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Thomas Winkelmann : Fürstlicher Abflug – trotz Air-Berlin-Pleite

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Empörung über Millionen für Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann

svz.de von
erstellt am 20.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Die Bitterkeit klingt aus jeder Zeile: „Graf Thomas – der Lächler –  Winkelmann“ taufen Piloten ihren Vorstandschef Thomas Winkelmann in einer Chronik der Air-Berlin-Insolvenz. Sie fürchten Jobverlust und Lohndumping, während „das gräfliche Gehalt durch Bankbürgschaft gegen Insolvenz gesichert ist“. Dass der 57-Jährige nach nicht mal einem Jahr mit bis zu 4,5 Millionen Euro nach Hause gehen kann, empört nicht  nur die Belegschaft.  „Raffke“, tönt es. „In einer Situation, in der Tausende Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit stehen, ist das einfach nur asozial“, sagte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider  der „Welt“. Selbst wirtschaftsnahe Politiker in FDP und CDU regen sich auf, zumal ein Staatskredit Air Berlin in der Luft hält. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Wie berechnet sich Winkelmanns Gehalt?
Grundgehalt 950000 Euro, mit Boni  kann es das Doppelte werden. Bei einer Kündigung fließt das Grundgehalt weiter – bis zum Vertragsende nach vier Jahren. Ein branchenüblicher Vertrag, wie Air Berlin betont und jede Kritik zurückweist. Bis zu 4,5 Millionen Euro stehen Winkelmann zu, abgesichert sogar durch eine Bankgarantie.

Warum bekam er so einen Vertrag?
Winkelmann hat ein Himmelfahrtskommando übernommen. Mit einer Ausnahme flog Air Berlin seit 2008 Verluste ein. Die Airline überlebte nur, weil die arabische Etihad als Großaktionär  hunderte Millionen zuschoss, um Zugang zum deutschen Markt zu behalten. Von Winkelmanns Vorgängern konnte sich keiner länger als zwei Jahre an der Spitze halten.

Erfahrene Leute sind da schwer zu locken. Air Berlin wich sogar von ihrer Vergütungsrichtlinie ab, um Winkelmann aus seinem Vertrag bei Lufthansa herauszukaufen. Man habe das Interesse daran, „Herrn Winkelmann in dieser kritischen Zeit zu gewinnen, mit dem Ziel, Misserfolg nicht zu belohnen, abgewogen“, hieß es.

Wer bezahlt das Geld?
Der Geschäftsbericht lässt das offen, Air Berlin verweist nun auf Etihad. „Die von Etihad gestellte Bankgarantie geht nicht zu Lasten der Masse der insolventen Air Berlin und damit nicht zu Lasten der Mitarbeiter und der Kunden. Sie geht auch nicht zu Lasten der Steuerzahler.“ Zudem betont das Unternehmen, Winkelmann arbeite daran, möglichst vielen Mitarbeitern Jobperspektiven zu verschaffen.

Gibt es vergleichbare Fälle?
Managergehälter sind seit Jahren ein Reizthema, weil der Abstand zu den Bezügen einfacher Angestellter zunimmt. Damit wachsen auch die Abfindungen, die immer wieder für Empörung sorgen. VW versüßte seinem Vorstandsmitglied Christine Hohmann-Dennhardt den Abschied nach gut einem Jahr mit über zwölf Millionen Euro. Winkelmanns Vorgänger bei Air Berlin, Stefan Pichler, ging mit einer Abfindung von 1,5 Millionen Euro. Auch Berlins Flughafenchef Rainer Schwarz erstritt nach dem BER-Debakel noch eine Million.

Gibt es keine klaren Richtlinien für ManagerAbfindungen?
Doch, zumindest für  börsennotierte Unternehmen gibt es einen – unverbindlichen – Verhaltenskatalog für gute Unternehmensführung (Deutscher Corporate Governance Kodex). Demnach sollten „Zahlungen an ein Vorstandsmitglied bei vorzeitiger Beendigung der Vorstandstätigkeit einschließlich Nebenleistungen den Wert von zwei Jahresvergütungen nicht überschreiten“. Dem Aufsichtsrat wird empfohlen, darauf bei Abschluss von Vorstandsverträgen zu achten.

Läuft ein abgekartetes Spiel zugunsten der Lufthansa?
Es gibt viele Puzzleteile, die sich zu einem solchen Bild fügen lassen: Winkelmann kommt aus dem Lufthansa-Konzern zur Air Berlin, deren Pleite Insider lange erwarten. Der Manager ruft umgehend die Partnersuche aus und verhandelt mit Lufthansa. Deren Chef Carsten Spohr reist im Merkel-Tross nach Abu Dhabi, wo Air Berlins Großaktionär Etihad sitzt. Nach dem Insolvenzantrag fordert die Politik einen Zuschlag für die Lufthansa als „nationalen Champion“. In ihrem Brief zeichnen die Air-Berlin-Piloten diese „merkwürdige Geschichte“ minutiös nach.

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