Öko-Sektor : Ist es besser, Bio zu kaufen?

„Lernen, mit der Natur zu arbeiten“: SuperBioMarkt-Geschäftsführer Radau.  Foto: Gert Westdörp
„Lernen, mit der Natur zu arbeiten“: SuperBioMarkt-Geschäftsführer Radau. Foto: Gert Westdörp

Öko-Markt-Manager Radau: Branche will Alternative für gesamte Gesellschaft bieten. „Können Transportdilemma nicht lösen“

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22. Mai 2018, 05:00 Uhr

Die Biobranche hat 2017 erstmals mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz erzielt. Michael Radau ist einer der Pioniere des Öko-Sektors. Der Geschäftsführer der „SuperBioMarkt AG“ spricht im Interview mit Redakteur Dirk Fisser über Kundenstruktur und Wachstumsschmerzen des Sektors.

Herr Radau, Sie sind seit Jahrzehnten im Bio-Segment unterwegs. Wie hat sich die Branche verändert?
Ich bin quasi von Anfang an dabei. Damals, als „du Öko“ noch Schimpfwort auf den Schulhöfen war. In den 1980ern bestand das Bio-Angebot vor allem aus Vollwertprodukten. Da gab es keinen raffinierten Zucker in den Regalen der Bio-Läden. Heute steht der Faktor Genuss bei den Produkten mehr im Vordergrund. Und auch die Vielfalt hat zugenommen. Wir haben mittlerweile in einem Markt 7000 bis 8000 Produkte. Angefangen haben wir mit 2000. Vielleicht haben wir immer noch nicht 35 Ketchupsorten, aber so eine Auswahl macht unser Leben ja auch nicht unbedingt einfacher.

Hier liegen Honigmelonen aus Marokko, Avocado aus Kenia und Bananen aus Ecuador. Widersprechen solche Transportwege nicht dem Bio-Gedanken?
Das ist ein Problem, das man als Bio-Vollsortimenter nun einmal hat. Wir haben derzeit auch Äpfel aus Argentinien im Verkauf – ganz einfach, weil die Lagertechnik unserer Öko-Obstbauern aus dem Alten Land noch nicht so weit ist, dass wir ihre Äpfel das ganze Jahr über anbieten könnten. Wir können unseren Kunden nicht sagen: Äpfel gibt es erst wieder ab September. Das Transportdilemma können wir nicht lösen, wir können aber sagen: Wir wissen, wer unsere Bananen und so weiter anbaut. Unsere Mitarbeiter fahren durchaus selbst nach Ecuador und besuchen die Bananen-Bauern. Nur vor Ort bekommt man einen Eindruck davon, ob da jemand aus Überzeugung ökologisch produziert oder ob er nur kurzfristig auf einen Zug aufspringt.

Ist diese Obsttheke hier besser als die bei Rewe, Edeka, Lidl oder Aldi mit der konventionellen Ware?
Ich sage nicht, dass konventionelle Landwirtschaft schlecht ist. Ich kenne auch konventionelle Landwirte, die sehr gewissenhaft arbeiten. Und ebenso gibt es Bio-Betriebe, in denen noch deutlich Luft nach oben ist. Aber unser Grundgedanke ist: Wir müssen lernen, mehr mit der Natur zu arbeiten. Die konventionelle Produktion hat sich weitgehend von der Natur abgekoppelt. Wir wollen die Alternative sein.

Eine Alternative für die gesamte Gesellschaft? Der Hartz-IV-Empfänger oder die Familie mit Durchschnittseinkommen ist sicher nicht die Zielgruppe.
Sie wären überrascht, wie viele Menschen hier mit einem überschaubaren Einkommen einkaufen, denen Bio aber wichtig ist. Wenn alle Menschen Bio kaufen würden, die es sich tatsächlich ohne Weiteres erlauben könnten, dann wären wir schon einen bedeutsamen Schritt weiter.

Was glauben Sie, warum Bio ungeachtet aller Lebensmittelskandale immer noch Nische ist?
Unsere Gesellschaft setzt andere Prioritäten: Die meisten investieren ihr Geld in teure Mobiltelefone, Fernseher oder Autos. Dabei wäre es nicht zwangsläufig teurer, den Ernährungsfokus auf Bio-Lebensmittel zu richten: Dann esse ich eben weniger Fleisch, dafür aber nur gutes, oder trinke weniger Wein, dafür aber nur guten.

Der US-Marktführer Whole Foods richtet sich bei der Suche nach Standorten danach, wie viele Menschen mit Hochschulabschluss dort wohnen. Gilt das auch für Sie?
Ja, das Bildungsniveau ist auch für uns ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung darüber, wo wir einen Standort eröffnen.

Richten Sie sich dann also nur an eine urbane Elite?
Nein, ein höheres Bildungsniveau bedeutet heute ja nicht zwangsläufig auch hohes Einkommen. Viele Menschen mit guter Ausbildung verzichten heute auf das große Geld und leben stattdessen bewusster. Das ist nach meinem Verständnis keine urbane Elite.

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