Schadstofftests an Menschen : Skandal oder normal?

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Autobauer wegen Schadstofftests auch an Menschen am Pranger. Kanzlerin Merkel verlangt Aufklärung

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29. Januar 2018, 21:00 Uhr

Affen mussten Dieselabgase einatmen, dazu der Verdacht auf Versuche an Menschen: Mit umstrittenen Schadstofftests haben sich Deutschlands Autobauer schlagartig wieder mitten in den Abgasskandal katapultiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte die Diesel-Schadstoffversuche an Affen scharf – und forderte Aufklärung. Bundesverkehrsminister Christian Schmidt (CSU) sprach von einem gestörten Vertrauen in die Autoindustrie. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Denn zuvor war sogar der Verdacht aufgekommen, dass es im Abgasskandal Schadstofftests nicht nur mit Affen, sondern auch mit Menschen gegeben haben soll. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch teilte mit: „Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken.“ Die Vorgänge müssten „vorbehaltlos und vollständig aufgeklärt werden“. Betriebsratschef Bernd Osterloh verlangte personelle Konsequenzen.

Der geschäftsführende Verkehrsminister Schmidt betonte, er sei als Verkehrsminister „und auch als Tierschutzminister in keiner Weise bereit, solche Verhaltensweisen hinzunehmen“. Die betroffenen Hersteller seien zu einer Sondersitzung der Untersuchungskommission des Verkehrsministeriums zum Abgasskandal gebeten worden und sollten dort umgehend und detailliert informieren.

Der Verdacht, dass mit Menschen experimentiert worden sei, war aus einem Report des Lobby-Instituts EUGT hervorgegangen, über den „Stuttgarter Zeitung“ und „Süddeutsche Zeitung“ berichteten. Diesem Vorwurf trat allerdings der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen entgegen: Eine entsprechende Studie befasse sich nicht mit der Dieselbelastung von Menschen. In der Studie von 2013 gehe es um den Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz. Die Ethikkommission der Uniklinik Aachen habe die 2016 veröffentlichte Studie geprüft und genehmigt.

Stickstoffdioxid (NO2) ist der Schadstoff, dessen Messwerte von VW in den USA jahrelang manipuliert worden waren, um die gesetzlichen Grenzwerte für Dieselfahrzeuge offiziell einzuhalten. Tierversuche beim Test von Dieselabgasen, die durch US-Ermittlungen zur VW-Abgasaffäre bekannt geworden waren, hatten Empörung ausgelöst. Zehn Affen, genauer gesagt Javaneraffen oder Langschwanzmakaken, waren dabei gezielt Schadstoffen ausgesetzt worden. Kraus erklärte, die NO2-Konzen-
tration für die Aachener Studie sei dagegen vergleichbar mit der in der Umwelt gewesen. Die Probanden seien dieser Konzentration für drei Stunden ausgesetzt worden, gesundheitliche Effekte habe es nicht gegeben. „Es gibt keinen Zusammenhang mit dem Dieselskandal“, betonte er. Allerdings förderte die von den Konzernen VW, Daimler und BMW gegründete Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) die Studie. Die Forscher seien aber „in keinster Weise“ beeinflusst worden, sagte Kraus.

Schon am Wochenende hatte sich Volkswagen für die Versuche mit Affen entschuldigt. Die Tests sollten beweisen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung stark abgenommen hat. In Auftrag gegeben hatte die EUGT diese Studie, federführend soll VW gewesen sein. VW-Chefkontrolleur Pötsch kündigte an, der Aufsichtsrat werden sich bald mit dem Thema beschäftigen. „Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen.“ Weil bezeichnete die Versuche als „absurd und widerlich“ – dies gelte erst recht, wenn es zu Versuchen an Menschen gekommen sein sollte.

Seibert sagte, die Autokonzerne hätten Schadstoffemissionen zu begrenzen und Grenzwerte einzuhalten – und nicht die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen. Maßgeblich sei der Zweck solcher Testreihen – gehe es darum, die Belastung am Arbeitsplatz zu testen, lasse sich das vertreten, erklärte Weil. Dienten die Testreihen aber Marketing und Verkaufsförderung, „fällt mir keine auch nur von Ferne akzeptable Begründung für ein solches Vorgehen ein“.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat die Schadstofftests mit Affen verurteilt. Der Verband distanzierte sich wie die betroffenen Unternehmen VW, Daimler und BMW von den Vorgängen. „Hier zeigt sich einmal mehr: Technik und Wissenschaft müssen sich grundsätzlich im Rahmen des gesellschaftlich und ethisch Verantwortbaren bewegen“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann. Diese Balance zu halten sei eine ständige Aufgabe für jede Industrie. „Ohne ethisches Fundament gewinnt man keine Zukunft.“

Kommentar "Dumm wie Dieselhersteller" von Burkhard Ewert

Gesundheitsgefahren als Hersteller wissenschaftlich untersuchen zu lassen ist zunächst einmal ja nicht verwerflich. Aber Menschen dazu giftiges Gas einatmen zu lassen hätte bei jedem, der mit den Mechanismen öffentlicher Prozesse vertraut ist, Alarm auslösen müssen. Die Wirkung von Tierversuchen im Dienste der Automobilindustrie ist nicht viel besser.

Immerhin, die Arbeit der merkwürdigen Branchenvereinigung EUGT wurde eingestellt und ihre Sinnlosigkeit, genauer: ihr Risiko für das Image der Hersteller erkannt. Somit bleiben die bekannt gewordenen Messungen eine Fußnote eines Wirtschaftskrimis, in dem VW, Daimler & Co so ziemlich alles falsch gemacht haben, was man falsch machen kann. Besonders bitter ist das, weil neue Diesel eine vorzügliche Bilanz haben. Zugleich wird sichtbarer, dass der vermeintliche Branchenkiller Tesla ein Blender ist  und die  E-Mobilität ungelöste Probleme hat.

Auch die Abgas-Versuche sind nicht per se zu verurteilen.  Die Vorstellung eines Affen im Käfig reduziert die Komplexität nun allerdings beträchtlich, denn sie illustriert Skrupellosigkeit besser, als jeder Dieselkritiker es sich hätte ausdenken können.

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