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Pflanzenschutzmittel : Neun weitere Jahre Glyphosat

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

EU-Kommission will Zulassung in der nächsten Woche verlängern. Europa-Abgeordnete gelten jetzt als „offiziell ungenießbar“

von
erstellt am 12.Mai.2016 | 21:00 Uhr

Sven Giegold bemühte sich gestern um Galgenhumor: „Nach Trinkwasser-Standards gelte ich jetzt offiziell als ungenießbar. Mein Urin enthalt 20-mal so viel Glyphosat wie das Bundesamt für Risikobewertung für Trinkwasser erlaubt.“ Der Europa-Abgeordnete der Grünen-Fraktion ist einer von 48 Volksvertretern, die sich am Rande einer Debatte um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat testen ließen – für 85,68 Euro pro Person. In diesen Tagen trudelten die Ergebnisse in den Abgeordneten-Büros ein: Alle Volksvertreter waren mit  durchschnittlich 1,7 Nanogramm je Milliliter (ng/ml) mit Rückständen belastet. Für Trinkwasser gelten 0,1 ng/ml als hinnehmbar.

Bei der bisher weltweit größten Untersuchung von Glyphosat-Rückständen in der Bevölkerung wurden im Winter 2015/16 in Deutschland ähnlich dramatische Werte festgestellt: In nur acht von 2009 Urinproben gab es keine Spuren des Wirkstoffes.

Dennoch wird die Brüsseler EU-Kommission in der kommenden Woche die umstrittene Zulassung des Herbizids verlängern – und dabei nahezu alle Bedenken des EU-Parlamentes übergehen. In einem Vorschlagspapier, das unserem Brüsseler Büro vorliegt, heißt es, die „erneute Genehmigung von Glyphosat ist angebracht“. Zwar rückte die EU-Behörde von ihrem ursprünglichen Plan, die Zulassung für weitere 15 Jahre auszusprechen, ab und kam den Abgeordneten, die für höchsten sieben Jahre plädiert hatten, entgegen: Bis zum Sommer 2025 (also neun weitere Jahre) darf das Präparat weiter genutzt werden. Landwirte und Hobbygärtner können das Pflanzenschutzmittel weiter nutzen. Auch die Forderung der Volksvertreter, das Verspritzen von Glyphosat in öffentlichen Parks, auf Kinderspielplätzen und Bahnanlagen zu untersagen, kommt die Kommission der Vorlage zufolge nur sehr zurückhaltend nach: Die Mitgliedstaaten werden lediglich ermahnt, Auswirkungen auf Pflanzen und Menschen „besonders zu beobachten“. Sollte es neue wissenschaftliche Erkenntnisse geben, will Brüssel die Zulassung sofort entziehen.

Doch genau diese Untersuchungen liegen längst vor, erklärte die Grünen-Politikerin Maria Heubuch gestern. „Die Europäische Lebensmittelbehörde weigert sich nach wie vor, sechs Schlüsselstudien zu veröffentlichen“. Dabei stufe die Weltgesundheitsorganisation selbst das Präparat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

Das ist richtig, doch nicht nur der US-Hersteller Monsanto, der mit Glyphosat einen geschätzten Jahresumsatz von 4,8 Milliarden Euro macht, sondern auch das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vertritt die Auffassung, dass der Wirkstoff „keine Gefahren für Mensch und Tier“ birgt.

Dennoch ist nicht sicher, dass es Mitte nächster Woche zu der notwendigen qualifizierten Mehrheit kommt. Denn ganz anders als Deutschland wollen Frankreich und Italien sowie Schweden gegen eine weitere Nutzung votieren. Bulgarien, Griechenland, Luxemburg, Malta, Österreich und Slowenien erwägen offenbar eine Enthaltung.  

 

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