Deutsche Wirtschaft : „Keine Party dauert ewig“

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Die deutsche Wirtschaft wächst und wächst. Volkswirte aber bremsen die Euphorie

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12. Januar 2018, 05:00 Uhr

Wirtschaftsaufschwung, Rekordbeschäftigung, Exportboom – es läuft in Deutschland. Mit 2,2 Prozent Wachstum legte die Wirtschaftsleistung im abgelaufenen Jahr so stark zu wie seit 2011 nicht mehr. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist mit gut 2,5 Millionen Arbeitslosen so gut wie nie seit der Wiedervereinigung. Deutschlands Exporteure steuern auf das vierte Rekordjahr in Folge zu. Und der Staat darf sich über einen Rekordüberschuss freuen.

Einmütig prognostizieren Wirtschaftsforscher eine Fortsetzung des seit nunmehr acht Jahren anhaltenden Aufschwungs 2018. Doch ausruhen, da sind sich die Experten ebenfalls einig, sollte sich Europas größte Volkswirtschaft auf dem Erfolg nicht. „So gut es der deutschen Wirtschaft derzeit geht, viele Schwachstellen sind erkennbar. Nun muss es darum gehen, den volkswirtschaftlichen Glanz in die Zukunft zu tragen“, sagt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Investitionen seien notwendig: in Straßen, Bildung, schnelles Internet. „Es ist an der Zeit anzupacken und sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen“, mahnt Gitzel. „2018 muss das Jahr der Taten werden. Die Startposition für eine neue Regierung könnte kaum besser sein“, bekräftigt BDI-Chef Dieter Kempf.

Die künftige Bundesregierung sollte die „Chance für neue Strukturreformen und Investitionen“ nutzen, rät ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. „Andernfalls könnte Deutschland bald in den Rückspiegel schauen und erkennen, dass die jüngste starke Wachstumsphase nur das letzte Hurra war.“

„Wir brauchen vor allem weniger Bürokratie, einen größeren Freiraum für Unternehmen sowie mehr Investitionen in Bildung und Infrastruktur“, fordert DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. „In keinem Fall jedoch Steuererhöhungen.“ Europas größte Volkswirtschaft sei „ein kostspieliges Land“ – gleich, welchen Maßstab man anlege, analysiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Darunter leide das Image als Wirtschaftsstandort, in der EU sei Deutschland „nur noch Mittelmaß“.

Zunehmend zu kämpfen hat das alternde Deutschland auch mit einem Mangel an qualifiziertem Personal. Einer Analyse der Bundesagentur für Arbeit zufolge, dauert es im Schnitt 156 Tage, bis ein Handwerksbetrieb einen Heizungstechniker gefunden hat. Alten- und Pflegeheime benötigen gar 167 Tage, bis eine vakante Stelle wieder oder neu besetzt war. Über alle Berufe hinweg lag die Vakanzzeit 2017 bei 100 Tagen – zehn mehr als im Jahr 2016. „Dieser Fachkräftemangel wird sich in den nächsten Jahren verschärfen“, erklärt Commerzbank-Ökonom Krämer. Sein Fazit: „In Deutschland herrscht Hochkonjunktur. Aber unter dieser glänzenden Oberfläche erodiert die Wettbewerbsfähigkeit auf breiter Front.“

Noch jedoch geht die Party weiter, die beste Phase habe gerade begonnen, meint Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding. Er warnt zugleich: „Keine Party dauert ewig, nach der Feier droht der Kater.“

Kommentar "Chancen" von Tobias Schmidt

Allen Risiken und Unwägbarkeiten zum Trotz gewinnt die Konjunktur in Deutschland immer mehr Schwung, startet die Wirtschaft mit Volldampf ins neunte Wachstumsjahr in Folge.   Auch in der EU  geht es bergauf. Weil das Wachstum in Deutschland inzwischen hauptsächlich durch die Inlandsnachfrage befeuert wird, verstummt die Kritik aus Brüssel und Paris am deutschen Exportüberschuss.  Die brummende Konjunktur bringt dem deutschen Staat auch noch einen Überschuss von fast 40 Milliarden Euro. Doch von  einer Steuerreform, die deutlich mehr Netto vom Brutto für breite Schichten der Bevölkerung bringen würde, ist nichts zu erkennen.  Und das beste Rezept gegen  soziale Spaltung sind gut bezahlte Jobs. Und das beste Rezept gegen Fachkräftemangel ist eine milliardenschwere Bildungsoffensive.
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