Atomkraft : Vertuschter Störfall im Schrottreaktor

Das Atomkraftwerk Fessenheim
Das Atomkraftwerk Fessenheim

Die Panne im französischen Atomkraftwerk Fessenheim von 2014 wird heruntergespielt.

svz.de von
04. März 2016, 21:00 Uhr

Es geschah am 9. April 2014, gegen 17 Uhr, im französischen Kernkraftwerk Fessenheim nahe der deutschen Grenze. Im Zugang zum Kontrollraum von Reaktor 1 wird Wasser entdeckt. Auch durch das Lüftungssystem sickerte es in die Schaltschränke mit der Sicherheitselektronik in Frankreichs ältestem, 1977 in Betrieb genommenem Atomkraftwerk. Man entschied sich für eine Schnellabschaltung der Anlage.

Die französische Atomaufsicht habe den Vorfall vor der Atomenergiebehörde heruntergespielt, berichteten Süddeutsche Zeitung und WDR gestern.

Wurde der Störfall vertuscht? Waren die deutschen Behörden rechtzeitig unterrichtet? Im Bundesumweltministerium heißt es, der Vorgang sei in der zuständigen deutsch-französischen Kommission besprochen worden.

Der Störfall sei ernstzunehmen, erklärte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gestern: „Er ist ein weiterer Beleg für das Risiko, das vom Betrieb dieses alten Reaktors ausgeht.“ Der Vorfall zeige einmal mehr, „dass unsere Forderung gegenüber der französischen Regierung, Fessenheim vom Netz zu nehmen, gute Gründe hat“.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Atomkraftwerk mit Pannen für Negativ-Schlagzeilen sorgt. Seit 2010 hat es dort bereits 16 Vorfälle der Stufe 1 gegeben. Eigentlich hatte Frankreichs Präsident Francois Hollande die Anlage 2016 vom Netz nehmen wollen. Jetzt wird über einen Weiterbetrieb bis 2018 spekuliert. Pannen-Reaktoren an Deutschlands Grenzen – das Thema beschäftigt die deutsche Politik immer wieder. Auch Reaktoren in der Schweiz oder im tschechischen Temelin waren wiederholt Gegenstand heftiger Sicherheitsdebatten.

Längst wird die Forderung nach einem europäischen Atomgipfel laut, in dessen Zentrum Sicherheitsfragen stehen müssten. Grünen-Expertin Bärbel Höhn forderte im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion Konsequenzen. „Der Schrottreaktor in Fessenheim hat die höchste Anzahl von gemeldeten Problemen und Unfällen in ganz Frankreich und gehört sofort abgeschaltet. In Deutschland dürfte Fessenheim aufgrund der veralteten Sicherheitsarchitektur nicht ans Stromnetz“.

Kommentar: Gefährliches Risiko
An Deutschlands Grenzen geht die Angst um, die Angst vor einer Atomkatastrophe. Die Berichte über den schweren Störfall im April in 2014 im französischen Kernkraftwerk Fessenheim, der zum Glück glimpflich endete, werfen ein Schlaglicht auf die Gefahren der nuklearen Stromerzeugung. Hier geht es um eine fast 40 Jahre alte Anlage, bei der die Techniker Mühe mit der Schnellabschaltung hatten und schließlich die Chemikalie Bor ins Kühlwasser leiteten – für ein Atomkraftwerk in Westeuropa nach Experteneinschätzung ein bislang einmaliger Vorgang. Immer neue Berichte über Sicherheitsmängel verunsichern die Bevölkerung in erheblichem Maße. Es ist die Pflicht von Umweltministerin Barbara Hendricks, den Finger in die Wunde zu legen und auf Einhaltung aller Sicherheitsstandards zu pochen. Pannenreaktoren  können zu einem gefährlichen Risiko für Millionen  werden.  
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