Mehr Studenten, weniger Lehrlinge : Land im Akademisierungswahn

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Die deutsche Bildungspolitik ist auf dem Holzweg, meint Ex-Kulturstaatsminister Nida-Rümelin

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25. Juni 2015, 21:00 Uhr

Volle Abiturklassen, die Rekord-Zahl von 2,7 Millionen Studenten in den Hörsälen zwischen Greifswald und München, aber tausende unbesetzte betriebliche Lehrstellen und ein Minusrekord bei den Ausbildungsverträgen: Deutschland steckt im „Akademisierungswahn“. Während die Welt das duale Berufsbildungssystem entdecke, wracke Deutschland es ab – Julian Nida-Rümelins These provoziert, gestern in Rostock beim Bildungsgipfel der Friedrich-Ebert-Stiftung, heute in Greifswald. „Die deutsche Bildungspolitik ist auf dem Holzweg“, meint der Philosoph, Hochschul-Professor und ehemalige Kulturstaatsminister der rot-grünen Schröder-Regierung. Durch den Run auf die Hörsäle laufe das duale Berufsbildungssystem in Deutschland Gefahr, „zur Restgröße zu schrumpfen“.

Das Problem verschärft sich: Das Abitur werde als Regelabschluss dargestellt, das Studium als Normalfall, kritisiert Nida-Rümelin. Eltern mit Bildungspanik und der Furcht, ohne Studium drohe der Abstieg: Für ihn zeigt die jahrelange „Propaganda“ Wirkung, dass Deutschland im internationalen Vergleich der Akademiker-Quote hinterherhinke. Kein zulässiger Vergleich, wiegelt Nida-Rümelin ab. Die USA beispielsweise kenne mit dem College-Abschluss nur einen Abschluss in der Berufsausbildung, Deutschland hingegen auch die duale Berufsausbildung. Vielmehr führe der Akademiker-Drang zu „einer Entwertung der nicht akademischen Berufe“. Zu unrecht: Was ist schlecht am Beruf des Schreiners oder Mechatronikers?, fragt der Ex-Kulturminister: Nichts.

Nida-Rümelin plädiert für ein Bildungssystem, das die Vielfalt von Begabungen wertschätzt: Deutschland brauche eine Rückbesinnung auf die duale Berufsausbildung. Der Trend zu immer mehr Hochschulbildung schätze „das Handwerkliche, das Technische, aber auch das Soziale, das Ethische, das Ästhetische“ gering, sagte Nida-Rümelin kürzlich in einem Streitgespräch mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Die CDU-Politikerin warb gestern beim Aktionstag Pro Berufsausbildung der Wirtschaftskammern in Schwerin sowohl für das Studium als auch für die duale Berufsausbildung als zwei gleichwertige Alternativen.

Nida-Rümelin provokante Thesen, beim Handwerk, beim Mittelstand finden sie Zustimmung. Dabei hat die Wirtschaft selbst die Entwicklung gefördert. Jahrelang seien Industrie- und Arbeitgeberverbände sowie die großen Konzerne die „feurigsten Vertreter“ der Akademisierung gewesen. Mit Folgen: Im Handwerk und Mittelstand werden die Fachkräfte knapp. Nida-Rümelin dringende Warnung: Laut Studien ist bis 2030 in Deutschland mit einer Lücke von über vier Millionen nichtakademischen Fachkräften zu rechnen. Wo sollen die herkommen, wenn bald jeder studiert und sich „keiner mehr die Finger schmutzig machen will“? Und vor allem: Noch geben für viele die guten Verdienstaussichten und die Hoffnung, nach dem Sprung auf eine akademische Arbeitsstelle sinke die Gefahr arbeitslos zu werden, den Ausschlag an einer Uni einzutragen. Doch die Akademikerflut zeigt Konsequenzen: Der Studiendrang produziere arbeitslose Akademiker und sei damit eine „Verschwendung von Bildungsressourcen“, so Nida-Rümelin. Bereits heute fänden nicht alle einen Job entsprechend ihrer Ausbildung. Ein Drittel der Juristen würden nach dem Studium vorerst keine entsprechende Stelle finden. Sein Rat: „Nehmt den Druck von den Kindern, nicht jeder muss das Abitur ablegen und zum Studium gehen.“ Nicht alle könnten Mediziner, Jurist oder Lehrer werden: Es gebe auch andere Jobs.

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