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Rente mit 70 : Noch länger arbeiten?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Neuer Rekord bei der Rentenbezugsdauer in Deutschland. Ruf nach Rente mit 70

svz.de von
erstellt am 26.Jul.2016 | 12:00 Uhr

Die Deutschen werden immer älter, beziehen heute länger Rente als je zuvor. Von der Rentenversicherung Bund kommen jetzt neue Zahlen: Demnach stieg die durchschnittliche Rentenbezugsdauer bei Frauen im vergangenen Jahr auf 22,8 Jahre und bei Männern auf 18,78 Jahre. 2010 waren es 22,09 Jahre (Frauen) sowie 17,51 Jahre (Männer).

Die Erklärung für diese Entwicklung liegt in der gestiegenen Lebenserwartung. Im vergangenen Jahr hatten Frauen bis zum Alter von 84,02 Jahren Renten bezogen, Männer bis 79,66 Jahre.

Kaum waren die Zahlen veröffentlicht, erbrannte erneut die Debatte über längeres Arbeiten und ein höheres Renteneintrittsalter. Es sei sinnvoll, die Lebensarbeitszeit und die Lebenserwartung in einen fast automatischen Zusammenhang auch in der Rentenformel zu bringen, hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bereits im April gesagt. Nun wird die Forderung von der Jungen Union und Wirtschaftspolitikern von CDU und CSU noch einmal aufgenommen.

Die neuen Zahlen würden zeigen, dass es nur gerecht sei, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln, erklärt Paul Ziemiak, Chef der Jungen Union. Über die Rente mit 67 hinaus müsse ein Mechanismus greifen, dass ein Drittel der gestiegenen Lebenserwartung zu längerer Arbeitszeit werde, so der CDU-Politiker.

Der Chef des Parlamentskreises Mittelstand, Christian von Stetten (CDU), erklärte, durch „die unsinnige Einführung der Rente mit 63“ werde die Situation der künftigen Rentner „zusätzlich verschärft“. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) sprach sich für die Einführung der Rente mit 73 bis spätestens zum Jahr 2043 aus.

Schon jetzt zeigt sich, dass ältere Arbeitnehmer länger im Job bleiben als noch vor wenigen Jahren. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter betrug im vergangenen Jahr 64,1.

Die Einführung der Rente mit 67 läuft derweil noch. Die Altersgrenze für die abschlag-freie Rente steigt seit 2012 schrittweise an – jedes Jahr um einen Monat. Wer 1951 geboren ist, kann nach 65 Jahren und fünf Monaten ohne Abschläge in Rente gehen. Ab 2022 erhöht sich die Altersgrenze für die Rente ohne Einbußen jedes Jahr um zwei Monate. Ab dem Jahrgang 1964 gilt das neue Renteneintrittsalter von 67 Jahren. Mit 45 Beitragsjahren ist weiterhin eine frühere abschlagfreie Rente möglich. Für alle, die 1964 und später geboren sind, ab 65 Jahren, für Ältere bereits früher.

Länger zu arbeiten, rechnet sich gleich zweifach: Wer das Rentenalter erreicht hat und trotzdem weiterarbeitet, zahlt weiter Beiträge und erhöht so seine späteren Altersbezüge. Darüber hinaus gibt es einen Renten-Bonus von 0,5 Prozent je aufgeschobenem Monat des Rentenbeginns.

 

Bernd Raffelhüschen, Renten-Experte an der Uni Freiburg
Bernd Raffelhüschen, Renten-Experte an der Uni Freiburg
 

„Wer länger lebt, muss länger arbeiten“

Rasmus Buchsteiner sprach mit Professor Bernd Raffelhüschen, Renten-Experte an der Uni Freiburg

Die Deutschen beziehen deutlich länger Rente als noch vor wenigen Jahren. Verschärft diese Entwicklung den Reformbedarf bei der gesetzlichen Rente zusätzlich?
Raffelhüschen: Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten. An diesen Gedanken sollten wir uns gewöhnen. Es muss bei einer vernünftigen Relation zwischen Rentenbezugszeit und Einzahlzeit bleiben. Wir haben inzwischen auch ein verändertes Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentenbeziehern. Diese Entwicklung wird in der gesetzlichen Rentenversicherung unter anderem über den Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel ausgeglichen.

Was schlagen Sie vor?
Es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Das skandinavische Modell sieht eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Entwicklung der Lebenserwartung vor. Oder man macht es wie die Deutschen. Wir heben das Rentenbeitrittsalter bis 2030 schrittweise auf 67 Jahre an. Und müssen dann weiter sehen. Wir waren eigentlich auf einem guten Weg, haben dann aber die abschlagsfreie Rente mit 63 eingeführt. Da sind Geschenke verteilt worden, die den Beitragszahler jetzt belasten. Das war unvernünftig.

Wer vor der Regelaltersgrenze in Rente geht, muss empfindliche Abschläge in Kauf nehmen. Ist die Rente mit 69, 70 oder gar 73 nicht eine Illusion, weil es nicht genügend Jobs gibt?
Natürlich müssen wir auf dem Arbeitsmarkt die Hausaufgaben erledigen und noch stärker Voraussetzungen für längeres Arbeiten schaffen. Ich bin dafür, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Wer früher in Rente geht, muss Abschläge in Kauf nehmen. Die Abschläge sind vernünftig. In den Sechzigerjahren musste ein Rentner für ein Jahr Rentenbezug vier Jahre lang arbeiten. Heute sind wir bei nicht einmal mehr zwei Jahren.

Kommentar: Schon wieder eine Reform

Noch nie waren die Rentenbezugs-Zeiten der Deutschen länger als jetzt. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, denn sie ist zurückzuführen auf die gestiegene Lebenserwartung.

Die neuen Zahlen zur Bezugsdauer rütteln aber auch auf. Sie zeigen Reformbedarf. Die Rentenkasse, die zurzeit noch über satte Rücklagen verfügt, könnte in eine gefährliche Schieflage geraten, sollte sich die Entwicklung fortsetzen.

Leider reagiert die Politik darauf mit der immer gleichen Forderung nach einer Erhöhung der Altersgrenze. Das aber ist kurzsichtig gedacht. Die Idee, die Rente an die Lebenserwartung zu koppeln, sorgt für riesige Verunsicherung bei den Beitragszahlern von heute, den Rentnern von morgen und übermorgen. Schließlich ist die Einführung der Rente mit 67 noch nicht einmal abgeschlossen und wird sich noch bis zum Jahr2030 hinziehen.

Die nächste Reform anzugehen, während die vorherige noch nicht einmal umgesetzt ist, zeugt nicht gerade von Besonnenheit.

Wo bleibt das in Sonntagsreden so oft beschworene Interesse an den Älteren? Gibt es Modelle für Arbeitsbedingungen, bei denen auch der 69-jährige noch mithalten kann? Das Engagement der Unternehmen ist hier noch ausbaufähig.

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