Streitbar Olympia : Millionen für die Profis

Sendepause für ARD und ZDF: Der Sender Eurosport wird in Deutschland exklusiv die olympischen Wettkämpfe übertragen.
Sendepause für ARD und ZDF: Der Sender Eurosport wird in Deutschland exklusiv die olympischen Wettkämpfe übertragen.

Der Verlust der Übertragungsrechte für die olympischen Spiele kann auch heilsam für die öffentlich-rechtlichen Sender sein, analysiert Jan-Philip Hein

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03. Dezember 2016, 16:00 Uhr

Wer nachts nicht schlafen kann und keine interessanten und ungelesenen Bücher zu Hand hat, verirrt sich beim Zappen schon mal zum Spartensender Eurosport. Anders als bei „Sport1“ preisen dort keine blondierten und silikonbefüllten Frauen Telefondienstleistungen an, stattdessen verrichten sachkundige Sportreporter Dienst, indem sie ausgewiesene Randsportarten wie Snooker oder Dart kommentieren. Das kann bei Schlaflosigkeit allerdings schon mal kontraproduktiv sein. Statt sedierender Kost gibt es öfter Nischenstars am Billardtisch oder an der Dartscheibe zu sehen, außerdem wird der Quizduell-Wissensschatz mit kostbaren Fachbegriffen angereichert. Eurosport ist oft recht unterhaltsam und lehrreich.

Das muss man vorwegschicken, da der Sender seit ein paar Tagen eben nicht mehr als nerdiger Nischenprogrammanbieter gilt, sondern verdächtigt wird, eine Plattform für Superstars und Megasportereignisse zu sein. Der Imagewandel des Programms, das die meisten nicht intuitiv auf ihrer Fernbedienung finden würden, hängt damit zusammen, dass der Sender die Olympischen Winterspiele 2018 aus Pyeongchang (Südkorea) und die Sommerspiele 2020 aus Tokio (Japan) sowie die Olympiade 2022 aus Peking (China) und die Spiele 2024, die noch gar nicht vergeben aber schon verkauft sind, übertragen wird. ARD und ZDF, die quasi seit Menschengedenken die Olympischen Spiele übertrugen, gingen erstmals leer aus.

Angeblich seien die beiden Öffentlich-Rechtlichen nicht bereit gewesen, mehr als 100 Millionen Euro für die Lizenzen zu bezahlen. Auf der anderen Seite des Verhandlungstischs saß mit Discovery Channel ein gerupftes Huhn. Der US-Konzern hat 1,3 Milliarden Euro ans Internationale Olympische Komitee für die Europalinzenzen der Spiele bis 2024 gezahlt. Von ARD und ZDF wollten die Amerikaner angeblich mindestens 150 Millionen Euro allein für den deutschen Markt zurück.

Offenbar geht Discovery davon aus, durch die Vermarktung der Olympia-Berichterstattung auf seinem Tochtersender Eurosport besser dazustehen als mit 100 Millionen vom Gebührenzahler. Jeder „national wichtige Moment“ werde frei empfangbar sein. Man wolle sich auf die nationalen Helden konzentrieren und die Geschichten bringen, die die meisten deutschen Fans interessieren, teilte der Konzern mit.

Superfans als Zahlmeister
Und sonst? Ab zur Kasse: „Superfans“ würden mit einem „All Access Pass“ jede Minute der Spiele auf jedem Gerät und jederzeit und auch überall erleben können. Was das kostet? Noch unklar.

Das Geld habe wie so oft die entscheidende Rolle gespielt, wird nun geklagt, obwohl es doch eigentlich um Unabhängigkeit und Vielfalt gehen sollte. So kommentierte eine Lokalzeitung die für die deutsche Medienlandschaft durchaus einschneidende Entwicklung. Sportpolitiker, Vereine und Athleten sehen die Gefahr, dass Curling, Bogenschießen, Kajakfahren oder andere Exotensportarten nun bald gar nicht mehr auf dem Bildschirm zu sehen seien.

Die meisten Kommentatoren haben gemeinsam, dass sie ein allzu schlichtes Bild malen: Da der böse Privatfunk, der gemeinsam mit den raffgierigen Sportfunktionären des IOC den unschuldigen Amateursport meuchele, dort die armen Athleten und die stets aufopferungsvoll für sie kämpfenden Journalisten und Sportredaktionen von ARD und ZDF. Welch eine nationale Schmach.

Und welch ein Blödsinn. Man kann diesen Quatsch von zwei Seiten als heuchlerisch entlarven. Erstens: ARD und ZDF bieten für Profifußball etliche Fantastilliarden auf. Dem Vernehmen nach gibt das ZDF für jede einzelne Champions League-Saison über 50 Millionen Euro aus. Das würde bis 2024 über 400 Millionen Euro machen, mehr als das Doppelte von dem also, das bis dahin für Olympia zu zahlen gewesen wäre. Und die ARD-Millionen für die Bundesliga-Rechte oder gar die WM- und EM-Lizenzen tauchen in dieser Rechnung noch gar nicht auf.

Preisspirale selbst angeschoben
Das zweite Argument ergibt sich aus dem ersten: Auch bei den Olympischen Spielen kannten die mit Gebührengeld nicht gerade erbarmungswürdig ausgestatteten Sender bis vor ein paar Tagen keine Schmerzgrenze. Dass bei jeder Bieterrunde immer Player am Tisch saßen, die wegen ihrer öffentlichen Finanzierung keine Rücksicht auf Wirtschaftlichkeit nehmen mussten, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Preise in absurde Höhen schossen. Wir alle sind also mittelbar daran beteiligt, dass Sportrechte astronomische Summen kosten. Wäre es den Verantwortlichen von ARD und ZDF also je darum gegangen, Randsportarten zu unterstützen und jedes olympische BMX-Rennen zu übertragen, dann hätten sie nicht Millionen für den FC Bayern, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen ausgeben sollen. Denn deren Auftritte im obersten europäischen Wettbewerb und die Zusammenfassungen aus der Bundesliga gab es auch ohne öffentliches Gebührengeld schon im Privatfernsehen – und das journalistisch kaum anders als bei ARD und ZDF.

Es ist sowieso ein großer Irrtum, wenn man den öffentlich-rechtlichen Sendern automatisch mehr sportjournalistische Kompetenz unterstellt als den Privaten. Etliche Jahre konnte man die Tour de France sowohl in der ARD und parallel dazu bei Eurosport verfolgen. Während die öffentlich-rechtlichen Kommentatoren aus dem bedeutendsten Radrennen der Welt ein Nachmittagsschlafbegleitprogramm mit Landschaftsüberflugbildern und regionalkulinarischen Ratschlägen machten, kümmerte sich die Eurosportcrew um den sportlichen Teil der Veranstaltung. Karsten Migels und seine Co-Kommentatoren behielten renntaktisch den Überblick, während Herbert Watterott und seine ARD-Kollegen noch den französischen Gasthof vom Vorabend würdigten.

Und komme hier jetzt keiner mit Doping. Zwar erwähnten die privaten Sportbeobachter dieses unschöne und gewaltige Kapitel meist nur pflichtschuldig. Doch nebenan bei der ARD war es kaum besser. Das deutsche Team Telekom, nicht sauberer als die meisten anderen Rennställe, wurde sogar vom Öffentlich-Rechtlichen unterstützt. Das Logo des Ersten fand sich auf den magentafarbenen Trikots.

Überfälliger Schock
Warten wir also mal ab, wie sich Eurosport bei den südkoreanischen Winterspielen in zwei Jahren schlagen wird. Meine Vermutung: Was uns heute aufregt, wird dann nur noch etliche Sportredakteure der öffentlich-rechtlichen Anstalten ärgern, denen ein paar Wochen Ausland mit Mixed Zone-Pässen entgehen. Vielleicht ist der Olympia-Schock der längst überfällige Beginn einer Debatte in den Sendern, ob es legitim ist, dreistellige Millionenbeträge für Sportübertragungen auszugeben. Die rund 100 Millionen Euro, die das ZDF und die ARD-Anstalten jetzt für die Olympischen Spiele nicht ausgeben werden, entsprechen dem Etat des kleinsten öffentlich-rechtlichen deutschen Senders Radio Bremen. Das ist ein Laden mit mehreren hundert Mitarbeitern, der gutes Programm fürs Radio, etwas Fernsehen und das Internet produziert. Vielleicht ist Gebührengeld da generell besser angelegt. Notfalls ist in den Pensionskassen der Sender immer Bedarf. Der Profisport hingegen kann sich als Teil der Unterhaltungsindustrie schon selbst gut darstellen. Vielleicht bleibt dann ja auch etwas Geld für die Amateure bei Olympia übrig.

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