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GDL-Streik : „Jedes Maß überschritten“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wut auf Weselsky wegen XXL-Lokführerstreik / Machtkampf zwischen GDL-Chef und Bahn-Vorstand Weber

„Streiks sind falsch, bleiben falsch und sind für niemanden nachvollziehbar“, sagt Ulrich Weber, der Personalvorstand der Bahn. „Die Eskalation verursacht die Deutsche Bahn AG“, erklärt Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Zwei Männer, zwei Positionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Beide kämpfen um die Deutungshoheit über diesen Arbeitskampf. Jetzt streiken Lokomotivführer, weil Weber und Weselsky nicht zu einem Ergebnis gekommen sind. In 16 Verhandlungsrunden haben die beiden Protagonisten des Tarifstreits miteinander um eine Lösung gerungen. 16-mal ohne Durchbruch. Zwischendurch hat Weselsky siebenmal zum Arbeitskampf aufgerufen und die Deutsche Bahn lahmgelegt. Der achte Streik wird mit voraussichtlich 138 Stunden Dauer der längste in der Geschichte des Unternehmens, ein XXL-Streik zum Ärger von Millionen Bahnreisenden, der für Bahn-Konzern und die deutsche Wirtschaft zu Schäden in dreistelliger Millionen-Höhe führen dürfte.

Hier der eher stoisch wirkende frühere Bergbau-Manager Weber, dort der oft aufbrausende Weselsky, der vor 23 Jahren zuletzt einen Zug gesteuert haben soll und seitdem Gewerkschaftsfunktionär ist. Beide liefern sich einen beispiellosen Machtkampf. Es ist der härteste Tarifkonflikt seit Langem. Und wieder einmal muss die Bahn sich mit Not-Fahrplänen behelfen.

Weber gegen Weselsky, Weselsky gegen Weber, GDL gegen Bahn und umgekehrt – spätestens jetzt verliert die Politik die Geduld. Immerhin ist der Bund 100-Prozent-Eigentümer der Bahn. Selten hat sich die Bundesregierung derart offensiv in einen Tarifstreit eingeschaltet. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht sich für eine Schlichtung aus. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, er habe Verständnis dafür, „wenn viele Bürger über das Ausmaß der Streiks verärgert sind“. „Statt Deutschland lahmzulegen, brauchen wir ernsthafte Verhandlungen“, forderte auch SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Unmut über den Kurs der Gewerkschaft auch im SPD-Präsidium. „Ich kann GDL und Bahn nur auffordern, sofort an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Das Ausmaß der Auseinandersetzungen hat jedes nachvollziehbare Maß überschritten“, erklärte Parteivize Thorsten Schäfer-Gümbel gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Das schade der Akzeptanz von Tarif-Auseinandersetzungen insgesamt: „Dafür wird wohl kaum noch ein Bahnreisender oder Pendler Verständnis haben.“

Für Weselsky geht es in diesen Tagen auch ums große Ganze. Steht der Bundestag doch kurz davor, das Gesetz zur Tarifeinheit zu verabschieden. Sollte es im Sommer in Kraft treten, hätte die kleine GDL plötzlich von einem Tag auf den anderen weniger Macht und Einfluss im Konzern. Spielt die Bahn deshalb auf Zeit? Personalvorstand Weber winkt ab. Ein gutes Miteinander mit den Gewerkschaften sei sein Ziel. Inzwischen weiß der Bahn-Manager allzu gut, dass er GDL-Boss Weselsky und die Kampfbereitschaft der Lokomotivführer auf keinen Fall unterschätzen darf.

Für die deutsche Wirtschaft ist der Dauer-Tarifstreit zwischen Bahn und GDL nicht erst seit gestern eine Zumutung. „Der Bahnstreik kostet die Wirtschaft nicht nur Nerven, sondern richtig Geld. Wenn der Streik wie angekündigt sechs Tage dauert, kommt die Lieferkette ins Stocken“, erklärte gestern DIHK-Chef Eric Schweitzer. „Alles in allem drohen Streikkosten von einer halben Milliarde Euro.“

 


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