Gesundheit : Pflegegrad oft falsch

Bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit werden inzwischen auch psychische Probleme berücksichtigt.
Bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit werden inzwischen auch psychische Probleme berücksichtigt.

Bundesweit jeder zweite Widerspruch gegen Einstufung erfolgreich. Mitarbeiter fehlen

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05. Februar 2018, 05:00 Uhr

Widersprüche von Pflegebedürftigen gegen eine Pflegegrad-Einstufung waren 2017 in jedem zweiten Fall erfolgreich. Bei 28,7 Prozent bestätigten die Gutachter den Widerspruch und empfahlen einen anderen Pflegegrad, berichtete die „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf Angaben des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS). Weitere 23,9 Prozent erhielten demnach eine neue Pflegegrad-Empfehlung, weil sich der Hilfebedarf des Pflegebedürftigen zwischenzeitlich verändert hatte.

Der MDS koordiniert die Arbeit der bundesweit 15 Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK), die für die Prüfung der Pflegebedürftigkeit bei gesetzlich Versicherten zuständig sind. 2017 führten die Gutachter der MDK rund 1,6 Millionen Pflegebegutachtungen nach dem neuen Begutachtungsverfahren durch, das seit Januar 2017 gilt. Der Anteil der Widersprüche lag laut MDS bei rund 6,8 Prozent.

Seit 1. Januar 2017 zählen bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit nicht nur körperliche Einschränkungen. Neu ist, dass bei der Begutachtung nun auch berücksichtigt wird, ob Menschen aufgrund psychischer Probleme oder Demenz Hilfe brauchen.

Prognosen gehen von einer steigenden Zahl der Pflegebedürftigen aus – schon jetzt müssen sich wenige Mitarbeiter um viele Patienten und Pflegebedürftige kümmern. Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft sind bundesweit 10 000 bis 15 000 Pflegestellen in Kliniken nicht besetzt. „Die Lücke ist ja jetzt schon groß“, meint Johanna Knüppel, Sprecherin Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Derzeit dauere es im Schnitt 164 Tage, etwa ein halbes Jahr, um offene Pflegestellen zu besetzen, beschreibt Knüppel.

„Pflege kann nur noch im Dauerlauf absolviert werden“, schildert Knüppel. Der enorme Zeitdruck in dem Job mache auch die Pfleger selbst körperlich oder seelisch krank. Auszubildende werden laut Experten häufig als Lückenfüller eingesetzt. Dadurch spürten sie das Missverhältnis beim Personalschlüssel schon früh, sagt Knüppel. Viele brächen eine Ausbildung schon nach einem halben Jahr ab.

Mehr Lohn wäre aus Sicht der DBfK-Sprecherin sinnvoll. „Trotzdem sagen viele Beschäftigte der Altenpflege: Ein zusätzlicher Kollege würde mir mehr nützen als ein höheres Gehalt“, sagt Knüppel. Denn die Überstundenzahlen seien gigantisch und Zeit zum Ausspannen fast nicht vorhanden.

Kommentar von Stefanie Witte: Düstere Aussichten

Der Pflege geht es schlecht, und die Aussichten sind düster. In der vergangenen Legislatur sollte es der sogenannte „Einheitspfleger“ richten. Aber warum sollte sich jemand nach der Ausbildung mit Altenpflege abgeben, wenn er im Krankenhaus mehr Geld bekommt und bessere Aufstiegsmöglichkeiten hat?

Außerdem: Bislang geht es vor allem um den Nachwuchs, aber was ist mit denjenigen, die den Knochenjob nach Jahren höchster Belastung nicht mehr machen können? Die bleiben weiterhin auf der Strecke. Und dann sind da noch die Pflegebedürftigen, die beim Grad ihrer Hilfsbedürftigkeit vielfach zu niedrig eingestuft werden. Ausbaden müssen das auch Pfleger, die dann unbezahlt länger helfen. Das erhöht den Druck aufs System weiter.

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