Rekordstand : Falschgeld aus dem Internet

Die Hologramme einer echten 50-Euro-Note (l) und einer falschen.
Die Hologramme einer echten 50-Euro-Note (l) und einer falschen.

95.357 falsche Euronoten entdeckt. Das Problem: Heute kann jeder Blüten herstellen oder kaufen – mit wenigen Klicks

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22. Januar 2016, 21:00 Uhr

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden 50-Euro-Scheine kaum. Das glitzernde Hologramm auf der Vorderseite ist täuschend echt – das geben selbst Kenner zu. Doch in einem Fall ist es nachträglich aufgeklebt worden, der Schein ist einer von 46 567 „falschen Fuffzigern“, die im vergangenen Jahr in Deutschland aus dem Verkehr gezogen wurden.

„Fast jeder fünfte falsche Fünfziger ist mit diesem imitierten Hologramm versehen, das über das Internet vertrieben wird“, erklärt Rainer Elm, Leiter des Nationalen Analysezentrums der Bundesbank. Mit ein paar Klicks kann sich im Grunde jeder solche nachgemachten Sicherheitsmerkmale in dunklen Kanälen des Internets auf chinesischen Handelsplattformen besorgen und mit den Hologramm-Stickern billige Farbkopien zu vermeintlich echten Geldscheinen veredeln.

Mancher Kriminelle bestellt sich online auch gleich ganze Bündel von Falschnoten. Bei einer Razzia im November durchsuchten Ermittler in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen zahlreiche  Wohnungen  nach 20- und 50-Euro-Fälschungen. Das Bundeskriminalamt stellte fest: Die in Italien gedruckten Scheine seien „von guter Qualität und im üblichen Bargeldverkehr nur schwer als Blüten zu erkennen“.

Der Handel über das Internet stellt Währungshüter vor neue Herausforderungen. „Die Basis derer, die Falschgeld verbreiten, hat sich dadurch immens vergrößert“, sagt Elm. „Vorher hatten wir es vor allem mit bandenmäßigen Strukturen zu tun. Heute kann im Grunde jeder Falschgeld in Umlauf bringen.“ Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele warnt: „Geldfälschen und Falschgeld in Umlauf zu bringen ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein hochbestrafter Straftatbestand.“

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Die jüngsten Zahlen sprechen für sich: Nie seit Einführung des Euro-Bargeldes 2002 wurden in Deutschland so viele Blüten entdeckt wie 2015, insgesamt 95 357. Der Schaden schnellte auf 4,4 Millionen Euro – die dritthöchste Summe seit 2002.

Auch weltweit gab es einen Negativrekord: 899 000 gefälschte Scheine zählte die Europäische Zentralbank 2015. Das waren gut 60 000 mehr als ein Jahr zuvor und fast 40 000 mehr als beim bisherigen Höchststand 2009 (860 000). Gesamtschaden: gut 39 Millionen Euro.

Meist bleibt der Handel auf dem Schaden sitzen, wenn Verkäufer den Schwindel übersehen und der Betrug erst beim Einzahlen des Geldes bei der Bank auffällt. Für Falschgeld gibt es keinen Ersatz. Nur 10 bis 15 Prozent der Fälschungen fallen nach Bundesbank-Angaben an den Ladenkassen auf.

Im Wettlauf um sicheres Bargeld haben Europas Währungshüter im November vorgelegt. Der neue Zwanzig-Euro-Schein hat ein kleines „Porträtfenster“, das durchsichtig wird, wenn man die Banknote gegen das Licht hält. Das gab es bei einer Papierbanknote noch nie – schon gar nicht bei einer Menge von 4,3 Milliarden Stück. Aber: „Wir können nicht jeden Tag eine neue Banknote in Umlauf bringen, doch wir arbeiten jeden Tag daran, die Banknoten zu verbessern“, so Elm.

Eine Welt ohne Bargeld?

Sollte man Bargeld ganz abschaffen? Dann wäre auch das Falschgeldproblem mit einem Schlag aus der Welt. Bargeld helfe nur noch Geldwäschern und anderen Kriminellen, ihre Geschäfte zu verschleiern, sagte Deutsche-Bank-Chef John Cryan in dieser Woche beim Weltwirtschaftsforum in Davos – und überraschte mit einer gewagten These: Bargeld werde in den nächsten zehn Jahren verschwinden. Denn: „Cash ist fürchterlich teuer und ineffizient.“

Doch gerade die Deutschen hängen an Schein und Münze. Während etwa Schweden und Dänemark ihren Zahlungsverkehr radikal digitalisieren, zahlen die Menschen in Deutschland nach wie vor vor allem bar: Bei 79 Prozent der Transaktionen, wie die Bundesbank 2014  errechnet hat. Gut die Hälfte (53 Prozent) der Umsätze im Einzelhandel werden mit Bargeld abgewickelt.

„Meines Erachtens wird der Anteil des unbaren Zahlungsverkehrs zunehmen und trotzdem wird Bargeld bleiben“, bekräftigte Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele angesichts des Cryan-Vorstoßes in der „Bild“-Zeitung. Barzahler schätzen es, dass sie einen genaueren Überblick über ihre Ausgaben haben und sich beim Bezahlen keine Sorgen über Datenschutz machen müssen.

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