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Darf es ein Steak mehr sein? : Rückkehr zum Sonntagsbraten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Darf es ein Steak mehr sein? 60 Kilogramm Fleisch verzehrt ein Deutscher im Jahr. Umweltschützer warnen vor Folgen des wachsenden Fleischkonsums.

Ohne geht es auf deutschen Tellern kaum noch: Schon zum Frühstück, beim Mittagessen in der Kantine, am Abendbrotstisch mit der Familie – Fleisch in jedweder Form ist für Verbraucher auf dem Speiseplan nicht wegzudenken. Schnitzel, Boulette, Fleischwurst und Co.: 85 Prozent der Deutschen können nicht mehr ohne – täglich oder nahezu täglich. Der Sonntagsbraten ist zum Alltagsbraten geworden.

Durch die Billigangebote im Supermarkt hat der Fleischkonsum Dimensionen angenommen, die Ernährungsexperten warnen lässt: Die Deutschen konsumieren nach wie vor zu viel Fleisch, geht aus dem gestern von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ vorgestellten Fleischatlas hervor.

Der Fleischberg, den sich die Deutschen auf den Teller schaufeln ist gewaltig: Der Pro-Kopf-Verbrauch liege trotz eines leichten Rückgangs derzeit bei 60 Kilogramm im Jahr, erklärte Vorstand Barbara Umüßig von der Böll-Stiftung gestern in Berlin und riet zur Einschränkung des Fleischkonsum pro Woche: „Das wäre die Rückkehr zum Sonntagsbraten.“

Ostdeutsche essen das meiste Fleisch

Die Deutschen hätten es nötig – vor allem die Männer zwischen Rügen und Thüringer Wald und in Bayern. 117 Gramm Fleisch und Wurst schieben sie täglich in sich hinein – der Verbrauch deutschlandweit. Männer in Schleswig-Holstein kommen hingegen mit 92 Gramm aus, Frauen in Rheinland-Pfalz sogar mit 45 Gramm. Amerikaner würden bei solchen Tagesrationen hungrig vom Tisch gehen: Die USA sind die größten Fleischvertilger, heißt es in der Studie des Vorjahres. Dort isst jeder Mann täglich eine Fleischportion von 196 Gramm, Frauen kommen auf 125 Gramm. Es geht auch weniger: 15 bis 30 Kilogramm pro Kopf und Jahr – wie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen – seien ausreichend, meinte Reinhild Benning, Agrarexpertin des BUND gestern.

Stattdessen ist der Fleischberg, den sich die Verbraucher auf den Teller schaufeln, gewaltig: 1094 Tiere vertilgt ein deutscher Verbraucher im Durchschnitt im Laufe seines Lebens – 945 Hühner, 46 Puten, 46 Schweine, 37 Enten, 12 Gänse, 4 Schafe und 4 Rinder. Damit essen die Deutschen doppelt so viel wie die Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern. „Die globalen Ungerechtigkeiten lassen sich an nichts anderem so deutlich ablesen, wie am Verbrauch von tierischem Eiweiß“, hieß es bereits im Fleischatlas des Vorjahres.

Milliardengeschäft teilen sich wenige

Die Grünen werden sich bestätigt fühlen: Salatblatt statt Schweineschnitzel – 2013 sorgten sie mit ihrer Forderung nach einem fleischlosen Tag in der Woche für einen Aufschrei der Nation – und wurden dafür bei der Wahl abgestraft. Ein Veggie Day, „ein Tag zum Ausprobieren, wie wir uns ohne Fleisch ernähren“, schwärmte die damalige Grünen-Fraktionschefin Renate Künast seinerzeit. Ein staatlich geförderter Tag in der Woche, an dem Kantinen und Mensen nur noch fleischlose Gerichte anbieten sollten, warb auch die heutige Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Weniger Fleisch zu essen, sei gut für die Gesundheit, den Tier- und den Klimaschutz.

Doch Fleisch und Wurst an der Ladentheke – es ist längst ein Riesenmarkt mit Milliardenwert geworden, mit teilweise skandalösen Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und zweifelhaften Haltungsbedingungen für die Tiere. Die Tier- und Fleischproduktion gehörten zu den profitabelsten Zweigen der Landwirtschaft, so der Fleischatlas. Der Bereich trage 40 Prozent zum Gesamtwert der weltweiten Agrarproduktion bei, in den Industrieländern sogar mehr als die Hälfte.

Fleisch vom Fließband: Der Markt ist nur noch schwer zu durchschauen: „Moderne Schlachtanlagen in Europa und den USA nehmen immer absurdere Dimensionen an. Während wir hierzulande 735 Millionen Tiere pro Jahr töten, schlachtet allein die US-Gesellschaft Tyson Foods mehr als 42 Millionen Tiere in einer einzigen Woche“, kritisiert Fleischatlas. Oder der weltgrößte Produzent von Rindfleisch, der brasilianische JBS-Konzern: Seine Schlachtkapazitäten seien „nicht sinnlich vorstellbar“, heißt es in der Studie. Das Unternehmen könne 85 000 Rinder, 70 000 Schweine und zwölf Millionen Vögel schlachten – an nur einem Tag.

Auch Deutschland mischt am Schlachtband vorn mit: 58 Millionen Schweine werden zwischen Flensburg und Bodensee getötet – so viel wie nirgendwo in Europa. Bei Rindern belegt Deutschland Platz 2 hinter Frankreich, bei Hühnern gehört die Bundesrepublik mit ihren 350 Schlachthöfen zu den Top 5, schreiben die Studien-Autoren. Die Geschäfte teilen sich indes wenige: Tönnies und Vion unter anderem mit Standorten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sowie Westfleisch.

Doch die Branche ist in Verruf geraten: Fast 28 000 Menschen sind in den Schlachtbetrieben beschäftigt, so die Studie. Zu einem hohen Preis – Deutschland sei zu einem Billiglohnland verkommen. In den Betrieben arbeiteten „vor allem polnische, rumänische oder bulgarische Leiharbeiter“, schreiben die Autoren. Zu harten Bedingungen: „Ohne Mindestlohn oder flächendeckende Tarifverträge sind Stundenlöhne unter 5 Euro für Leiharbeiter keine Seltenheit.“ Die niedrigen Löhne hätten dazu geführt, dass Fleischkonzerne aus Nachbarländern ihre Tier zur Schlachtung nach Deutschland bringen.

Der weltweite Fleischhunger birgt zunehmend Risiken: Die Produktion verbrauche immense Ressourcen. 6,5 Kilogramm Getreide, 36 Kilogramm Futter wie Heu und Rüben, 15 500 Liter Wasser stecken dem Fleischatlas zufolge in einem Kilogramm Fleisch. Fast zwei Drittel der hiesigen Agrarflächen würden inzwischen für die Erzeugung von Futtermitteln gebraucht, die für die Aufzucht von Schweinen, Hühnern und anderen Tieren in Mastfabriken dienen. Weltweit werde nahezu ein Drittel der Landflächen für die Futtermittelproduktion eingesetzt, während die Kleinbauern zunehmend ihr Land – und damit ihre Nahrungs- und Existenzgrundlage – verlieren, kritisieren die Herausgeber des Berichts. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung und immer knapper werdenden Ressourcen werde es daher unmöglich sein, den Fleischhunger von immer mehr Menschen zu stillen - ohne dies auf Kosten der Umwelt und anderer Menschen zu tun.

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erstellt am 10.Jan.2014 | 11:55 Uhr

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