Post testet seltenere Zustellung : Wenn der Postbote seltener klingelt

Wer soll entscheiden, wann ein Brief zugestellt wird, der Absender oder der Empfänger?
Wer soll entscheiden, wann ein Brief zugestellt wird, der Absender oder der Empfänger?

Briefe nur noch an ausgewählten Tagen oder an den Arbeitsplatz? Post testet neue Zustellung. Kritik an fehlender Grundversorgung und Porto

svz.de von
04. September 2017, 06:00 Uhr

Die Deutschen schreiben lieber E-Mails als Briefe, Pakete sollen bald mit Drohnen durch die Gegend fliegen – und was wird aus dem guten alten Brief? Er wird vielleicht bald seltener ausgetragen. Die Deutsche Post experimentiert mit neuen Formen der Briefzustellung: Einige Kunden erhalten seit ein paar Wochen nicht mehr an jedem Werktag ihre Post. Anfang Juli startete das Unternehmen unbemerkt von der Öffentlichkeit ein Pilotprojekt, das die bisherige Form der Briefzustellung grundlegend verändern könnte. Ausgewählte Kunden können wählen, ob sie Briefe als Sammelzustellung an einem Wochentag, an drei Wochentagen oder an fünf Tagen, dann aber an den Arbeitsplatz, geliefert bekommen wollen.

„Wir testen neue Zustelloptionen, um Kundenbedürfnisse zu erforschen“, sagte ein Postsprecher. Schon vor einem Jahr war das Unternehmen wegen angeblicher Pläne, die Montagszustellung zu streichen, in die Schlagzeilen geraten. Das hatte der Bonner Konzern aber dementiert.

Die Post möchte mit ihrem Pilotprojekt herausfinden, ob die drei neuen Varianten der Zustellung bei den Postkunden auf fruchtbaren Boden fallen. Dazu hätten zunächst 18 geschulte Briefträger in den vergangenen Wochen Kunden unter anderem in Nordrhein-Westfalen und Hessen angeworben, die bereit seien, in einer Testphase auf eine tägliche Zustellung zu verzichten und eine andere Form zu wählen, sagte der Sprecher. Ausgeschlossen in dem Probelauf sind Einschreiben, der Versand von Dokumenten oder auch Eilbriefe, die sofort ausgetragen werden.

Bei dem Projekt spielt auch die E-Post eine Rolle: Bei einigen Postkunden, die nur am Wochenende zu Hause seien wie etwa Monteure, könnte es sinnvoll sein, nur einmal Briefsendungen in der Woche zu erhalten und Kopien der Briefe ins E-Postfach zu legen. Zugleich machte der Sprecher deutlich, dass die Testkunden jederzeit ihre Teilnahme beenden und zur normalen Zustellung zurückkehren könnten.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi reagierte empört. Sie befürchtet, dass sich die Deutsche Post aus dem gesetzlichen Auftrag der flächendeckenden Grundversorgung Schritt für Schritt verabschieden wolle. „Bei uns brennt die Hütte“, so die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Andrea Kocsis. Sollte die Briefzustellung künftig seltener werden, könnten auch zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen.

Der Briefmarkt in Deutschland sei ausgesprochen stabil. „Wenn die Deutsche Post nun Kunden anbietet, auf diese Dienstleistung verzichten zu wollen, untergräbt sie die Auflagen einer flächendeckenden Grundversorgung und sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt“, kritisierte die Gewerkschafterin, die auch stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Post ist. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass eine geringere Zustellfrequenz und damit längere Laufzeiten postalische Dienstleistungen unattraktiv machten.

Kritik hagelte es gestern vom Branchenverband Paket & Expresslogistik : „Die Strategie der Deutschen Post, immer weniger Leistung für immer mehr Geld zu erbringen, geht zu Lasten der Verbraucher“, sagte Verbandschef Florian Gerster . Eine Senkung der Zustellkosten würde dringend eine Neubewertung der genehmigten Briefporti erfordern.

Hintergrund des Post-Tests ist das seit Jahren schrumpfende Briefgeschäft. Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft mit SMS und E-Mail, mit Messengerdiensten wie Whatsapp, Facebook, Twitter & Co verdrängen den traditionellen Brief. Die Erlöse schrumpfen und die Kosten drücken. Im Geschäftsjahr 2006 wurden noch im Schnitt 70 Millionen Briefe pro Werktag zugestellt, zehn Jahre später waren es noch 59 Millionen. Die reine Briefkommunikation schrumpfte 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent auf 8,2 Milliarden.

Trotz aller Kritik gibt sich die Post gelassen: Der Test, der noch bis Ende September laufe, sei ergebnisoffen und eine Entscheidung noch lange nicht gefallen. Die Post werde sich auf keinen Fall aus ihrem Versorgungsauftrag mogeln.

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