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2192 Schlösser und Gutsanlagen in MV : Und leise bröckelt der Putz...

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung von Gutsanlagen: Wer trägt Mitschuld am Verfall der historischen Herren- und Gutshäuser?

Selten liegen Hoffnung und Enttäuschung so nahe bei- einander wie hier. Nur knappe 10 Kilometer Luftlinie trennen die Gutshäuser Löwitz und Ganzow. Beide in der Nähe von Gadebusch. Während das eine langsam aber sicher in neuem Glanz erstrahlt und liebevoll wieder hergerichtet wird, verfällt das andere zunehmends. Der Putz bröckelt, die Fenster sind lange ausgeschlagen, das Dach löchrig wie ein Schweizer Käse. Nur eine Frage der Zeit, bis der Abriss durch Wind und Wetter vollzogen ist.

Diese Bauten sind nur zwei Beispiele der insgesamt 2192 Schlösser und Gutsanlagen in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Dichte, die nicht nur in Deutschland, sondern europaweit einzigartig ist. Knapp die Hälfte (1012) dieser Herrenhäuser steht unter Denkmalschutz. Wunderbar, könnte man meinen, um die Anlagen wird sich gekümmert – doch dem ist nicht immer so.

Die Guts- und Herrenhäuser befinden sich zu 90 Prozent in Privatbesitz und manche der Eigentümer scheinen nicht daran interessiert, die kulturell bedeutenden Bauten zu erhalten. Etwa jedes fünfte Gutshaus ist akut vom Verfall bedroht. An dieser Stelle wäre es die Pflicht des Kultusministeriums als oberster Denkmalschutzbehörde sowie der Landkreise und Gemeinden, etwas zu unternehmen, erklärt Diplom-Ingenieur Jörg Mollnhauer. Laut Gesetz oblägen Denkmalschutz und Denkmalpflege auch ihnen – nicht ausschließlich dem Besitzer. Zumal das Land finanzielle Mittel zur Förderung denkmalgeschützter Anlagen bereithalte. Diese kämen jedoch eher den landeseigenen Herrenhäusern und Schlössern wie Bothmer, Güstrow oder Schwerin zugute, meint Mollnhauer. Und solchen Eigentümern, die Förderanträge stellen und ein nachhaltiges Nutzungskonzept für die Gelasse vorlegen können. Ihre Investitionen können bis zu 50 Prozent vom Land gefördert werden.

Manche Gutsbesitzer stellen solche Anträge jedoch nicht. Zum Teil handelt es sich um Spekulanten, so Mollnhauer, die nur darauf warten, dass ihnen jemand das Objekt wieder abkauft. Andere haben sich zu viel zugemutet oder sind nicht bereit, hohe Summen in die Bauwerke zu investieren.

Laut gesetzlichem Rahmen hätten die Denkmalschutzbehörden in diesem Fall die Möglichkeit, die Eigentümer zu ermahnen. Und nicht nur das. Ist es erforderlich, können sie auch in Vorleistung gehen, die Arbeiten durchführen und die Kosten später auf den Eigentümer umwälzen. Denn die notwendigste Instandhaltung ist laut Gesetz jedem Besitzer zuzumuten. In der Praxis geschieht das jedoch selten.

Grund dafür seien eine „angespannte Personalsituation und rechtlich komplizierte Verfahren“, lässt man aus den Ministerien verlauten – in anderen Bundesländern scheint es weniger problematisch zu sein. Zumal das Problem der Personalknappheit hausgemacht ist. Schließlich soll es bis 2017 nur noch 100 besetzte Stellen im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege geben – 2006 waren es noch 25 Prozent mehr.

Seit Jahren kämpfen Mollnhauer und die „Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung und Nutzung der Gutsanlagen in MV“ dafür, dass sich das ändert. An das Kultusministerium, Ministerpräsident Sellering (SPD) und sogar das Finanzministerium hat sich die Arbeitsgemeinschaft bereits gewandt. Ohne Ergebnis.

Aus den Antwortschreiben der Ministerien (liegen der Redaktion vor) geht hervor, dass „ein Erhalt auf Vorrat nicht zielführend“ sei, da „bei fehlender Nutzung der Verfall sofort wieder einsetzt“. Darum halten die Ministerien es auch für „wenig sinnvoll, Geld auszugeben, wenn es keinen Erhaltungswillen von Seiten der Eigentümer“ gebe. Dabei sollte es in Sachen Denkmalschutz eigentlich darum gehen, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, klagt Mollnhauer: „Würden die Denkmalschutzbehörden früher handeln, könnte die Substanz vieler Gutsanlagen mit einem Aufwand von nur einer kleinen fünfstelligen Summe gesichert und der künftige Sanierungsaufwand immens gemindert werden.“ Oft würde bereits eine Reparatur der Dächer oder Fallrohre genügen, um Feuchtigkeit und Pilzbefall im Inneren der Gebäude entgegenzuwirken. Doch das wiederum erfordere ein Eingreifen seitens der Behörden.

Die wiederum stellen sich stur, erklärt Mollnhauer. Beharren darauf, dass die Erhaltung von Denkmälern allein dem Eigentümer obliege, obwohl im Denkmalschutzgesetz §1 zu lesen ist: „Denkmalschutz und Denkmalpflege obliegen dem Land, den Landkreisen und Gemeinden.“ Am Erhalt solcher Kulturgüter sollte auch das Land ein Interesse haben, sagt er.

Damit erscheint auch das Argument aus dem Kultusministerium, einzelne Eigentümer würden sich „durch Versäumnisse in der Wahrnehmung ihrer gesetzlichen Pflichten Vorteile zu Lasten der Allgemeinheit verschaffen“ eher unzutreffend. Denn der Erhalt denkmalgeschützter Anlagen sei wohl eher ein Dienst für die Allgemeinheit, ist Mollnhauer überzeugt.

Doch die Ministerien nutzen ein Schlupfloch. Pochen auf die Formulierung im Gesetz, das sie eingreifen „können“, nicht müssen. Die Situation ist verfahren. Nach Ansicht des Kultusministeriums benötige man zur Erhaltung der Gutshäuser schlicht Personen, die mit gutem Beispiel vorangehen.

Zwei, die genau das tun, sind Sänger Jan Träbing und Architekt Sönke Borgwardt. Seit 2007 kümmern sich die beiden aufopferungsvoll um die Instandsetzung der alten Gutsanlage in Ganzow. Das Gebäude mit Baujahr 1756 fanden sie über eine Internet-Annonce. „So schlimm das Haus damals auch aussah, irgendwie war ich verliebt“, erinnert sich der Ratzeburger Träbing. Das Gebäude glich einer Ruine. Trotzdem entschieden sie sich dafür. „Inzwischen haben wir den Kaufpreis des Hauses längst doppelt in die Restaurierung investiert“, erklärt Borgwardt, der aus Lübeck stammt.

Auch ohne eine Förderung des Landes hätten die beiden das stemmen können – nur eben viel langsamer. „Über die Hilfe der Denkmalschutzbehörde sind wir sehr dankbar. Am Anfang wäre es ohne ihre Beratung wohl nicht gegangen. „Besonders war es jedoch ihr ganz persönlicher Ansporn, der das Haus wieder zum Strahlen gebracht hat. „Neben der Musik habe ich schon immer getischlert“, sagt Träbing. „Und mich haben eigentlich immer nur die Stücke interessiert, die komplett neu hergerichtet werden mussten. Die, die für andere schon auf den Müll gehörten.“ Da wundert es nicht, dass er und Sönke Borgwardt auch in das Gutshaus gerne Arbeit stecken. „Inzwischen haben wir etwa die Hälfte des Innenraumes wieder bewohnbar gemacht.“ Die Liebe der beiden zum Haus geht sogar so weit, dass Borgwardt sagt: „Jede Verabredung außerhalb ist uns ein Graus, weil wir die Zeit lieber nutzen wollen, um weiter am Haus zu arbeiten.“

Und auch die Gemeinden sowie das Land hätten etwas davon, schließlich würden sie mit solchen Sehenswürdigkeiten werben. „Es kommt sicher niemand in eine Stadt, um die Plattenbauten zu begutachten“, stellt Borgwardt mit einem Lächeln fest. Ein Grund mehr für die Landesregierung, über den eigenen Schatten zu springen.

 

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erstellt am 07.Jul.2016 | 11:45 Uhr

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