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Ostseeforschung : Krabbe statt Sprotte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Westdorsch in Ostsee ist weniger Fischjäger als bislang angenommen

svz.de von
erstellt am 11.Jul.2017 | 06:00 Uhr

Bislang galt in der Ostsee: Wenig Sprotte – viel Dorsch, viel Sprotte – wenig Dorsch. Die sogenannte Nahrungsschaukel galt für die Abschätzung der Bestandsentwicklung des Dorsches – des größten Raubfisches in der Ostsee – in der Vergangenheit als ein wichtiges Indiz. Fischereibiologen haben nun herausgefunden, dass dieser Zusammenhang zumindest für den Dorsch der westlichen Ostsee, also vor allem vor der deutschen und dänischen Küste, nicht zutrifft.

„Mageninhaltsanalysen haben gezeigt, dass sich der Dorsch in der relativ flachen westlichen Ostsee hauptsächlich von Strandkrabben ernährt“, sagte der stellvertretende Direktor des Thünen-Instituts für Ostseefischerei, Uwe Krumme. „Der Hering spielt nur in der Heringssaison eine wichtige Rolle, die Sprotte ist Nebensache.“

Die Erkenntnisse zur Ernährung des Dorsches in der westlichen Ostsee gingen bislang auf Mageninhaltsuntersuchungen aus den 1960er bis 1980er Jahren zurück. Nahezu alle diese Studien basierten auf Probennahmen in den Wintermonaten und aus Tiefen über 20 Meter, sagte Krumme. In diesen Tiefen ist der Anteil der Fischbeute höher.

Flachwasserareale, in denen sich die Dorsche den größten Teil des Jahres aufhalten, blieben als Nahrungsgebiete bis dato weitgehend unerforscht. Dort haben es die Raubfische in der westlichen Ostsee vor allem auf die heimische Strandkrabbe, ein bis zu zehn Zentimeter großes wirbelloses Krebstier, abgesehen, wie Untersuchungen des Fischereibiologen Steffen Funk jetzt ergaben.

Die Krabbe kommt vom Meeresstrand bis in etwa 20 Meter Wassertiefe vor. „Zwar haben sie einen harten Panzer, können aber nicht schnell fliehen und sind so für Dorsche eine leichte Beute – und die Magensäure erledigt dann den Rest“, erläuterte Krumme. Die Ergebnisse zeigten, dass der Westdorsch zudem dann besonders gut wuchs, wenn er sich in den Flachwasserarealen aufhielt und sich von der Krabbe ernährte. Dort entfaltete er auch eine große Fressaktivität.

Die Mägen der Dorsche waren bei Beprobungen von Fängen aus der kommerziellen Stellnetz- und Schleppnetzfischerei, auf Angelausfahrten sowie Fischereiforschungsfahrten der Universität Hamburg (Institut für Hydrobiologie und Fischerwissenschaften) und des Thünen-Instituts für Ostseefischerei gesammelt worden. Zudem untersuchte Funk auch Mägen von Jungdorschen, die 2014 und 2015 in Bundgarnnetzen gefangen worden waren.

Ist die Strandkrabbe also eine Art Leibspeise für die Dorsche? Es scheint so zu sein. „Die Krabbe ist häufig, leicht zu jagen und ein wichtiger Eiweißlieferant für Dorsche der westlichen Ostsee“, sagte Krumme. Diese Wirbellosen produzierten insbesondere mit der Arachidonsäure eine ungesättigte Fettsäure, die sich positiv auf das Wachstum der Fische und die Reifung der Geschlechtsorgane von weiblichen wie auch männlichen Dorschen auswirke.

Da die Strandkrabbe hohe Salzgehalte benötigt, kommt sie nur in der westlichen Ostsee vor. In der östlichen Ostsee (östlich Bornholms) könnte vor allem die am Meeresboden lebende Riesenassel (Saduria entomon) die Bedeutung der Strandkrabbe als Lieferant für Arachidonsäure übernehmen. Die Riesenassel kann bis zu neun Zentimeter lang werden und ist ein Eiszeitrelikt.

Aufgrund sich ausbreitender Sauerstoffmangelgebiete am Boden der tiefen Becken der östlichen Ostsee sei die Verbreitung der Riesenassel in der östlichen Ostsee allerdings stark rückläufig, so der Fischereibiologe. Dies könnte neben weiteren Umweltfaktoren und dem Einfluss der Fischerei erklären, warum der Dorsch in der östlichen Ostsee seit Jahren dünner und kleiner ist, sagt Krumme.

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