Bauernprotest Berlin : „Ich will nicht der sein, der aufgibt“

Die Agrarpolitik sorgt bei Landwirten wie Matthias Everinghoff für großen Frust.
Die Agrarpolitik sorgt bei Landwirten wie Matthias Everinghoff für großen Frust.

Heute protestieren Landwirte in Berlin – aber was wollen sie damit erreichen?

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25. November 2019, 20:00 Uhr

Aus ganz Deutschland lauen die Videos und Bilder in den sozialen Netzwerken ein. Wieder einmal rollen die Trecker, auch aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.Über Autobahnen, Landstraßen, Feldwege. Ziel dieses Mal: Berlin. Was wollen, was können die Bauern erreichen? Ein Annäherungsversuch: Für viele Landwirte ist die Hauptstadt Synonym für das, was aus ihrer Sicht schiefläuft: Eine entrückte Parallelgesellschaft diktiert den Bauern ihr Handeln und treibt sie damit in den emotionalen und wirtschaftlichen Ruin.

Die landwirtschaftliche Erzählung vom Meinungsmoloch Berlin funktioniert ungefähr so: Nichtregierungsorganisationen aus den Bereichen Umwelt- und Tierschutz inszenieren Skandale. Journalisten greifen diese auf, spitzen sie der Schlagzeile und Auflage wegen zu. Die Politik reagiert mit aktionistischen Maßnahmen, um das aufgebrachte Wahlvolk in den Städten zu beschwichtigen. Und am Ende muss der Bauer das alles ausbaden. Beispielsweise mit dem sogenannten Agrarpaket der Bundesregierung, das mehr Schutz für Insekten vorsieht, dafür aber den Bauern die Arbeit schwerer macht. Manche sagen unmöglich.

Der Protest gegen gefühlte und tatsächliche Ungerechtigkeiten ist laut. Organisiert wird er vor allem über die sozialen Netzwerke. „Land schafft Verbindung“ hat sich die Bewegung genannt. Über Whatsapp und Facebook wurde und wird mobilisiert. Erst für eine Großdemo in Bonn, dann für eine in Hamburg, zwischenzeitlich für Guerilla-Proteste auf lokaler Ebene und nun eben in Berlin – das Zentrum der politischen Fehlentscheidungen aus Bauernsicht.

Seit Sonntag sitzen die Bauern auf ihren Treckern. Matthias Everinghoff aus Schapen im Emsland verfolgt die Bilder und Fortschrittsmeldungen in den sozialen Netzwerken. Der Milchviehhalter folgt am Dienstagmorgen per Zug. Um 5.15 Uhr geht es los – zu einer Uhrzeit, zu der er normalerweise schon im Stall bei seinen 160 Kühen steht.Es ist der Zorn, der die Bauern und Matthias Everinghoff nach Berlin treibt. Wer dachte, dieses Gefühl würde sich schon verflüchtigen, der hat sich getäuscht. Wer dachte, diese Bewegung ließe sich mit den üblichen Verständnis-Bekundungen der Politik beschwichtigen, auch. Diese Bewegung ist anders. Sie funktioniert außerhalb der üblichen Strukturen der Interessenvertretung. Wer wissen will, was das bedeutet, sollte mit Everinghoff reden. 160 Kühe leben auf seinem Betrieb.

Auch bei ihm hat sich ziemlich viel Zorn aufgestaut: Auf Politik, auf Medien und Gesellschaft – und auch auf den Bauernverband. „Viel zu weit weg“ seien die Funktionäre von den Problemen der Bauern, findet er.

Also organisieren sich die Landwirte neu. Etwa 300 bis 350 Whatsapp-Nachrichten habe er täglich auf dem Handy, schätzt Everinghoff – allein aus der Gruppe der Landwirte aus dem Emsland und der Grafschaft Bentheim, die er mitorganisiert. Für alle Regionen in Deutschland gibt es solche Gruppen.

In Berlin wollen die Bauern nicht nur den Verkehr lahmlegen, sondern auch hören, was Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Bundesumweltministerin Svenja Schulze zu sagen haben. Beide sollen dem Vernehmen nach bei der Kundgebung auftreten. Ob es angesichts der aufgestauten Wut ruhig bleiben wird? „Davon gehe ich aus. Aber bei so vielen Leuten gibt es immer einzelne Schreihälse“, sasgt Everinghoff.

Verborgen geblieben ist es der Politik natürlich nicht, dass es auf dem Land brodelt. Vor allem nicht der CDU, von der sich viele Landwirte „verraten“ fühlen, wie es in den sozialen Netzwerken heißt. Auf dem jüngsten Parteitag der Christdemokraten in Leipzig wurden viele verständnisvolle Worte für die Bauernproteste geäußert.

Die neue Partei-Vizevorsitzende Silvia Breher beispielsweise betonte im Gespräch mit unserer Redaktion, dass es das gute Recht der Bauern sei zu demonstrieren. „Die Landwirte haben Zukunftsängste und sind es leid, als Sündenbock herzuhalten.“ Sie forderte: „Wir brauchen einen tragfähigen Gesellschaftsvertrag und eine Perspektive für die Landwirtschaft.“ So oder so ähnlich klangen viele Vorschläge aus der Politik in den vergangenen Tagen.

Die Bauern aberwollen Ergebnisse. Deswegen haben sie nun 14 Forderungen im Gepäck, auf die Politik und Gesellschaft eingehen sollen. So sollen etwa die Ursachen für das Insektensterben „ergebnisoffen, wissenschaftlich basiert und nicht allein auf die Landwirtschaft beschränkt“ erforscht werden. Das geplante Tierwohllabel der Bundesregierung wird abgelehnt. Und beim Thema Grundwasserbelastung mit Nitrat wollen Bauern eine „objektive Untersuchung“ der Messstellen.

Alfons Balmann hat sich die Liste angeschaut. Er ist Agrarökonom, beobachtet und forscht zu Perspektiven der Landwirtschaft. Zudem sitzt er im Agrarbeirat der Regierung. Er spricht von teils „obskuren Forderungen“, die aufgelistet worden seien. „Das klingt eher nach Ablenkung von tatsächlichen Problemen als nach Zukunftsperspektiven.“ Er sei skeptisch, dass die Bewegung damit Erfolg haben werde. Mit wem solle die Politik verhandeln? Und über was bei dem „Wust aus Forderungen“.

Ablenkung? Das sieht Landwirt Everinghoff anders. „Dass auch etwas aufseiten der Landwirtschaft passieren muss, steht außer Frage. Aber es kann nicht sein, dass immer nur auf die Landwirtschaft gezeigt wird.“

Aber wenn es so kommt, wie Wissenschaftler Balmann vermutet, und die Forderungen ins Leere laufen, was dann? Matthias Everinghoff weiß, dass die Mobilisierung mit der Zeit nachlassen dürfte. Immer wieder tagelang mit dem Trecker durch die Republik zu rollen, ist keine Perspektive. Aber in den Gruppen wird bereits überlegt, wie es ansonsten weitergehen könnte. „Wir müssen die Politiker einfach immer und immer wieder nerven“, sagt er. Dazu bräuchte es nicht jedes Mal die große Treckerdemo.

Zum Abschied formuliert er noch ein anderes Ziel. Das steht so direkt nicht auf der Liste. „Ich will, dass das mit dem Betrieb hier weitergeht“, sagt er. Schließlich sei die Familie seit Jahrhunderten nachweislich hier in Schapen auf der Hofstelle. „Meine Vorfahren haben die Leibeigenschaft überwunden, einige Kriege überstanden. Da will ich nicht derjenige sein, der aufgibt. Aber wenn keines der Kinder will…“

Viele Landwirte fühlen sich derzeit überfordert. Zu viel Anforderungen auf einmal – und dann auch noch teils widersprüchliche. Das räumt auch Wissenschaftler Balmann ein. Aber er weist darauf hin, dass der nächste große Umbruch in der Branche bevorsteht: der technologische Fortschritt in der Landwirtschaft ist enorm. Das werde Konsequenzen haben: „Der Strukturwandel wird an Fahrt aufnehmen, denn viele Betriebe werden diese Schritte nicht gehen können oder wollen. Die Zahl der Bauernhöfe wird weiter abnehmen.“ Und ergänzt: „Protest hin oder her.“

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