STREITBAR : Rechnen lernen!

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Wenn es um große Summen geht, sind die Deutschen großzügig – bei Kleinbeträgen wird kleinlich kalkuliert. Das ist politisch gewollt – und kommt uns teuer zu stehen.

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01. August 2015, 12:00 Uhr

Wir Deutschen sind schon ein merkwürdiges Volk. Zum Tanken fahren wir kilometerweite Umwege und stellen uns in lange Schlangen, um ein paar Cent zu sparen. Wo Geiz geil ist, gedeihen auch Discounter prächtig. Lidl & Aldi sind deutsche Erfindungen. Ebenso wie die Stiftung Warentest, die uns regelmäßig über neueste Trends in der Minimax-Strategie informiert: Wo bekommt man die maximale Leistung für den minimalsten Geldeinsatz.

Sobald es aber um größere Summen geht, verlasst das Volk der kleinlichen Rechner das Gefühl für Zahlen. Noch ein weiteres, bis zu hundert Milliarden Euro schweres Hilfspaket für Griechenland? Ärgerlich, gewiss. Aber muss wohl sein, sagt eine Mehrheit der befragten Bundesbürger. Obwohl nach aktuellen Erhebungen über 80 Prozent nicht daran glauben, dass Athen die jetzt versprochenen Reformen tatsächlich umsetzt und das viele Geld je zurückkommt. Die angeblich so knausrigen und hartherzigen Deutschen verschenken also große Summen, die selbst den Bundeshaushalt um ein Vielfaches übersteigen. Denn alles in allem addieren sich die Haftungsrisiken für den größten Geldgeber und Bürgen in der Eurozone auf mittlerweile über 1000 Milliarden Euro, kalkuliert Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Kürzel statt Wahrheit Der streitbare Ökonom durchkreuzt mit seinem ständigen Nachrechnen die Strategie der Politik, die Kosten gerne hinter kruden Kürzeln zu verstecken: ESM, EFSM, ELA, EZB, IWF, Target – welcher Normalbürger soll in diesem Geflecht von Finanzierungsinstrumenten noch durchblicken? Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), regt deshalb eine „Sondersteuer für Athen an“: Um die Belastungen für Griechenland zu finanzieren, solle der Solidarzuschlag von 5,5 auf 8 Prozent erhöht werden. Doch diese Aufforderung zu mehr Ehrlichkeit stößt natürlich auf einhellige Ablehnung. Der deutsche Michel soll nicht direkt spüren, dass Rettungsschirme, Hilfspakete und Brückenfinanzierungen tatsächlich etwas kosten und sich die Eurozone schleichend zur verbotenen Transferunion wandelt. Dass also entgegen den EU-Verträgen „die nördlichen Länder die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der südlichen Länder durch Abtretung eines Teils ihres Einkommens kompensieren“, so Sinn.

Sparbuch statt Börse Damit nicht genug. Um die Schuldenlast der Krisenstaaten zu drücken, flutet die Europäische Zentralbank (EZB) den Euroraum mit viel Geld und kauft wertlose Staatsanleihen auf. Den Preis dafür zahlen all jene, die mit Sparen und Lebensversicherungen fürs Alter vorsorgen. Allein der Zinsverlust, rechnet das Center for Financial Studies (CFS) vor, schmälert die Rücklagen in fünf Jahren um 200 Milliarden Euro. Dagegen hilft das Geschiebe auf Tagesgeldkonten nichts. Das bringt allenfalls kurzfristig ein paar Zehntelprozente.

Dieses Verhalten zeigt jedoch, dass Rechnen keine deutsche Stärke ist. Sonst würden die Bundesbürger mutiger in Aktien investieren und die satten Wertsteigerungen der börsennotierten Unternehmen nicht ausländischen Investoren überlassen, die inzwischen mehrheitlich die DAX-Konzerne besitzen und in den vergangenen Jahren kräftig Kasse gemacht haben. Von den Bundesbürgern legen jedoch gerade einmal 5,9 Prozent ihr Geld in Firmenanteilen an. Auch dies erklärt, warum das Haushaltsvermögen der Amerikaner fast dreifach so hoch ist wie das der Deutschen, das mit 53 030 Euro noch hinter dem der Italiener liegt. Von wegen „reiche Deutsche“!

Brutto statt Netto Ganz weit vorne liegen wir im internationalen Vergleich hingegen bei der Abgabenquote. So muss ein Single in Deutschland im Schnitt zwischen 49 und 53 Prozent seines Einkommens an Finanzamt und Sozialkassen abführen. Ein Ehepaar ohne Kinder wird mit rekordverdächtigen 46 Prozent belastet. Doch die letzte Partei, die offensiv „mehr Netto vom Brutto“ gefordert hat, steht im politischen Abseits. Bei der Bundestagswahl 2013 flog die FDP mit 4,8 Prozent aus dem Parlament und ist auch nur noch in wenigen Landestagen vertreten. Auch deshalb kann sich die große Koalition der Geldausgeber erlauben, die kalte Progression – trotz gegenteiliger Versprechen – nur minimal abzusenken.

Gegen diese heimliche Steuererhöhung wettern selbst die Gewerkschaften nicht. Sie konzentrieren sich bei den Tarifverhandlungen lieber auf die Anstiege der Bruttolöhne. Dass davon netto so wenig übrig bleibt, scheint weder die Beschäftigten noch die Arbeitnehmervertreter sonderlich zu kümmern. Denn dann müssten die DGB-Gewerkschaften ja die (Sozial-)Ausgaben des Staates thematisieren, die man selbst mit Forderungen wie der Rente mit 63 nach oben treibt. Also sträuben sich die Gewerkschaften auch gegen ein Schulfach „Wirtschaft“. Es könnte ja das ökonomische Bewusstsein der Jungen schärfen.

Sex statt Mathe Rechnen ist ohnehin verpönt. Mit einer „Fünf in Mathe“ kann man sich in Talkshows oder auf Partys sogar brüsten. Wenig unternehmen die ewig reformierenden Kultusminister dagegen, dass „Mathe ein Hassfach“ ist und naturwissenschaftliche Studiengänge hohe Abbrecherquoten aufweisen. Zwar klagen dann alle zusammen über „den Mangel an Informatikern und IT-Spezialisten“, die man für „Industrie 4.0“ dringend braucht; doch zumal roten und grünen Bildungspolitikern ist es wichtiger, Schüler früh über die unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen und Praktiken aufzuklären.

Diese Verkennung der Prioritäten hat wohl politische Gründe: Zahlenverächter lassen sich als Wähler leichter manipulieren. Die Energiewende würde weniger positiv wahrgenommen, wenn die tatsächlichen Kosten bewusster zur Kenntnis genommen würden. Immerhin hat sich dadurch der Strompreis seit 2006 nahezu verdoppelt. Mathematisch wache Bürger gingen wohl auch auf die Barrikaden angesichts der Schwindsucht bei Sparbüchern, Lebensversicherungen oder Pensionszusagen, die eine Folge der politisch gewollten Niedrigzinspolitik und Euroschwäche ist. Den Nutzen haben Exportindustrie und Regierungsparteien, die wenige Geld für den Schuldendienst einplanen müssen. Doch langfristig werden dadurch nur die tatsächlichen Kosten verschleiert. Das treibt die Lohnkosten in den Unternehmen nach oben und in der Politik die Ausgaben für Klientelpolitik. Der Wettbewerbsfähigkeit bekommt beides nicht.

Spaß statt Prozente Der bewusstere Steuerzahler würde auch nicht widerspruchslos hinnehmen, dass trotz rapide steigender Einnahmen eine „Infrastrukturabgabe“ erhoben werden soll, um marode Straßen und Brücken reparieren zu können. Oder dass die Rentenkassen trotz Rekordeinnahmen keine nennenswerten Rücklagen bilden und die Krankenkassen bereits wieder tief in den roten Zahlen stecken. Wer mit Gewichtseinheiten und Prozentrechnen nicht auf Kriegsfuß steht, kann auch Risiken realistischer beurteilen. Ist dann aber weniger für Skandalisierungen empfänglich, mit der immer neue Vorschriften als Fürsorge ausgegeben werden. Der Nichtrechner ist also durchaus gewollt. Als braver Steuerbürger, der hohe Steuern und Abgaben als Akt der Solidarität versteht – und sich dabei noch gut fühlt. So macht Politik Spaß.

Wolfgang Bok setzt sich streitbar mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Ihre Meinung zur Meinung an: chefredaktion@medienhausnord.de

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