Luftfahrt : Wie die DDR half, die Concorde zu klonen

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Vor 45 Jahren hatte das sowjetische Überschallpassagierflugzeug Tu-144 seinen Jungfernflug. Der Westen warf den Sowjets und Ostdeutschland den Diebstahl der Concorde-Baupläne vor

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27. Dezember 2013, 12:00 Uhr

Tagelang haben die Ingenieure um Andrei Nikolajewitsch Tupolew Ende 1968 auf dem Flughafen Ramenskoje in der Nähe von Moskau auf besseres Wetter gewartet. Zu Silvester ist das zwar immer noch nicht optimal, aber gut genug, um das Risiko eines besonderen Jungfernfluges einzugehen.

Die Tu-144 rollt auf die Startbahn, der weltweit erste Flug eines Passagierflugzeuges mit Überschallfähigkeit steht bevor. Der schlanke Vogel beschleunigt laut und hebt schließlich elegant ab. Es sind eindrucksvolle Bilder, die das sowjetische Staatsfernsehen sendet. Nach 38 Minuten landet die Tupolew wieder, der Coup ist geglückt. Die Sowjets freuen sich, denn sie haben einen Wettbewerb für sich entschieden.

In den 1960er-Jahren ist der Glaube an die Leistungsfähigkeit menschlicher Ingenieurskunst systemunabhängig. Der Mensch ist das Maß der Dinge, alles scheint ihm möglich. Passagiere mit Überschall durch die Luft zu transportieren ist gewissermaßen die Krönung. Neben den Sowjets arbeiten Franzosen und Briten zeitgleich an der Concorde.


Wettbewerb um Jungfernflug


Auch die Amerikaner planen ihren Supersonic. Die Boeing 2707 soll einmal ein Verkaufsschlager werden. Längst ist der Wettbewerb um den Jungfernflug auch einer der beiden Systeme. Den der Ostblock mit dem Erstflug der Tu-144 am 31. Dezember 1968 für sich entscheidet.

In Paris und London ist man sauer und erhebt schwere Vorwürfe: Das Büro Tupolew habe Baupläne der Concorde geklaut und sich so einen entscheidenden Vorteil im Kampf um den prestigeträchtigen Erstflug verschafft.

Tatsächlich ähneln sich Tu-144 und Concorde sehr. Beide haben ein spitz zulaufendes Cockpit, das beim Rangieren auf dem Rollfeld abgesenkt werden kann – damit die Piloten besser sehen. Beide haben große Deltaflügel, die für genügend Auftrieb sorgen und dennoch aerodynamisch sind. Auch die Abmessungen ähneln sich.

Doch der Fachwelt ist das schon seit Jahren bekannt. Denn erste Modelle der Tu-144 und der Concorde sind schon vier Jahre zuvor der Öffentlichkeit gezeigt worden. Seitdem stehen auch die Spionagevorwürfe im Raum.
Völlig substanzlos sind die nicht. Das Interesse an Technologien des Westens ist in Moskau groß, das betrifft nicht nur die Luftfahrt. Doch die Concorde eben besonders.


Geheime Information in Toilette geschmuggelt


Wesentliche Informationen über die Versuche Moskaus, an Pläne des Überschallfliegers zu kommen, stammen von Peter Wright, einem Agenten des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5. Nach seiner Pensionierung veröffentlichte er Ende der 1980er-Jahre unter dem Titel „Spycatcher“ seine Erinnerungen. Darunter auch den Spionagekrimi um die Baupläne der Concorde.

Peter Wright berichtet, dass etwa die sowjetische Botschaft in London am Bau der Concorde beteiligte britische Ingenieure Anfang der 1960er-Jahre zu Trinkgelagen einlud, um an Informationen zu kommen. 1965 wird zudem in Paris der Leiter des dortigen Büros der sowjetischen Fluglinie Aeroflot ausgewiesen. Bei ihm hat man Blaupausen von Bauplänen der Concorde gefunden. Ein Jahr später werden zwei Staatsbürger der CSSR verhaftet und zu hohen Haftstrafen verurteilt. Auch sie haben am Bau der Concorde beteiligte Firmen ausspioniert.

Doch auch die DDR spielt nach heute vorliegenden Erkenntnissen eine entscheidende Rolle. Das Ministerium für Staatssicherheit installiert einen regelrechten Spionagering, die Aktion wird „Operation Brünnhilde“ genannt.

Eine Hauptrolle hat zunächst ein Schweizer Chemiker mit Wohnsitz in Brüssel: Jean-Paul Soupert. Der wollte eigentlich wieder als Chemiker arbeiten, gerne auch in der DDR in Leuna. Soupert bewirbt sich, die DDR ist interessiert, jedoch nicht an dessen Fähigkeiten in Sachen Chemie. Man überzeugt ihn, für die DDR zu spionieren. Ganz oben auf der Wunschliste: die Pläne der Concorde.
Soupert koordiniert die Spionageaktivitäten von Brüssel aus, wo er die Erkenntnisse diverser Informanten sammelt und in der Toilette eines Fernzuges versteckt nach Ost-Berlin schickt. Doch der belgische Geheimdienst wird aufmerksam und verhaftet Soupert Anfang 1964. Eine hohe Gefängnisstrafe in Aussicht, beginnt er zu plaudern und verrät einen Agenten der DDR: Herbert Steinbrecher. Der wird observiert und Ende 1964 in Paris verhaftet. Fast fünf Jahre hat er das Projekt Concorde ausspioniert, indem er am Bau beteiligte Mitarbeiter für Informationen bezahlte. In einem nichtöffentlichen Gerichtsverfahren wird er zu zwölf Jahren Haft wegen Industriespionage verurteilt.

Heute ist unumstritten: Die Sowjets haben mit Unterstützung der DDR den Bau der Concorde ausspioniert. Unklar ist jedoch, inwieweit die erhaltenen Informationen den Bau der Tu-144 wirklich vorangebracht haben. Denn bei aller Ähnlichkeit, gibt es auch große Unterschiede. So sind die Triebwerke der Tupolew viel näher am Rumpf angebracht. Und der hervorstechendste Unterschied sind die sogenannten Canards, französisch für Entenflügel, der Tu-144. Diese liegen über dem Cockpit und werden beim Landeanflug zur zusätzlichen Stabilisierung ausgefahren.


Bau der Tu-144 auch ohne Spionage


Neben diesen Unterschieden verweisen Historiker darauf, dass Ähnlichkeiten zwischen beiden Flugzeugen auch mit einer normalen technologischen Evolution erklärbar sind. Gleiche Probleme führen oft zu ähnlichen Lösungen, ganz unabhängig vom politischen System. Dass die Sowjets die Tu-144 auch ganz ohne Spionage hätten bauen können, bezweifelt heute niemand. Ob sie es bereits bis zum 31.12.1968 geschafft hätten, ist eine andere Frage.

Wenige Monate später, im März 1969, hat schließlich auch die Concorde ihren Jungfernflug. Die Amerikaner verabschieden sich von ihren Plänen zwei Jahre später. Ihnen ist das Projekt zu teuer. Das sollen auch Sowjets, Franzosen und Briten bald merken. Wirtschaftlich sind weder die Tu-144 noch die Concorde.

1973 stürzt zudem eine Tupolew bei einer Flugschau in der Nähe von Paris ab. Neben den sechs Personen der Besatzung werden acht Franzosen am Boden von Trümmern getötet. Dennoch startet zwei Jahre später der Linienbetrieb zwischen Moskau und Alma-Ata. Doch 1978 wird er wieder eingestellt, weil er sich nie gerechnet hat.

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