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Herausforderung Alleinerziehend : „Lähmende Existenzangst“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Alleinerziehend in der Armutsfalle: Wenn Familien nur ein Elternteil haben, ist es doppelt schwer – auch finanziell.

Es gab Zeiten in Noahs gerade einmal zweieinhalb-jährigem Leben, da wusste seine Mutter nicht, wie sie sich und ihren Sohn über die Runden bringen sollte. „Da ist dann diese lähmende Existenzangst“, sagt Sylvia Lindner. Wie soll sie das kaputte Auto bezahlen, wo doch alle Ersparnisse längst aufgebraucht sind? Würde sie die Probezeit überstehen für den Job, den sie doch so dringend brauchte, um nicht auf Hartz IV angewiesen zu sein? Wer passt auf das quirlige Kind auf, wenn die Tagesmutter krank ist? Wann endlich zahlt der Vater Unterhalt? Und was wird mal im Alter sein?

Die Mutter aus Dortmund teilt damit das oft nervenaufreibende und herausfordernde Schicksal vieler Mütter und weniger Väter, die ihren Nachwuchs alleine großziehen: Für eine wachsende Zahl von ihnen ist es ein Leben an der Grenze, unterhalb derer man in Deutschland als arm gilt, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt.

Mehr als ein Drittel der Alleinerziehenden ist auf Hartz IV angewiesen – 35 Prozent von ihnen sogar, obwohl sie arbeiten gehen. Dass die wenigsten vom Ex-Partner den Unterhalt bekommen, der ihnen zusteht, benennen die Experten als einen Grund für das wachsende Armutsrisiko.

„Zum Glück bin ich eine Kämpferin mit Lebenserfahrung“, sagt die 36 Jahre alte Lindner. „Denn kämpfen, das muss ich von Tag zu Tag.“ Mit dem Vater ihres Sohnes, der nach der Geburt nicht zu seiner neuen Familie stand, streitet sie bis heute vor Gericht um dessen finanzielle Verantwortung. Nur weil sie ihren Bürojob auf 30 statt bislang 20 Wochenstunden aufstocken konnte, schafft sie es mit Wohngeld und staatlichem Unterhaltsvorschuss über die für sie geltende Armutsschwelle von rund 1200 Euro. „Wir verzichten aber auf vieles“, sagt Lindner.

Unterhalb dieser Grenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens liegen laut Studie inzwischen 42 Prozent der Alleinerziehenden, 6,6 Prozentpunkte mehr als noch 2005.

Armut in Deutschland bedeute zwar nicht, dass es ihnen am Überlebensnotwendigen fehle. Die Unterschiede zwischen Armut und auskömmlichem Einkommen zeigten sich aber deutlich in den Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen und sozialen Leben, erklärt Antje Funcke, bei der Bertelsmann-Stiftung zuständig für die Themen Bildungschanchen und Familie und Mitautorin der Studie.

Oder, wie Lindner und andere Alleinerziehende es erzählen: Keine Reisen, kein Kino, kein Ausgehen, keine besonderen Klamotten, Freunde mit Geld, die sich entfernen, weil die Leben nicht mehr zusammenpassen. Das ständige Nein sagen gegenüber den Kindern, könne zur kräftezehrenden Belastung werden, weiß auch die Expertin: „Dieses Grundgefühl beschreiben die Eltern als extrem erniedrigend und erschöpfend“, sagt Funcke.

Entsprechend laut schallt die Kritik von Sozialverbänden und Betroffenen. Trotz erhöhter Freibeträge seien Alleinerziehende bei Steuern und Sozialabgaben nicht besser gestellt als Singles. Hinzu kommen Nachteile auf dem vor allem für die vielen Frauen mit Kindern oft prekären Arbeitsmarkt. Denn: Das Problem bleibt weiterhin überwiegend weiblich: 89 Prozent der Alleinerziehenden sind Mütter.

Defizite bei der Kinderbetreuung träfen sie doppelt hart, nennt der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter ein weiteres Problem.

Die Studie hebt die finanzielle Lücke hervor, die ausbleibender Unterhalt schlägt. Zwar springe der Staat mit einem Vorschuss ein – aber nur maximal sechs Jahre lang und auch nur für Kinder unter 12 Jahren.

 

 

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