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Serie: Maritime Wirtschaft : Wenn der Kapitän von Bord geht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Von Land aus gesteuerte Schiffe sind in naher Zukunft Realität.

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2017 | 16:00 Uhr

Nach jahrelanger Schiffbaukrise tut sich in der maritimen Wirtschaft wieder etwas. Die Branche verändert sich. In einer kurzen Serie widmen wir uns den neuen Trends im Schiffbau. Zum Abschluss geht es um die die unbemannte und autonome Schifffahrt.

Ein Massengutfrachter schippert langsam über die Nordsee. An Bord sind weder Kapitän noch Besatzung. Gesteuert wird das Schiff von Land aus. Was wie eine ferne Zukunftsvision anmutet, könnte für deutsche Reeder nach Meinung von Experten bereits in den nächsten Jahren Wirklichkeit werden. Schon am Ende dieses Jahrzehnts könnten Schiffe von Land aus ferngesteuert werden, schätzt Markus Laurinen, Projekt-Manager bei Rolls-Royce Marine. Er und seine Kollegen forschen zusammen mit anderen europäischen Unternehmen an den Technologien, die die unbemannte und autonome Schifffahrt möglich machen sollen.

Bis Reedereien tatsächlich auf eine Besatzung an Bord verzichten können, wird es nach Meinung von Reeder Gerd Wessels aus Haren aber noch mindestens zwei bis drei Jahrzehnte dauern. Eine große Hürde auf dem Weg zum unbemannten Schiff sieht er in der Anpassung der nationalen und internationalen Gesetzgebung, die bislang nur auf bemannte und von einer Crew gesteuerte Schiffe ausgelegt ist. Wessels: „Das sind dicke Bretter, die man bohren muss.“

Technische Hürden für die autonome Schifffahrt gibt es nur noch wenige. „Die benötigte Technik existiert bereits mehr oder weniger. Es ist eher eine Frage, wie wir die Systeme so miteinander verbinden, dass sie sicher, verlässlich und wirtschaftlich sind“, sagt Laurinen. Zu den technischen Herausforderungen zählen derzeit etwa die lückenlose weltweite Satellitenabdeckung oder die Maschinenwartung. Schiffe, die mit Schweröl fahren, erfordern eine regelmäßige Wartung. Mit der Ausbreitung neuer umweltfreundlicherer Treibstoffe wie Flüssiggas oder Batteriestrom werden jedoch immer weniger Crewmitglieder im Maschinenraum nötig sein. „Umweltfreundliche Schiffe sind eine Steilvorlage für autonome Schiffe“, sagt der Ingenieur Volker Bertram, der seit vielen Jahren zu autonom fahrenden Schiffen forscht und für die Klassifikationsgesellschaft DNV GL arbeitet.

Der Wandel zum unbemannten und autonom fahrenden Schiff wird sich seiner Ansicht nach schrittweise vollziehen. „Im Automobilbereich hat man heute viel autonome Technik, wie Parkhilfen und Navis, die man zunächst in bemannten Fahrzeugen ausprobiert“, sagt Bertram. Ähnlich werde es auch in der Schifffahrt sein. „In den nächsten Jahren werden die Schiffe weiterhin mit einer Crew an Bord fahren, aber die Seeleute werden immer mehr durch technische Hilfen wie etwa eine automatische Ladungsüberwachung oder Kollisionsvermeidungssysteme entlastet werden. Wir nennen das Smart Shipping.“ Völlig autonom agierende Systeme, die nicht mehr vom Menschen kontrolliert werden, hält der Ingenieur für wenig wahrscheinlich. Für die unbemannte Schifffahrt müssten aber nicht nur die Schiffe selbst, sondern auch die Häfen mit entsprechender Technik ausgestattet werden. Für das automatische An- und Ablegen wären etwa Lasersysteme und Elektromagnetsysteme für das Verankern der Schiffe nötig. „Knapp 5000 Häfen auf der Welt müssten solche Systeme kaufen“, sagt Bertram.

Ob der Einsatz von ferngesteuerten oder autonom fahrenden Schiffen auch ökonomisch Sinn machen wird, ist umstritten. Reeder Gerd Wessels ist auch skeptisch auch, ob die neuen Systeme sicher genug sein werden. So sei etwa die Sensorik auf den Schiffen störanfällig und funktioniere häufig nicht zu 100 Prozent. „Ich verlasse mich lieber auf meine Mannschaft“, sagt Wessels.

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