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Separatisten schießen Flugzeug ab

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Keine Schonfrist für Staatschef / 49 Soldaten sterben

von
erstellt am 15.Jun.2014 | 13:24 Uhr

Die Trümmer der abgeschossenen ukrainischen Militärmaschine waren noch nicht aufgesammelt, da drohte Präsident Petro Poroschenko den Tätern bereits mit Vergeltung. Für den Tod der 49 Soldaten in Lugansk, „diesen zynischen Terrorakt“, würden die moskautreuen Separatisten teuer bezahlen, kündigte der Staatschef in harten Worten an.

Mit Schweigeminuten und Gebeten gedachten die leidgeprüften Ukrainer gestern den Opfern. In die Trauer mischten sich aber auch Vorwürfe, ob die Tragödie nicht zu verhindern gewesen wäre. Lugansk gilt seit Wochen als gefährliche Hochburg der militanten Gruppen.

Die Aufständischen hatten das Transportflugzeug vom Typ Iljuschin IL-76 beim nächtlichen Landeanflug auf die Großstadt mit einer Boden-Luft-Rakete beschossen. Niemand an Bord überlebte. Es ist der schwerste Schlag für die ukrainische Armee seit Beginn ihrer „Anti-Terror-Offensive“ gegen Separatisten Mitte April.

Die Attacke setzt Poroschenko nur eine Woche nach Amtsantritt bereits erheblich unter Druck. Vor seiner Wahl zum Präsidenten war es der 48-Jährige als Konzernchef gewohnt, alle Zügel fest in der Hand zu halten. Nun sei Poroschenko schon ein Getriebener der blutigen Krise, meint der ukrainische Politologe Wladimir Fessenko. Die innenpolitische Druck auf den neuen Mann sei hoch. Nach dem Abschuss dürften die Stimmen im Umfeld des Staatschefs, das Kriegsrecht in den umkämpften russischsprachigen Gebieten Lugansk und Donezk zu verhängen, lauter werden. Moskau lehnt dies scharf ab. Und Poroschenko strebt ein verbessertes Verhältnis zu Russland an. Über den mächtigen Nachbarn im Osten äußerte sich der Staatschef bisher auffällig zurückhaltend.

Poroschenko müsse mit Kremlchef Wladimir Putin zusammenarbeiten, um seinen Friedensplan in der Ostukraine umzusetzen, mahnt auch der Politologe Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Center. Ein Streit um den Preis für russische Gaslieferungen und Milliardenschulden Kiews bei Moskau belasten die bilateralen Beziehungen allerdings weiter. Auch im Westen war die Aufbruchstimmung nach dem klaren Wahlsieg des „Schoko-Zaren“ groß – doch der von vielen erhoffte Durchbruch bei der Lösung des Konflikts blieb bisher aus.

Tausende Bewohner der umkämpften Städte – meist ohne Wasser und oft ohne Strom – warten weiter auf einen sicheren Fluchtkorridor. Viele fliehen auf eigene Faust und lassen Hab und Gut zurück. Doch Bahntickets in die bisher sicheren westlichen Gebiete der Ukraine sind auf Tage ausverkauft. Der Staat sei sowieso nicht auf Flüchtlinge vorbereitet, kommentieren Medien in Kiew. „Weder ist ihr Status geklärt, noch gibt es Aufnahmezentren“, heißt es. In der Presse mehren sich Berichte, dass die Ankömmlinge nur durch Hilfe privater Initiativen - unter anderem von der Maidan-Demokratiebewegung in Kiew - eine Unterkunft finden. Auch die „Anti-Terror-Offensive“ scheint nur teilweise zu greifen.

Zwar eroberten die Regierungstruppen zuletzt in verlustreichen Gefechten die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol zurück. Sie müssen aber immer wieder Rückschläge hinnehmen - wie in Lugansk. „Der Abschuss hat schmerzhaft verdeutlicht, dass der Präsident die nach der Wahl sonst übliche 100-tägige Schonfrist nicht geltend machen kann“, sagt der Politologe Witali Portnikow in Kiew. Dazu sei in der Ukraine in jüngster Zeit zu viel passiert. „Die Menschen sind erschöpft - und sie sehnen sich nach einer Perspektive“, meint Portnikow.

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