubwürdigkeit des Tierwohlkennzeichens steht und fällt mit den geforderten Standards.“ Die Regierung müsse die Chance nutzen, für deutlich mehr Tierwohl in Deutschlands Ställen zu sorgen.

Zuletzt hatten die norddeutschen Bauernverbände Zweifel am Erfolg des staatlichen Labels angemeldet. Im Interview mit unserer Redaktion verwiesen der schleswig-holsteinische Bauernpräsident Werner Schwarz und sein niedersächsischer Kollege Albert Schulte to Brinke auf bisherige Versuche, freiwillige Kennzeichnungen besserer Haltungsbedingungen zu etablieren. „Nichts hat sich durchgesetzt“, sagte Schwarz. Er beklagte, dass das zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium die warnenden Worte aus der Landwirtschaft nicht ernst nehme. Schwarz: „Wir haben in vielen Gesprächen auf die Gefahr des Scheiterns hingewiesen. Aber dort scheint man andere Anforderungen zu haben, als wir es für erfolgsversprechend halten.“Schulte to Brinke verwies darauf, dass der Verbraucher erfahrungsgemäß das günstigste Angebot wähle. Die Qualität des Fleisches sei unabhängig vom Preis stets gut, so der Chef des niedersächsischen Landvolks. „Das Produkt ist dem Verbraucher näher als das Tier. Und dann greift er eben zur günstigeren Variante.“

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