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Krankenhäuser überlastet : Mit Schnupfen in die Notaufnahme

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Immer mehr Patienten steuern ein Krankenhaus an, auch wenn sie ambulant behandelt werden könnten

svz.de von
erstellt am 06.Sep.2016 | 21:00 Uhr

Ein lauer Sonntagnachmittag, ein Stück Erdbeertorte – und schon ist es passiert. Die fünfjährige Lisa wurde von einer Wespe gestochen. Das Geschrei ist groß, die Zunge schwillt an. Es geht sofort in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses. Die Schmerzen lassen nach, die Schwellung bleibt überschaubar. Der Schreck war größer als der Schaden. Aber die Eltern lassen trotzdem lieber einen Klinik-Arzt auf den Stich schauen. Der gibt schließlich endgültig Entwarnung. Solche und auch harmlosere Fälle belasten vor allem an Wochenenden, Feiertagen und nachts die Rettungsstellen der Krankenhäuser zusätzlich – aber auch während der ärztlichen Sprechzeiten kommen zunehmend Patienten, etwa mit Schnupfen oder Fieber.

„Immer mehr Patienten steuern im Notfall das Krankenhaus an, auch wenn sie eigentlich ambulant hätten behandelt werden können“, kritisierte die Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen, Ulrike Elsner, gestern in Berlin. Jährlich kommen mehr als 20 Millionen Patienten in die Rettungsstellen, viele am Wochenende, abends und nachts. Schätzungen zufolge könnten ein bis zwei Drittel von ihnen auch zum niedergelassenen Arzt gehen, weil es sich nicht um einen Notfall handelt. Die Gefahr: Schwere oder lebensbedrohliche Fälle drohten, oft zu spät behandelt zu werden, warnt Elsner. Krankenhäuser tendierten zudem dazu, leichtere Fälle stationär aufzunehmen, obwohl das eigentlich gar nicht nötig sei.

Das Aqua-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen hat die Untersuchung der ambulanten Notfallversorgung in Deutschland durchgeführt und benennt diverse Schwachstellen im System. Nach einer eindeutigen Erklärung, warum in den letzten Jahren auffällig häufig Patienten die Klinik-Rettungsstellen aufsuchen, wird noch gesucht.

Professor Joachim Szencsenyi, Leiter des Aqua-Instituts, stellt Vermutungen an: Es könne daran liegen, dass etwa in Urlaubszeiten zu wenige Arztpraxen geöffnet haben, aber auch der demographische Wandel sei wohl ein Grund, denn mehr ältere Menschen suchten die Rettungsstellen auf. Es gebe außerdem zu wenige Beratungsangebote zur Selbsthilfe.

„Früher hat die Großmutter beim fiebernden Kind die Wadenwickel gemacht, heute weiß keiner mehr, wie das funktioniert“, moniert der frühere Hausarzt Szencsenyi. Solche Kompetenzen müsse man wieder stärken und einfordern, dass jeder sich auch selbst Gedanken mache. Ein weiterer Grund, warum so viele Patienten in die Rettungsstellen kommen: Die 2012 bundesweit eingeführte Rufnummer 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes kennen viele schlichtweg nicht und wählen weiterhin auch bei kleineren Angelegenheiten die 112. Beim Bereitschaftsdienst sind Ärzte im Einsatz, die Patienten in dringenden medizinischen Fällen ambulant behandeln, nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Die Fahrt in die Klinik ist also nicht unbedingt notwendig.

Der Ersatzkassenverband sieht – von der Patientenaufklärung abgesehen – erheblichen Reformbedarf im System der Notfallversorgung. Die Lösung des Problems ist laut Gutachten eine zentrale Anlaufstelle an den Krankenhäusern, die an der Notfallversorgung teilnimmt – sogenannte Portalpraxen, die rund um die Uhr geöffnet haben. Speziell geschultes Personal soll hier akute Fälle von nichtakuten unterscheiden und die Patienten vorsortieren. Und zwar in akute Fälle für die Notaufnahme, akute Fälle für eine ambulante Behandlung und nicht akute Fälle für Arztpraxen. Das Krankenhausstrukturgesetz, das zu Beginn 2016 in Kraft getreten ist, sieht ebenfalls Portalpraxen oder Vergleichbares vor.

Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Kliniken entlasten

Mit dem Wespenstich direkt in die Klinik? Die Krankenkassen schlagen aus gutem Grund Alarm. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind völlig überlastet. Wenn dort auf den Fluren zunehmend Patienten mit Bagatell-Beschwerden warten, birgt das natürlich Risiken. Die Versorgung und Behandlung „echter“ Notfälle ist bedroht.

Hier die niedergelassenen Ärzte, die für die Regelversorgung zuständig sind, dort die Kliniken, die sich nur um die schweren Fälle kümmern sollen. Mit der Zeit haben sich Doppelstrukturen entwickelt, die zu überlangen Wartezeiten und zusätzlichen Kosten führen. Was tun, wenn man abends, am Wochenende oder feiertags mal einen Arzt benötigt, aber eben keinen klassischen Notarzt? Viele haben längst den Überblick verloren, was bestehende Angebote angeht. Welche Möglichkeiten es gibt, unterscheidet sich schließlich von Region zu Region.

Mancherorts gibt es funktionierende ärztliche Notdienste, anderswo dagegen haben Kliniken eigens Praxen eingerichtet, um in Randzeiten zu helfen.

Eine Entlastung der Notaufnahmen in den Kliniken ist überfällig. Gelingt das den Kassenärztlichen Vereinigungen nicht, ist der Gesetzgeber gefragt, dafür zu sorgen.


 

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