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Interview: Verdi-Chef : Streik auf Flughäfen: „Lohnarmut führt zu Altersarmut“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verdi-Chef Frank Bsirske plädiert für höheres Rentenniveau und kritisiert Missbrauch bei der Befristung von Arbeitsverhältnissen

Vor der nächsten Runde der Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst wird es zwei Tage lang Warnstreiks in Kitas, im Öffentlichen Nahverkehr und auf Flughäfen geben.

Über die Forderungen und die Konsequenzen eines Arbeitskampfes sprach Andreas Herholz mit dem Bundesvorsitzen der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske.

Herr Bsirske, wollen Sie das Land lahmlegen?

Bsirske: Warnstreiks haben die Funktion, Tarifverhandlungen zu beschleunigen und eine Einigung zu erleichtern. Das vorliegende Angebot der Arbeitgeber würde auf eine Reallohnsenkung hinauslaufen. Das akzeptieren die Beschäftigten nicht. In vielen Städten werden die Kindertagesstätten geschlossen bleiben. Eine ganze Reihe von Flughäfen wird betroffen sein. Wir haben die Aktionen bereits am Freitag angekündigt, um betroffenen Passagieren entgegenzukommen. Die Arbeitgeber sollten ihre Haltung und ihr Angebot überprüfen, damit in der dritten Verhandlungsrunde am Donnerstag und Freitag eine Lösung gefunden werden kann. Jetzt geht es in die entscheidende Phase der Verhandlungen. Wir wollen konstruktiv zu einer Einigung beitragen.


Droht angesichts der Differenzen ein langer Tarifkonflikt?

Es geht um ein Gesamtpaket: Dazu zählen neben Löhnen, Gehältern und Ausbildungsvergütung auch die Zukunft der betrieblichen Altersversorgung und die Entgeltordnung. Ändern müssen wir dringend auch den Missbrauch bei der Befristung von Arbeitsverhältnissen. Wenn die kommunalen Arbeitgeber Leistungseinschränkungen bei der betrieblichen Altersvorsorge planen, ist das ein absolutes No go. Wir haben nichts zu verschenken. Auf die Beschäftigten in Deutschland kommen millionenfache Altersarmut und weitere Senkungen des Rentenniveaus zu.


Wie reagieren Sie auf Pläne für ein höheres Renteneintrittsalter?

Das ist völlig realitätsfremd und hat mit der Lebenswirklichkeit nicht das Geringste zu tun. Viele Arbeitnehmer sind heute schon vor Erreichen des Renteneintrittsalters gesundheitlich verschlissen und können nicht länger arbeiten, selbst wenn sie es wollten. In dieser Situation will Herr Schäuble die Renten de facto noch stärker kürzen. Ein Ablenkungsmanöver von den bestehenden massiven Rentenproblemen. CSU-Chef Seehofer und SPD-Chef Gabriel haben völlig zu Recht die Riester-Rente für gescheitert erklärt und eine große Rentenreform gefordert.

Wir sind gut beraten, die Riester-Förderung zu beenden. Das ist eine Fehlkonstruktion. Ansprüche der Arbeitnehmer müssen natürlich gesichert bleiben. Die Milliarden, die für Riester aufgewendet werden, sollten in die Rentenversicherung fließen.

Was muss im Zuge einer Rentenreform geschehen?

Das Rentenniveau muss stabilisiert und wieder angehoben werden, mindestens in Richtung 50 Prozent. Das ist über eine stärkere Besteuerung von Kapitalerträgen zu finanzieren. Über eine Erhöhung der Rentenbeiträge muss nachgedacht werden – bei einer angemessenen Beteiligung der Arbeitgeber. Wer sein Leben lang arbeitet, darf im Alter nicht in Armut abstürzen. Die Menschen erwarten zu Recht, dass sie eine Rente erhalten, von der sie in Würde leben können.

Wo sehen Sie bei der Reform von Leiharbeit und Werkverträgen Handlungsbedarf?

Die Politik der Agenda 2010 und der Großen Koalition mit Mini-Jobs, Zeitarbeit, Leiharbeit, Werkverträgen und Armutslöhnen hat zu großer Unsicherheit geführt. Wer immer nur befristete Beschäftigungsverhältnisse hat und über kein ausreichendes Einkommen verfügt, kann sein Leben nicht planen. Das muss geändert werden. Es darf auch nicht sein, dass Leiharbeiter als Streikbrecher eingesetzt werden können, wie bereits geschehen. Die Lohndrückerei muss ein Ende haben. Lohnarmut führt zu Altersarmut.

Verdi-Streik an Flughäfen

Der für morgen angekündigte Verdi-Warnstreik an sechs deutschen Flughäfen droht den Flugverkehr in Deutschland massiv zu beeinträchtigen.
„Je nach Ausmaß der Arbeitsniederlegungen kann es zu erheblichen Einschränkungen kommen“, erklärte gestern ein Sprecher des größten deutschen Flughafens in Frankfurt/Main. Man sei derzeit in Gesprächen mit den Fluggesellschaften, wie auf die angekündigten Ausstände reagiert werden könne.

Der Lufthansa liege noch kein konkretes Szenario vor, sagte ein Unternehmenssprecher. Man werde aber die Passagiere so schnell wie möglich informieren.

Verdi hat im Rahmen der Tarifrunde Öffentlicher Dienst zu Streiks an den Flughäfen Frankfurt/Main, München, Düsseldorf, Köln/Bonn, Dortmund und Hannover aufgerufen. Bestreikt werden sollen Check-ins, Werkstätten, Luftsicherheitskontrolleure sowie Bodenverkehrsdienste wie Vorfeld, Fracht, Gepäck und Verwaltung.

Noch einschneidender sind Arbeitsniederlegungen bei den Flughafenfeuerwehren.

 




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